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Palliativpflege: Beten am Lebensende

28.12.2015

Der Glaube kann eine wichtige Stütze im Sterben sein. Wenn ein zu Pflegender schon vorher Kraft im Glauben gefunden hat, so wird er sicherlich diese Quelle auch im Sterben nutzen. Ob er jedoch im Sterbeprozess Kraft und Trost im Glauben sucht oder Abstand nimmt, ist einzig und allein seine Entscheidung.

Praxisbeispiel: Frau Schubert ist 94 Jahre alt und lebt in einer Demenzwohngemeinschaft. Vor 8 Jahren wurde bei ihr eine Demenz vom Typ Alzheimer diagnostiziert. Die ersten 2 Jahre konnte sie sich mit Unterstützung der Familie noch recht gut selbst versorgen. Anschließend lebte sie dann noch ein Jahr im Haushalt der Tochter. Als diese Unterstützung auch nicht mehr ausreichte – auch die Tochter ist schon 73 Jahre alt und gebrechlich –, zog sie in die Demenzwohngemeinschaft ein und wird seither von professionell Pflegenden versorgt.

Schon als junge Frau hatte sich Frau Schubert in der Gewerkschaft engagiert. Sie stammt aus einer sozialdemokratischen Familie, was sie immer wieder stolz betonte. Mit der Kirche hatte sie nichts zu tun, denn: „Der liebe Gott hilft eh nur den Reichen“, pflegte sie früher stets zu sagen.

Seit 3 Wochen geht es Frau Schubert immer schlechter. Sie scheint keinen Lebensmut mehr zu haben. Immer öfter zieht sie sich in ihr Zimmer zurück. Auch auf die Angebote der sozialen Betreuung reagiert sie nur noch zurückhaltend. Was den Kollegen des Teams in letzter Zeit immer häufiger auffällt, ist, dass sie insbesondere auf eine Kollegin, Schwester Elfriede, aggressiv reagiert, indem sie nach ihr schlägt und sich bei ihr gegen die Grundpflege wehrt. Leider kann Frau Schubert aufgrund eines Sprachzerfalls nicht mehr verbal mitteilen, wie sie sich fühlt und worüber sie ungehalten ist. Auf Nachfrage bei der Kollegin erklärt diese, dass sie sich das ablehnende Verhalten von Frau Schubert nicht erklären kann.

Im Spätdienst beobachtet allerdings eine Kollegin, dass Schwester Elfriede am Bett von Frau Schubert sitzt und laut betet. Dabei hält sie die Hände von Frau Schubert fest zusammen. „Es kann ja nicht schaden, wenn man so nah am Lebensende ist“, entgegnet diese, nachdem sie darauf angesprochen worden ist.

 

Wie würden Sie reagieren? Diskutieren Sie den Fall mit Ihrem Team
Erläuterung: Der Glaube ist in Deutschland Privatsache. Jeder Mensch hat das Recht, sich für oder gegen den Glauben zu entscheiden. In den Pflege- und Betreuungsteams ist oftmals die Ansicht verbreitet, dass alte Menschen sich an ihrem Lebensende wieder dem Glauben zuwenden. Diese Meinung wird jedoch durch Studien nur teilweise bestätigt.

Lösung: Hätte Schwester Elfriede die Biografie von Frau Schubert genau gelesen, so hätte sie wissen müssen, dass Frau Schubert nicht gläubig ist. In vertraulichen Gesprächen mit der Tochter wurde zudem mitgeteilt, dass Frau Schubert als junges Mädchen in einem Arbeitshaus leben musste, da sie ihr 1. Kind unehelich bekommen hatte. In dieser kirchlichen Einrichtung wurde sie von Nonnen schwer misshandelt, worunter Frau Schubert noch viele Jahre später litt.

Die PDL reagierte auf den beobachteten Vorfall mit einer Ermahnung an Schwester Elfriede.

 

Der Glaube ist kein Passepartout gegen die Angst
Alte Menschen wenden sich nicht zwangsläufig dem Glauben zu. Zudem zeigen Studien auf, dass gläubige Menschen nicht unbedingt ohne Angst sterben. Hier ist es eher wichtig zu erforschen, welche Jenseitsvorstellungen der Betroffene hat. Studien zeigen auf, dass, wenn der Betroffene eher ein strafendes Gottesbild hat, er schwerer stirbt. Liegt aber eher ein gütiges und vergebendes Gottesbild vor, stirbt es sich leichter. Ähnlich verhält es sich mit dem gelebten Glauben. Denn wird dieser in einer lebendigen Gemeinschaft gelebt, liegt bei den Betroffenen weniger Angst vor. Hingegen ist die Angst größer, wenn der Glaube nur zuhause allein gelebt wird.

Tipp:
Auch wenn Sie Ehrenamtliche zur Betreuuung Ihrer Pflegekunden oder auch in der Palliativpflege - also zur Sterbebegleitung - einsetzen, achten Sie darauf, dass die Biografie bekannt ist und die Betreuung im Sinne des Pflegekunden erfolgt.

Palliativbeauftragter