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Aggressivität bei Menschen mit Demenz - Wenn Verhalten uns herausfordert

24.12.2018

Vielleicht kennen Sie diese Situation: Frau Schulz leidet unter einer mittelgradigen Demenz und lebt seit 2 Jahren in der Einrichtung. Bisher war der Umgang immer unproblematisch. Frau Schulz war immer zuvorkommend und nett. Seit einigen Wochen aber weigert sie sich, bei der Körperpflege und beim Ankleiden Hilfe anzunehmen. Zuerst hat sie nur misstrauisch geschaut und leise geschimpft, aber mittlerweile müssen sich die Pflegekräfte schon am Morgen heftige Beschimpfungen und Beleidigungen anhören.

Manches Mal versucht Frau Schulz sogar, die Pflegenden zu schlagen. Beschwichtigende Worte steigern die Aggressionen nur, und mittlerweile geht niemand mehr gern zu ihr. Alle Kollegen sind schon vor dem Eintritt in das Zimmer angespannt, und die Pflege wird auf ein Minimum reduziert. Manchmal müssen sogar 2 Pflegekräfte Frau Schulz versorgen.

Aggressives Verhalten ist wohl eine der für uns problematischsten Verhaltensweisen bei demenzerkrankten Bewohnern. Dabei sind Aggressionen nicht immer nur negativ, sie können auch durchaus als Stärke, Lebenswille und Lebendigkeit wahrgenommen werden. Aggressives Verhalten gehört bei allen Menschen zur angeborenen Grundausstattung und ist biologisch und sozial notwendig, um in der Gemeinschaft zu überleben. Wir lernen aber durch unsere Erziehung und Sozialisation sowie die gesellschaftliche Orientierung an Werte und Normen, unsere aggressiven Impulse – mehr oder weniger – zu kontrollieren und trotzdem unsere Interessen und Bedürfnisse zu bewahren.

Wir tun dieses z. B. durch Argumente in Aussprachen und Diskussionen, durch die Suche nach anderen, neuen Lösungen, durch die Hilfe anderer Menschen oder durch das Vermeiden bestimmter Situationen. Dem Menschen mit Demenz sind diese Kontrollmechanismen krankheitsbedingt abhandengekommen, und er handelt nur noch nach seiner ihm zur Verfügung stehenden eigenen Logik. Er handelt also erst einmal für sich selbst sinnvoll. Machen Sie sich dies als Pflegekraft immer wieder deutlich bewusst.

Aggressionen sind in der Regel immer Reaktionen auf körperliche und/ oder psychische Reize wie z. B. Frustration, verschiedene Stressfaktoren, Angst, Unterdrückung oder Bevormundung, sie können aber auch Ausdruck von Leiden, Schmerzen oder Bedrohung sein.

Welche Auslöser für schwierige, aggressive und problematische Verhaltensweisen sind möglich?

  • somatische Erkrankungen – dazu gehören alle biologischen Faktoren, Hören und Sehen
  • Schmerzen
  • Medikamente – Wechselwirkungen und/oder Nebenwirkungen
  • Wechsel in der Umgebung
  • Wechsel in Routinen und/oder Ritualen
  • Überforderung
  • Unruhe und Hektik
  • Ängste, Stress, Frustration
  • Missverständnisse – widersprüchliche oder unverständliche Informationen
  • Verkennung und/oder Fehldeutung
  • Reizüberflutung / Reizmangel
  • Scham
  • Gefühl der Bedrohung, z. B. durch fremde Umwelt
  • Fehlinterpretationen der Betreuer, häufig durch fehlende Bezugspflege

Bei der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in Bezug auf den Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen ist die aufmerksame Beobachtung des Verhaltens, das diese Situationen auslöst, für Sie der wichtigste Punkt, um dieses zu minimieren. Dieser Aspekt wird leider viel zu häufig vernachlässigt, und es wird lediglich versucht, mit den bereits entstandenen konflikthaften Situationen umzugehen.

Wenn diese Situationen jedoch schon im Vorfeld von Ihnen erkannt werden, verlieren sie ihren Schrecken, und es kann leichter Abhilfe geschaffen werden, denn Sie können rechtzeitig und auf die Bedürfnisse der Erkrankten individuell angepasst reagieren. Dieses hat zudem den Effekt, dass häufig vermieden werden kann, dass schwierige Situationen überhaupt erst entstehen. Zudem wird so auch verhindert, dass unnötiges Leid beim Bewohner entsteht oder Situationen eskalieren.

Der Austausch im Team über das Auftauchen solcher Situationen hilft allen bei der täglichen Pflege und Betreuung und der Einstellung auf derartige Probleme. Gerade bei einer stattfindenden Bezugspflege ist der zuständige Mitarbeiter im Grunde ein Experte für den zu Pflegenden und kann unter Umständen schnell erkennen, was diesen gestört, geärgert oder gereizt hat. Zudem sollte von Ihnen auch immer der äußere Rahmen angeschaut werden: Gibt es vielleicht neue Bewohner auf dem Wohnbereich? Wurde in den genutzten Räumen etwas verändert oder Ähnliches?

Hinweis: Der demenzerkrankte Mensch betrachtet sein aggressives Verhalten in der Regel keineswegs als problematisch. Es stellt für ihn in der Regel kein Problem dar.

Wenn es problematische oder kritische Situationen gegeben hat, ist es wichtig und notwendig, die jeweilige Situation zu analysieren, um ihr besser begegnen zu können.

Was können Sie tun?

Sollte es zu kritischen Situationen kommen, versuchen Sie, diese zu deeskalieren und keinesfalls zu verschärfen. Wichtig ist, dass Sie selbst ruhig bleiben. Sobald Sie selbst Aufregung oder gar Angst zeigen, könnte sich der demenzerkrankte Bewohner noch mehr aufregen. Sprechen Sie daher in einer ruhigen und gleichmäßigen Tonlage, oder hören Sie einfach nur zu. Bewegen Sie sich dabei nicht auf die Person zu, achten Sie auf einen respektvollen Abstand, und vermeiden Sie besonders bei aggressiven Erkrankten, diese zu berühren, wenn dies nicht unbedingt notwendig ist.

Erklären Sie dabei ruhig, was Sie tun und warum. Teilen Sie dem Erkrankten – auch nonverbal – mit, dass Sie ihn ernst nehmen und sich für seine Sorgen interessieren. Manchmal kann es auf manche Erkrankte aber auch sehr tröstend und positiv wirken, wenn man sie berührt, streichelt oder kurz in den Arm nimmt. Damit gibt man ihnen zu verstehen, dass „alles in Ordnung ist“. Hier ist es aber sehr wichtig, den Betroffenen und seine Reaktionen und Vorlieben gut zu kennen.

Das Zeigen der Handinnenflächen ist ein allen Menschen vertrautes Zeichen von Friedfertigkeit (Hände hoch!). Eine von Ihnen eingenommene beruhigende oder vielleicht unterwürfige Körperhaltung entspannt die Situation. Handeln Sie immer in dem Bewusstsein, dass der Mensch mit Demenz all diese Handlungsmöglichkeiten selbst nicht mehr in seinem Repertoire hat und sich durch unsere angebotenen Hilfestellungen wieder sicher fühlen soll.

Bitten Sie zudem evtl. andere anwesende Personen, den Raum zu verlassen und sich nicht einzumischen, um den Erkrankten nicht noch mehr zu überfordern. Wenn eine Beruhigung eingetreten ist, versuchen Sie, zügig eine Ablenkung wie z. B. eine Aktivität oder ein Getränk anzubieten, wovon Sie wissen, dass sie / es dem Betroffenen gefällt.

Wenn es kritisch wird, ist es hilfreich...

  • ... verständnisvoll zu sein.
  • … sich ohne Bewertung die Vorwürfe und Beschwerden anzuhören.
  • … für Ruhe in der Umgebung zu sorgen.
  • … das aggressive Verhalten – wenn noch möglich – zu ignorieren.
  • … nach Ablenkungen zu suchen.
  • … einen neuen Anfang zu finden.
  • … vielleicht später einen 2. Versuch zu starten.
  • …selbst ruhig und so gelassen wie möglich zu bleiben, keine Angst zu zeigen.
  • … das Verhalten nicht persönlich zu nehmen.
  • … in gleichmäßiger Tonlage ruhig und klar zu sprechen.
  • … nicht zu diskutieren.
  • … sich nicht selbst die Schuld zu geben.
  • … mit anderen über den Vorfall zu sprechen.
  • … die wahrscheinlichen Gefühle des Kranken auszusprechen.
  • … dem Menschen mit Demenz Raum zu geben, sich, sofern möglich, nicht auf ihn zuzubewegen.
  • … ihn unter Umständen nicht zu berühren.
  • … eine beruhigende, evtl. auch unterwürfige Körperhaltung einzunehmen.

Einige Grundvoraussetzungen, mit denen Sie schwierige und problematische Situationen von vornherein vermeiden können

Achten Sie auf eine ausreichende Helligkeit. Warmes, indirektes Licht mit mindestens 500 Lux sorgt für eine positive Grundstimmung. Angemessene Temperaturen spielen eine wichtige Rolle: Zu hohe Temperaturen machen aggressiv, zu niedrige Temperaturen fördern das Unwohlsein. Angenehme Gerüche sorgen für eine angenehme Stimmung, übelriechende Düfte dagegen machen fast alle – auch gesunde – Menschen aggressiv. Dasselbe gilt für angenehme und unangenehme Geräusche.

Schaffen Sie Bewegungsfreiheit und Orientierung: Menschen mit Demenz wollen sich in vertrauter Umgebung bewegen und suchen immer wieder Auswege aus räumlicher Enge oder unbekannten Regionen. Routinen und Rituale können ein Schlüssel sein. Genügend und angemessen angebotene Aktivierung und Beschäftigung verhindern das Gefühl von Untätigkeit und des „Nicht-mehr-gebraucht-werdens“, fördern die Ressourcen und erhöhen das Selbstwertgefühl sowie die Kompetenz der Betroffenen.

Anhand der nachfolgenden Übersicht können Sie unter Umständen erkennen, ob das schwierige Verhalten des Menschen mit Demenz nur in ganz bestimmten Situationen, Räumen, Zeiten und/oder im Umgang mit ganz bestimmten Menschen auftritt. Sollte dieses gelingen, ist es oftmals nur ein kleiner Schritt, um die Situation durch kleine Veränderungen im Umfeld oder im Umgang positiv zu verändern.

  1. In welchen Momenten kam es zu den kritischen Situationen?
  2. Wann trat die Problematik zum 1. Mal auf?
  3. Zu welchen Zeiten?
  4. Wie fand die Situation Ausdruck (sprachlich, körperlich, emotional)?
  5. Was genau ging vor sich (Körperwäsche, Toilettengang, Gespräch)?
  6. Gab oder gibt es Vorzeichen, trat die Situation unvermittelt ein, oder was geschah unmittelbar vorher?
  7. Wer war beteiligt, gegen wen war das Verhalten gerichtet?
  8. Wie lange dauerte das Verhalten an?
  9. Wo ergab sich die Situation (Wohnzimmer, Gemeinschaftsraum, Bad)?
  10. Wie haben die Beteiligten reagiert?
  11. Welche Interventionen oder Reaktionsweisen wurden ausprobiert, um die Situation zu entschärfen? Was hat funktioniert und was nicht?
  12. Wurden Medikamente eingesetzt, und wenn ja, haben diese etwas genutzt?
  13. Musste die erkrankte Person von anderen isoliert werden, hat sie sich selbst wieder beruhigt?
  14. Hat die erkrankte Person einen „Gewinn“ durch ihr Verhalten erzielt (z. B. mehr Aufmerksamkeit, Nahrungsmittel, andere Annehmlichkeiten)?
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