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Weggehtendenz bei Pflegekunden? – Sichern Sie sich ab

03.07.2020

Als offene Einrichtung ohne geschützten Bereich haben Sie und Ihre Mitarbeiter kaum Möglichkeiten, Ihren Bewohner dauerhaft und wirkungsvoll am Verlassen Ihrer Einrichtung zu hindern. Zudem dürfen Sie ihn nicht gegen seinen Willen am Fortgehen hindern, sind aber gleichzeitig für seine Unversehrtheit verantwortlich.

Besonders wenn ein mobiler demenziell veränderter Bewohner neu in Ihre Einrichtung einzieht, ist die Gefahr hoch, dass er unbeobachtet das Haus verlässt. Mögliche Gründe hierfür gibt es viele, etwa:

  • Er hat vergessen, dass er jetzt in Ihrer Einrichtung wohnt.
  • Er fühlt sich nicht wohl und will deshalb fort.
  • Er möchte spazieren gehen oder einkaufen.

Bestimmt wissen Sie aus Erfahrung, dass sich dieses Verhalten meist schnell legt, wenn sich Ihr Bewohner erst einmal an den Rhythmus und das Leben in Ihrer Einrichtung gewöhnt hat.

Die folgenden 7 Maßnahmen bieten Ihnen und Ihren Mitarbeitern bei Weggehtendenz Ihrer Pflegekunden Handlungssicherheit.

1. Maßnahme: Zeigen Sie Ihre Möglichkeiten und Grenzen auf

Erklären Sie dem Betreuer / Bevollmächtigten ausdrücklich, was Sie im Hinblick auf die Weggehtendenz Ihres Bewohners leisten können und was nicht. Denn nach einem Urteil des Thüringer Oberlandesgerichts (Urteil vom 23.03.2011, Az.: 2 U 567/10) musste eine Einrichtung Schadensersatz leisten, weil eine Bewohnerin aus der Kurzzeitpflege mehrmals unkontrolliert die Einrichtung verließ und hierbei stürzte. Die Begründung: Die Einrichtung hätte klarstellen müssen, dass sie nicht die richtige Einrichtung für die betroffene alte Dame sei, oder sie lückenlos beaufsichtigen müssen.

Entsprechend ist es wichtig, dass Sie als Einrichtung aufzeigen, wo Ihre Grenzen liegen. Erklären Sie schon vor der Aufnahme eines weggehgefährdeten Bewohners oder -falls dies nicht im Vorfeld bekannt ist- beim 1. unkontrollierten Verlassen Ihrer Einrichtung, welche Möglichkeit Sie haben und über welche Wege er das Haus verlassen kann. Benennen Sie realistisch, wie häufig Sie eine Nachschau veranlassen können.

Schildern Sie, welche Gefahren sich in der näheren Umgebung Ihrer Einrichtung befinden, und verdeutlichen Sie, welche Auswirkungen hierdurch für Ihren weggehgefährdeten Bewohner entstehen können.

Wichtig: Halten Sie die Kernaspekte aus diesem Gespräch sowie die konkrete Stellungnahme des Betreuers / Bevollmächtigten fest. Protokollieren Sie genau, welche Gefahrenquellen Sie für Ihren Bewohner mit Weggehtendenz erkennen.

Lassen Sie sich unterschreiben, dass der Betreuer / Bevollmächtigte diese in Abwägung zum Freiheitsdrang Ihres Bewohners Kauf nimmt. Lassen Sie sich die Absprache jedes Mal schriftlich bestätigen, wenn Ihr Bewohner das Haus ohne Begleitung verlassen hat und wiedergefunden wurde.

2. Maßnahme: Eine Ortsliste hilft bei der Suche

Lassen Sie sich von Angehörigen eine Adressenliste zusammenstellen. Sie sollte möglichst alle früheren Wohnorte sowie Adressen und Telefonnummern von Bekannten, Verwandten, Freunden oder ehemaligen Nachbarn enthalten. Bitten Sie diese, sofort anzurufen, falls der gesuchte Bewohner bei ihnen eintrifft. Vielleicht sind diese sogar bereit, kurz in ihrer näheren Umgebung nachzuschauen, ob sich Ihr Bewohner dort aufhält.

Falls es besondere Orte gibt, etwa den früheren Arbeitsplatz, ein Grab auf einem Friedhof oder eine bestimmte Spazierstrecke, sollten auch diese vermerkt sein. Sinnvoll ist es zudem, diejenigen Orte und Personen zu kennzeichnen, die Ihr Bewohner am wahrscheinlichsten aufsucht.

3. Maßnahme: Erstellen Sie eine konkrete Gefährdungsanalyse

Nicht jeder Bewohner, der Ihr Haus verlässt, ist gleich gefährdet.

Beispiel: Frau Müller lebt in einem Pflegeheim in einer Kleinstadt. Alle die Einrichtung umgebenden Straßen sind verkehrsberuhigt. Sie findet den Weg zu ihrer früheren Wohnung ohne Probleme. Wenn sie dort angekommen ist, klingelt sie bei einer Nachbarin, die die Einrichtung sofort verständigt. Falls Frau Müller niemanden im Haus antrifft, zupft sie Unkraut im Garten des Gebäudes. Da die alte Dame bei schlechtem Wetter das Haus nicht verlässt und immer einen Mantel anzieht, wenn es kalt ist, ist das Gefährdungspotenzial gering.

Die Gefährdungsanalyse bildet die Basis für die Planung entsprechender Prophylaxen, die geeignet sind, dass Gefahrenpotenzial insgesamt zu senken. Wägen Sie bei Ihrer Analyse insbesondere diese Aspekte ab:

  • individuelle körperliche Faktoren, wie Orientierungssinn, Gehfähigkeit, Kondition, Dehydratationsgefahr, Stürze, Erschöpfung, Unterkühlung, Hitzestau, Unterzuckerung
  • geistige Fähigkeiten, wie etwa für angemessene Kleidung sorgen, Passanten gezielt um Hilfe bitten, Orientierungs sinn
  • Umgebungsgefahren, wie etwa stark befahrene Straßen oder eine Haltestelle vor der Tür, die zum Wegfahren einlädt

4. Maßnahme: Dokumentieren Sie alle Warnzeichen

Oft kündigen Bewohner durch ihr Verhalten an, dass sie das Haus verlassen wollen. Oft sind dies eindeutige Anzeichen, etwa die Bewohnerin, die meist erst eine Zeitlang mit Turban und Sonnenbrille im Flur sitzt, wenn sie beabsichtigt fortzugehen. Da alle Mitarbeiter diese Anzeichen kennen, reagiert jeder sofort darauf, indem er die alte Dame in ein Gespräch verwickelt und sie so lange mit kleinen Alltagstätigkeiten beschäftigt, bis sie ihr Vorhaben vergessen hat.

Mögliche Warnzeichen, die das Verlassen der Einrichtung ankündigen, sind etwa:

  • Der Bewohner ist unruhiger als sonst oder wirkt getrieben.
  • Er fragt häufi g nach den Eltern oder will dringend nach Hause.
  • Er deutet an, dass er hier nicht bleibt und gar nicht weiß, wie er zu Ihnen gekommen ist.
  • Er hält sich in der Nähe von Aufzug oder Treppenhaus auf.

Dies sind nur einige Beispiele. Ihre Mitarbeiter sollten jeweils die individuellen Anzeichen des betroffenen Bewohners dokumentieren.

5. Maßnahme: Besprechen Sie die Vorgehensweise

Klären Sie ab, ob sich im Fall der Fälle die Angehörigen auf die Suche begeben, denn Sie als Einrichtung können eine lange andauernde Suche nicht immer gewährleisten. Erklären Sie, dass Sie daher die Polizei anrufen, wenn die Suche in Ihrer Einrichtung und in der näheren Umgebung erfolglos war. Falls die Angehörigen ein Ortungssystem einsetzen wollen, können sie ein solches anschaffen.

Hinweis: Je mehr Verantwortung Sie beim Einsatz eines Personenortungssystem übernehmen, desto mehr Verantwortung kommt Ihnen auch beim Auffinden des Bewohners zu. Sobald Sie an der Benutzung des Ortungssystems beteiligt sind, haben Sie auch Sorge dafür zu tragen, dass Ihr Bewohner das Gerät bei sich trägt und dass es aufgeladen ist. Klären Sie außerdem ab, ob Ihr zuständiges Betreuungsgericht dies als freiheitsentziehende Maßnahme einstuft oder nicht. Denn in diesem Fall dürften Sie die Anwendung ohne richterliche Genehmigung nicht unterstützen.

6. Maßnahme: Erstellen Sie ein Datenblatt für die Polizei

Viele Mitarbeiter sind aufgeregt, wenn ein Bewohner vermisst wird, und vergessen wichtige Angaben an die Beamten weiterzugeben. Erstellen Sie daher ein Formular, auf dem die wichtigsten Informationen schon vorgefertigt sind und auf dem Ihre Mitarbeiter nur noch aktuelle Daten wie die Kleidung eintragen müssen.

7. Maßnahme: Analysieren Sie jedes Ereignis

Oft sind Ihre Mitarbeiter so erleichtert, dass der Vorgang mit dem Wiedererscheinen Ihres Bewohners abgeschlossen zu sein scheint. Werten Sie die Situation jedoch mithilfe dieser Fragen aus, um neue Informationen zu gewinnen und hieraus ggf. weitere Maßnahmen abzuleiten:

  • Wo wurde Ihr Bewohner aufgefunden?
  • Wie weit hat er sich von Ihrer Einrichtung entfernt?
  • Wie lange war er unterwegs?
  • Welche Fortbewegungsmittel hat er benutzt?
  • Wie sind der körperliche und der psychische Zustand des Bewohners?
  • Gab es erkennbare Auslöser für das Verlassen der Einrichtung?

Mit den genannten Handlungen weisen Sie nach, dass Sie alle notwendigen Maßnahmen im Sinne Ihres Bewohners getroffen haben. Wichtig ist zudem, dass Sie genaue Absprachen mit dem Bevollmächtigten / Betreuer Ihres Bewohners treffen und diese schriftlich festhalten. Auf diese Weise sichern Sie sich ab.

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