Verlag & Akademie

So verstehen Sie die Mimik Ihrer Pflegekunden in Sekundenschnelle

15.03.2019

Fragen Sie sich auch manchmal, wie Ihre demenziell veränderten Pflegekunden fühlen oder was sie gerade empfinden?

Beispiel:

Unsere Pflegekundin Frau Stern wird schon seit 9 Jahren von uns betreut. Zu dieser Zeit hatte sie eine leichte Demenz und benötigte nur etwas Unterstützung im Alltag. Seitdem hat sich ihre Erkrankung stetig verschlechtert. Sie befindet sich mittlerweile im Stadium der schwersten Demenz, kann nicht mehr gehen und ist komplett auf Hilfe angewiesen. Ebenso wie ihre körperlichen Fähigkeiten ist auch die Sprache nach und nach zurückgegangen.

Diejenigen von uns, die Frau Stern schon lange kennen, können ihre Mimik gut deuten. Wir erkennen daher meist, ob sie mit ihren oft unverständlichen Lauten Freude oder Unmut ausdrückt. Entsprechend können wir schneller und gezielter darauf reagieren als neue Kollegen.

Die Sprache ist störanfällig

Die Sprache ist eine der Fähigkeiten, die wir nach und nach erlernen. Unsere sprachliche Ausdrucksfähigkeit entwickelt sich lebenslang weiter. Entsprechend sind die Verknüpfungen im Gehirn störanfälliger, weil sie weniger fest verankert sind als andere im früheren Kindesalter erlernte Fähigkeiten. Hinzu kommt, dass das Sprachzentrum vor allem im Schläfenlappen liegt und gerade dieser bei den meisten Demenzformen früher oder später betroffen ist.

Beispiele: Sprachliche Besonderheiten als Kommunikationsversuch

Sprachliche Besonderheiten Praxisbeispiel
Wörter und Ausdrucksweisen, die man
sozusagen im Schlaf beherrscht, wie etwa
Grußformeln oder Sprichwörter.
Wenn Frau Hubert etwas widerstrebt, sagt
sie: „Da lachen ja die Hühner.“ Ansonsten
findet sie kaum noch die richtigen Worte.
Ausdrücke, mit denen die Pflegekunden
Verständnisschwierigkeiten signalisieren.
Wenn Frau Kern etwas nicht verstanden hat,
schaut sie die Pflegekraft mit weit geöffneten Augen an und fragt: „Ach so?“, oder
manchmal auch „Wie bitte?“
Wörter oder Redewendungen, mit deren
Hilfe Aufmerksamkeit erregt werden kann.
Frau Sieger ruft laut um Hilfe, wenn sie
Unterstützung benötigt.
Verwendung von Kosenamen.Frau Hansen kennt keine Pflegekraft mit
Namen. Daher sagt sie zu jedem freundlich:
„Guten Tag, Schätzchen.“
Schimpfworte, die Ärger ausdrücken.Frau Friedel ist empört. Sie ruft aus: „Du
dreckiger Buschbär.“
Fachbegriffe aus dem eigenen Berufsleben.Immer, wenn Herr Kuhn etwas sucht, fragt
er: „Wo ist die Zange?“ – egal, ob es sich um
einen Gegenstand oder eine Person handelt.
individuelle sprachliche Angewohnheiten,
z. B. Dialektwörter oder Redewendungen,
die der Betroffene immer wieder benutzt
hat.
Frau Sang kommt aus Bayern. Wenn sie
bemerkt, dass ihr die Worte fehlen, sagt sie
schulterzuckend: „Da legst di nieda.“

Wie Ihre Pflegekunden Sprachverluste ausgleichen

Wortfindungsstörungen sind im Zusammenhang mit Demenz ein sehr häufig auftretendes Krankheitssymptom. Im Verlauf der Erkrankung nehmen diese Schwierigkeiten häufig immer weiter zu, bis der Betroffene vielleicht nur noch wenige Worte oder Laute aussprechen kann.

Diese Sprachausfälle verlaufen in der Regel schleichend. Manche Kommunikationsfähigkeiten bleiben dabei jedoch länger erhalten. So versuchen Ihre demenziell veränderten Pflegekunden, z. B. mit Sätzen aus dem Langzeitgedächtnis, Sprachausfälle zu kompensieren. Diese Bewältigungsstrategien führen dann zu typischen sprachlichen Besonderheiten. Aus der Tabelle oben können Sie ersehen, welche sprachlichen Besonderheiten demenziell veränderte Pflegekunden benutzen, um sich zu verständigen.

Auch die Mimik gibt Hinweise zum Verständnis

Viele der vorangegangenen Beispiele aus der Übersicht und Ausgleichshandlungen könnten die Pflege- und Betreuungskräfte verstehen und deuten, weil sie die Pflegekunden so gut kennen wie unser Team Frau Stern aus dem Anfangsbeispiel. Oder aber die Äußerungen werden von einer intensiven Mimik und Gestik begleitet. Wenn Sie diese interpretieren, verstehen Sie die Bedürfnisse Ihres Pflegekunden besser. Außerdem können Sie so schneller Stimmungsumbrüche erkennen.

Beispiel:

Frau Sauer kneift die Pflegekräfte scheinbar ohne Grund und aus heiterem Himmel. Bei genauerer Betrachtung stimmt das nicht, denn bevor sie kneift, verdüstert sich ihr Blick und ihre Muskeln spannen sich leicht an.

Das Gesicht lügt nicht

Anders als die Sprache und die kognitiven Fähigkeiten bleiben die Emotionen auch bei fortgeschrittener Demenz erhalten. Denn die hierfür zuständigen Bereiche im Gehirn bleiben im Verlauf der Demenz häufig funktionsfähig. Diese sind direkt mit der Mimik und dem Körperausdruck verbunden. Ein gesunder Mensch kann dies zwar bis zu einem gewissen Grad willentlich beeinflussen. Hierzu wird jedoch die Fähigkeit benötigt, die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und gleichzeitig dem Gegenüber etwas anderes vorzuspielen. All dies kann eine demenziell veränderte Person nicht mehr. Für Sie als Pflege- und Betreuungskraft bedeutet dies, dass Sie Ihren demenziell veränderten Pflegekunden besser verstehen können, wenn Sie seine Mimik und auch den Körperausdruck genau beobachten.

Beobachten Sie genau

In Ihrem hektischen Alltag haben Sie vermutlich kaum Zeit, minutenlang die Mimik Ihres demenziell veränderten Pflegekunden zu beobachten. Dies wäre ohnehin nicht möglich, denn der Gesichtsausdruck verändert sich im Sekundentakt, häufig sogar noch schneller.

Üben Sie daher das bewusste Hinschauen. Das gelingt Ihnen leichter, wenn Sie das Gesicht in drei Bereiche unterteilen: Stirn und Brauen, Augen und Nase, Mund und Kinn. Achten Sie in Gesprächen bewusst darauf, wie sich die Gesichtsbereiche bei Ihrem Gegenüber verändern. Je häufiger Sie das trainieren, desto besser schulen Sie Ihre Wahrnehmung.

Beispiele:

  • Sind die Augenbrauen angehoben, zusammen- oder heruntergezogen
  • Werden die Augen größer oder kleiner?
  • Entstehen Falten auf der Stirn oder in den Augenwinkeln?
  • Verändert sich der Mund?

Bleiben Sie vorsichtig mit Ihrer Interpretation

Häufig reicht es für das bessere Verständnis Ihres demenziell veränderten Pflegekunden schon aus, wenn Sie eine Veränderung erkennen. Wie Sie diese deuten können, zeigt Ihnen die Übersicht unten anhand der 5 bei Ihren demenziell veränderten Pflegekunden vermutlich am häufigsten vorkommenden Emotionen. Berücksichtigen Sie hierbei jedoch, dass es innerhalb der einzelnen Gefühlsausdrücke individuelle Ausprägungen gibt.

Übersicht: So erkennen Sie die 5 wichtigsten Emotionen

 AngstÄrger TrauerFreudeÜberraschung
oberes Gesicht
Stirn
Augenbrauen
Augenbrauen nach
oben- und zusammengezogen
Augenbrauen nach
unten- und zusammengezogen
Augenbraueninnseite
nach oben gezogen
Absenken der Augendeckfalte (bei echt
erlebter Freude)
Augenbrauen nach
oben gezogen
mittleres Gesicht
Brauen
Nase
obere Augenlider nach
oben angehoben
untere Unterlider
angespannt
obere Augenlider
angehoben
Unterlider angespannt
oft oberes Augenlid
gesenkt
Krähenfüße werden
beim sogenannten
sozialen Lächeln ohne
Absenken der Augendeckfalte sichtbar
obere Augenlider
angehoben
unteres Gesicht
Kinn
Mund
Lippen nach außen
gespannt
Lippen gepresstMundwinkel nach
unten gezogen,
Kinnbuckel angehoben
Mundwinkel angehobenMund ist entspannt
geöffnet
ergänzende
Körpersprache
meistens Zurückweichen mit Kopf oder
Körper,
schnelles Einatmen,
in manchen Situationen auch Erstarren
und damit einhergehend erhöhte Muskelspannung,
Erblassen
Kopf nach vorn,
häufig Kiefervorstoß,
erhöhte Muskelspannung wie z. B. geballte
Fäuste,
Erröten oder Erblassen
Kopf und Blick nach
unten geneigt,
eingefallene Körperhaltung,
verringerte Muskelspannung,
langsamere Bewegungen
annähernde Bewegungen,
geringerer Körperabstand (zum Gegenüber),
lebhafte Bewegungen
aufrechte nach vorn
gebeugte Körperhaltung,
Orientierung und
Annäherung an interessantes Objekt,
eventuell leicht seitlich schräge Kopfhaltung,
erhöhte Muskelspannung
Stimmewird höher,
lauter oder leiser,
schnellere Sprache
wird höher,
lauter,
schnellere Sprache
wird tiefer,
leiser,
langsamere Sprache,
Seufzen,
Schweigen
höher,
lauter,
schnellere Sprache
Eher sprachlos –
Überraschung ist eine
Weiche,
entscheidend ist die
direkt darauffolgende
Emotion

Fazit: Schauen Sie erst hin und interpretieren Sie danach

Es kommt bei der Interpretation des Gesichtsausdrucks und der Körpersprache allgemein nicht auf die exakte Deutung an. Häufig reicht es zum Verständnis schon aus, wenn Sie Veränderungen schneller wahrnehmen. Das hilft Ihnen vor allem, individuelle Besonderheiten bei ihrem demenziell veränderten Pflegekunden zu erkennen.

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