Verlag & Akademie

Beratungsbesuche: Bei Kaffee und Kuchen können Sie nicht hinter die Fassade schauen

12.04.2019

Wenn Sie zu einem Beratungseinsatz gehen, sollten Sie Ihre Beratungsaufgabe sehr ernst nehmen. Denn es geht nicht darum, ein nettes Gespräch bei einer Tasse Kaffee zu führen, sondern um konkrete, sachbezogene Beratung und die Sicherung der Qualität in der häuslichen Pflege. Denn ob die Pflege tatsächlich sichergestellt ist, können Sie bei einem Gespräch gar nicht beurteilen, da Sie nicht hinter die Fassade schauen können.

Beispiel: Ingrid Hase, PDL und Inhaberin des Pflegedienstes „Konkret“, ist zum Beratungsbesuch angemeldet. Sie kommt zum Termin, die pflegende Angehörige bittet sie ins Wohnzimmer, wo schon die Pflegebedürftige in ihrem Sessel sitzt. Die Angehörige bietet der PDL einen Kaffee an. Ingrid Hase fragt die Angehörige, ob bei der Pflege alles gut läuft, und erkundigt sich auch bei der Pflegebedürftigen nach dem Befinden. Beide bestätigen der PDL, dass alles in Ordnung ist und keine Fragen bestehen. Ingrid Hase stellt das Beratungsformular aus, kreuzt an, dass die Pflege sichergestellt ist, und geht wieder. Was Ingrid Hase nicht sieht: Die Pflegebedürftige wird von der überforderten Tochter geschlagen und hat am ganzen Körper blaue Flecken. Aus Überforderung holt die Tochter die Pflegebedürftige an manchen Tagen auch nicht aus dem Bett und lässt sie in den nassen Windeln liegen, sodass die Pflegebedürftige einen tiefen Dekubitus am Gesäß hat. Die Pflegebedürftige stirbt 2 Tage nach dem Beratungseinsatz. Der Arzt, der den Tod feststellen sollte, informiert die Staatsanwaltschaft über den Zustand der Verstorbenen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und möchte von der PDL wissen, warum sie dokumentiert hat, dass die Pflege sichergestellt sei.

Das sind Ihre Aufgaben bei den Beratungsbesuchen

Solche Fälle wie in unserem Beispiel sind selten, aber sie geschehen. Sie sind Folge des Elends im Pflegealltag hinter verschlossenen Türen. Beratungseinsätze dienen vor allem der Beratung und der Sicherung der Qualität in der häuslichen Pflege. So können etwa vorhandene Defizite frühzeitig erkannt und es kann ihnen entgegengewirkt werden.

Als professioneller Pflegedienst können Sie anlässlich der Beratungseinsätze nicht nur praktische Hilfe für die Pflegetätigkeit vermitteln, sondern auch beraten über:

  • den möglichen Einsatz von Pflege- und Hilfsmitteln,
  • die Höherstufung in einen Pflegegrad,
  • sinnvolle Maßnahmen der Wohnungsanpassung,
  • Sicherheitsvorkehrungen im häuslichen Bereich,
  • Inanspruchnahme von Leistungen der häuslichen Pflege, Entlastungsleistungen, Betreuungsangebote, Tagespflege, Kurzzeitpflege und die Verhinderungspflege,
  • Leistungen zur medizinischen Rehabilitation,
  • Einschaltung des behandelnden Arztes, kommunaler Einrichtungen oder einer gesetzlichen Betreuung nach dem Betreuungsgesetz,
  • weitergehende Beratungs- und Schulungsmöglichkeiten.

Diese Aufgabe können Sie aber nur erfüllen, wenn Sie während des Beratungseinsatzes folgende 7 Punkte ermitteln:

  1. Körperliche und psychische Belastung der Pflegeperson
  2. Hygiene des häuslichen Umfeldes
  3. Hinweise oder Verdacht auf Verwahrlosung des Pflegebedürftigen in der Häuslichkeit
  4. Soziale Kontakte und Kommunikation
  5. Notwendigkeit, Bereitstellung, Nutzung und Wartung von Pflegehilfsmitteln, die die Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen unterstützen
  6. Körperliche Inaugenscheinnahme und Beurteilung des pflegerischen Zustandes des Pflegebedürftigen
  7. Wünsche und Bedürfnisse des Pflegebedürftigen und seiner Pflegeperson Das heißt konkret, dass Sie bei der Pflege zuschauen oder sich bestimmte Pflegetechniken oder Körperstellen zeigen lassen sollten.

Das heißt konkret, dass Sie bei der Pflege zuschauen oder sich bestimmte Pflegetechniken oder Körperstellen zeigen lassen sollten.

Beispiel: Ingrid Hase hat die Durchführung der Beratungsbesuche geändert. Sie erkundigt sich bei der Pflegeperson, wann die Pflegebedürftige aus dem Bett geholt wird – dies ist um 7.00 Uhr der Fall. Sie vereinbart daher um 7.00 Uhr den Beratungstermin. Während der Durchführung der Morgentoilette fällt der PDL auf, dass es der Pflegeperson sehr schwerfällt, die Pflegebedürftige aus dem niedrigen Bett zu heben. Zudem stellt die PDL fest, dass die Pflegebedürftige unter den Brüsten eine beginnende Intertrigo aufweist. Die PDL informiert die Pflegebedürftige und die Pflegeperson über die Nutzung eines höhenverstellbaren Pflegebettes und zeigt, was zu tun ist, um eine Intertrigo zu vermeiden.

Die Informationen aus diesen Beratungseinsätzen sollen dazu beitragen, dass alle an der Pflege Beteiligten ihre Möglichkeiten zur Verbesserung der individuellen Pflegesituation umfassend ausschöpfen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn jeder Pflegedienst die Beratungsbesuche konsequent durchführt. Hinweis: Die körperliche Inaugenscheinnahme können Sie nur durchführen, wenn der Pflegebedürftige zugestimmt hat.

Stellen Sie die Durchführung Ihrer Beratungsbesuche schrittweise um:

  • Neue Beratungskunden: Bei neuen Pflegebedürftigen, die einen Beratungsbesuch bei Ihnen anfordern, vereinbaren Sie einen Termin zur Pflegezeit. Dann können Sie bei der Pflege zuschauen und sich bestimmte Pflegetechniken oder Körperstellen zeigen lassen. Zukünftig sind diese Beratungskunden es dann gewohnt, dass Sie so vorgehen. Hinweis: Ist es Ihnen zeitlich nicht möglich, zur Pflegezeit zu kommen, da ja gerade am Morgen alle gepflegt werden möchten, sollten Sie sich zumindest bestimmte Pflegetechniken oder Körperstellen während des Beratungseinsatzes zeigen lassen.
  • Bestehende Beratungskunden: Bei bestehenden Beratungskunden können Sie Ihr Vorgehen nicht gleich komplett umstellen, denn schließlich sind diese ein ganz anderes Verfahren von Ihnen gewohnt. Gehen Sie hier Schritt für Schritt vor und nicht nach der Holzhammermethode. Lassen Sie sich beim nächsten Gespräch z. B. bestimmte Körperstellen zeigen, beim übernächsten fragen Sie einfach, ob Sie während der Pflege einmal zuschauen dürfen, usw.
  • Auf die innere Stimme hören: Immer dann, wenn Sie das Gefühl haben: „Hier stimmt etwas nicht“, sollten Sie unbedingt auf Ihre innere Stimme hören und behutsam fragen, ob Sie sich bestimmte Körperstellen einmal anschauen dürfen. Möchte der Pflegebedürftige oder der Angehörige dies nicht, sollten Sie erklären, dass Sie ansonsten Ihren Auftrag nicht erfüllen können. Wird die körperliche Inaugenscheinnahme dann immer noch abgelehnt, sollten Sie ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt führen.

Dokumentation des Beratungseinsatzes

Natürlich wissen Sie, dass Sie Ihre gewonnenen Erkenntnisse und Ihre vorgetragenen Vorschläge zur Optimierung der Pflegesituation während eines Beratungsbesuchs dokumentieren müssen. Diese Einsatzdokumentation muss dann an die Pflegekasse weitergeleitet werden. Doch dies nur, wenn der Pflegebedürftige damit einverstanden ist. Hinweis: Sie sind keineswegs verpflichtet, das Beratungsformular der Pflegekassen zu verwenden.

Weiterleitung Ihrer Erkenntnisse

Wenn der Pflegebedürftige einverstanden ist:
Ist der Pflegebedürftige damit einverstanden, dass Sie die gewonnenen Erkenntnisse an die Pflegekasse weiterleiten, kann die Pflegekasse hinreichend Rückschlüsse für weitere Schritte im Einzelfall ziehen, z. B.

  • Lieferung von notwendigen Pflegehilfsmitteln,
  • Einschaltung des MDK bezüglich eines höheren Pflegegrades,
  • Umstellung auf die Kombinationsleistung, um die Belastung der Pflegeperson zu mindern oder Überforderungstendenzen vorzubeugen,
  • Empfehlung für die Pflegeperson zur Inanspruchnahme von Pflegekursen, um die seelische Belastung zu mindern bzw. eine weitergehende Qualifikation zu erreichen,
  • Einschaltung der Gesundheitsbehörden bei drohender Verwahrlosung oder bei Gewalt in der Pflege,
  • Einschaltung des Amtsgerichts zur Bestellung eines Betreuers,
  • Einschaltung des Arztes, um kurative Defizite auszuräumen.

Liegt kein Einverständnis vor:
Ist der Pflegebedürftige mit der Datenweitergabe nicht einverstanden, dann füllen Sie Ihr Beratungsformular und den Bogen, auf dem Sie Ihre Erkenntnisse vermerkt haben, aus und heften sie in der Akte des Pflegekunden in Ihrem Pflegebüro ab. Denn wenn der Pflegebedürftige nicht damit einverstanden ist, dass Sie die Erkenntnisse weitergeben, ist die Pflegekasse am Zug. Hinweis: Auch wenn der Pflegebedürftige nicht damit einverstanden ist, dass Sie die gewonnenen Erkenntnisse an die Pflegekasse weitergeben, können Sie den Beratungsbesuch abrechnen.

Handeln Sie bei konkreten Hinweisen auf Gewalt

Haben Sie konkrete Hinweise auf Gewalt in der Pflege, z. B. blaue Flecken, Mangelernährung usw., sollten Sie schleunigst etwas unternehmen. Führen Sie deshalb das Beratungsgespräch weiter durch, und informieren Sie die Angehörigen über den notwendigen Hilfebedarf. Wenn diese alle Angebote ablehnen, sollten Sie:

  • die Angehörigen über die weiteren Schritte informieren.
  • gleich im Anschluss an den Beratungsbesuch ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt führen und überlegen, was unternommen werden kann, um den Pflegebedürftigen aus dem Wirkungskreis seiner Angehörigen zu holen. Allerdings kann der Arzt häufig auch nur ein Gespräch mit den Angehörigen führen.
  • neben dem Beratungsformular zusätzlich noch einen Hinweis an die Pflegekasse geben, mit der Bitte, Ihren Hinweis vertraulich zu behandeln.
  • in krassen Fällen die örtlichen Sozialbehörden informieren. Diese haben oftmals „Notdienste“ für Senioren. Ist dies bei Ihnen nicht gegeben, sollten Sie sich vertrauensvoll an die Polizei wenden. Häufig gibt es in den einzelnen Polizeidienststellen Abteilungen für häusliche Gewalt. Die Polizei entscheidet dann, welche Schritte erforderlich sind.
  • Ist die Pflegeperson gleichzeitig der gesetzliche Betreuer des Pflegebedürftigen, sollten Sie umgehend das Betreuungsgericht informieren, indem Sie eine Kontrollbetreuung anregen.

Bitten Sie alle oben genannten Stellen, Ihre Information vertraulich zu behandeln, und vergessen Sie nicht, alle Feststellungen und Maßnahmen nachweislich zu dokumentieren. Hinweis: Beachten Sie außerdem, dass der Gesetzgeber mit den Pflegestärkungsgesetzen auch Empfehlungen zur Qualitätssicherung der Beratungsbesuche gefordert hat. Diese sollten schon seit 01.01.2018 vorliegen.

Pflicht- und freiwillige Beratungsbesuche

Jeder Pflegebedürftige, der Pflegegeld bezieht, ist verpflichtet, je nach Pflegegrad halbjährlich (Pflegegrad 2 und 3) bzw. vierteljährlich (Pflegegrad 4 und 5) einen Beratungseinsatz z. B. durch Ihren Pflegedienst abzurufen. Pflegebedürftige des Pflegegrades 1 können freiwillig halbjährlich einmal einen Beratungsbesuch in Anspruch nehmen, genauso wie Pflegebedürftige, die in den Pflegegraden 2–5 die Pflegesachleistungen erhalten.

Nein, Danke

Nein, Danke

Nein, Danke

Nein, Danke

Qualitäts-Management aktuell

1 x in der Woche finden Sie in unserem kostenlosen E-Mail-Newsletter PPM Qualitäts-Management aktuelle Tipps zur Qualitätssteigerung.

Herausgeber: VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG
Sie können den kostenlosen E-Mail-Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Datenschutz-Hinweis

Nein, Danke

Palliativpflege heute

News und Praxistipps für eine professionelle Palliativpflege – speziell für Pflegekräfte in stationären und ambulanten Einrichtungen.

Herausgeber: VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG
Sie können den kostenlosen E-Mail-Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Datenschutz-Hinweis

Nein, Danke

Menschen mit Demenz professionell pflegen

Wichtige Informationen zum Thema Pflege und Betreuung bei Demenz. So bewältigen Sie als Pflegefachkraft die speziellen Herausforderungen.

Herausgeber: VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG
Sie können den kostenlosen E-Mail-Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Datenschutz-Hinweis

Nein, Danke

Nein, Danke

Nie mehr den Überblick verlieren!

Holen Sie sich Hilfe für Ihre stationäre Pflege!

In nur 15 Minuten über das Wichtigste informiert sein.

  • Pflegekokumentation
  • Mitarbeiterführung
  • Haftungsrecht
  • Nein, Danke

    Nein, Danke