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So erkennen Sie Auslöser von Gewalt und Aggression in der Pflege

12.10.2016

Über nichts wurde in diesem Sommer mehr gesprochen und geschrieben: Gewalt in der Pflege. Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat eine Aufklärungsaktion initiiert, um das Thema zu enttabuisieren. Über das Problem zu sprechen kann helfen, Gewalt vorzubeugen. Die Tätigkeit im Pflegeberuf bedeutet für die Mitarbeiter eine hohe Belastung: Zeitdruck, hohe Verantwortung, niedrige Personalschlüssel.

 

 

Die Konfrontation mit Leid, Trauer und Tod sind an der Tagesordnung. Dazu kommen manchmal noch Teamkonflikte, Führungs- oder Organisationsprobleme und alltägliche Ärgernisse hinzu. Alles das sind Stressfaktoren, die beim Mitarbeiter Aggressionen auslösen können, die sich gegen einen Pflegekunden, seine Angehörigen, die Kollegen, die Führung oder auch gegen sich selbst richten können. Gleichzeitig ist aber auch der Mitarbeiter in Gefahr, Opfer von Gewalt durch Pflegekunden oder Angehörige zu werden.

Machen Sie Fortbildungen

Wenn Sie sich mit der Entstehung von Gewalt und Aggression beschäftigen, haben Sie die Chance, den bestmöglichen Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen zu erlernen. Am besten Klären Sie das Thema mit Ihren Mitarbeitern in einer Fortbildung. Sie werden feststellen, dass das Verständnis, wo Gewalt beginnt und was Gewalt oder Aggression überhaupt ist, sehr unterschiedlich sein wird. Für die eigene Einrichtung diese Definition festzulegen und darüber mit den Mitarbeitern zu kommunizieren ist Aufgabe der Leitung. Die folgende Übersicht zeigt eine Möglichkeit, die Mitarbeiter mit den verschiedenen Begriffen im Zusammenhang mit Gewalt vertraut zu machen.

Übersicht: Begriffe im Zusammenhang mit Gewalt

  • Ärger, Wut - menschliche Emotion bzw. Gefühlsreaktion, die durch aktuelle Ereignisse oder Erinnerung an Ereignisse ausgelöst wird
    Auswirkung: Für die Handlung des Menschen ist entscheidend, wie er gelernt hat, mit Ärger oder Wut umzugehen, über welche Verarbeitungsmöglichkeiten er verfügt. Wird er Ärger und Wut nach einer Zeit nicht los, kann Aggression entstehen.
  • Aggression - Verhalten, dessen Ziel Beschädigung oder Verletzung ist; aktiv und zielgerichtet schädigen, schwächen oder in Angst versetzen
    Auswirkung: Aggression ist kein Gefühlzustand, sondern mit einer absichtlichen schädigenden Handlung oder Unterlassung verbunden.
  • Gewalt - ein vorübergehendes oder dauerhaftes Missachten ausgesprochener oder unausgesprochener Bedürfnisse oder Wünsche einer Person; ein Durchsetzen von Situationen, mit denen die Person nicht einverstanden ist oder in die sie nicht einwilligen kannAuswirkung: Aggression ist immer Gewalt, da bei der psychischen oder physischen Verletzung einer Person auch ihr Bedürfnis nach körperlicher und emotionaler Unversehrtheit missachtet wird.

Die Weltgesundheitsorganisation hat Gewalt so definiert: „Gewalt gegen ältere Menschen ist eine einmalige oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Reaktion im Rahmen einer Vertrauensbeziehung, die Schaden oder Leid bei älteren Menschen verursacht.“ Vereinfacht ist unter Gewalt also jedes Mittel zu verstehen, das genutzt wird, um einer anderen Person den eigenen Willen aufzuzwingen oder diese zwingt etwas zu machen, was diese persönlich nicht will.

Gewalt ist nicht immer Aggression

Gerade im Pflegeberuf versorgen wir tagtäglich Menschen mit mangelnder Einsicht (z. B. demenziell veränderte Menschen, sehr alte Menschen, psychisch Kranke), die den Sinn und die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Gesundheit oder zu ihrem Schutz häufig nicht begreifen.

Sie erleben unsere fürsorglichen Maßnahmen als Gewalt, die gegen sie selbst und ihre Bedürfnisse gerichtet ist. Dies muss fast zwangsläufig aggressive Gegenreaktionen zur Folge haben. Als tagtägliche Situation ist der Versuch, einen Heimbewohner am Weglaufen zu hindern, oder die Anwendung richterlich genehmigter freiheitseinschränkender Maßnahmen zu nennen. In der Pflege ist ein großer Teil von „Gewaltanwendung“ notwendig und legitimiert, denn die Gesundheit des Pflegekunden soll erhalten oder wieder hergestellt werden oder der Pflegebedürftige soll bei selbstschädigendem Verhalten vor sich selbst geschützt werden. Damit wird deutlich: Gewalt und Aggression sind nicht automatisch identisch.

Beachten Sie die Charta
der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen

Jeder Mensch hat uneingeschränkten Anspruch auf die Respektierung seiner Würde und Einzigartigkeit. Menschen, die Hilfe und Pflege benötigen, haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen und dürfen in ihrer besonderen Lebenssituation in keiner Weise benachteiligt werden. Da sie sich häufig nicht selbst vertreten können, tragen Staat und Gesellschaft eine besondere Verantwortung für den Schutz der Menschenwürde hilfe- und pflegebedürftiger Menschen. Ziel der Pflege-Charta ist es, die Rolle und die Rechtsstellung hilfe- und pflegebedürftiger Menschen zu stärken, indem grundlegende und selbstverständliche Rechte von Menschen zusammengefasst werden, die der Unterstützung, Betreuung und Pflege bedürfen. Diese Rechte sind Ausdruck der Achtung der Menschenwürde.

Das sind die Inhalte der Charta

  • Artikel 1 – Selbstbestimmung und Hilfe zur Selbsthilfe: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Hilfe zur Selbsthilfe sowie auf Unterstützung, um ein möglichst selbstbestimmtes und selbstständiges Leben führen zu können.
  • Artikel 2 – Körperliche und seelische Unversehrtheit, Freiheit und Sicherheit: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, vor Gefahren für Leib und Seele geschützt zu werden.
  • Artikel 3 – Privatheit: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wahrung und Schutz seiner Privat- und Intimsphäre.
  • Artikel 4 – Pflege, Betreuung und Behandlung: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf eine an seinem persönlichen Bedarf ausgerichtete, gesundheitsfördernde und qualifizierte Pflege, Betreuung und Behandlung.
  • Artikel 5 – Information, Beratung und Aufklärung: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf um- fassende Informationen über Möglichkeiten der Beratung, der Hilfe und Pflege sowie der Behandlung.
  • Artikel 6 – Kommunikation, Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wertschätzung, Austausch mit anderen Menschen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
  • Artikel 7 – Religion, Kultur und Weltanschauung: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, seiner Kultur und Weltanschauung entsprechend zu leben und seine Religion auszuüben.
  • Artikel 8 – Palliative Begleitung, Sterben und Tod: Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, in Würde zu sterben.

So gehen Sie mit der Charta um

  1. Verankern Sie die Charta in Ihrem Einrichtungsleitbild oder der Qualitätspolitik.
  2. Hängen Sie Ihr Einrichtungsleitbild für die Mitarbeiter sichtbar aus.
  3. Sprechen Sie mit neuen Mitarbeitern im Rahmen der 1. Einarbeitungsphase über Ihr Einrichtungsleitbild.
  4. Fordern Sie Mitarbeiter auf, Fragen zu stellen.
  5. Planen Sie Schulungen ein, in denen Mitarbeiter die Charta Punkt für Punkt bearbeiten.
  6. Lassen Sie Ihre Mitarbeiter in Gruppen für jeden Punkt definieren, welche Aufgaben sie übernehmen müssen, um die Rechte der Pflegekunden zu gewährleisten.

Tipp: Es lohnt sich, eine solche Schulung der Charta regelmäßig zu planen und durchzuführen. Als externe Qualitätsbeauftragte spreche ich im Rahmen einer QM-Einführungsschulung für neue Mitarbeiter über die Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen und was die Garantenpflicht eines jeden Mitarbeiters ist. Nicht jedem Mitarbeiter ist die Charta bekannt. Am Ende einer solchen Fortbildung äußerte sich ein Mitarbeiter einmal sehr überrascht, dass „unsere Pflegekunden ganz schön viele Rechte haben“.

Erkennen Sie die Auslöser

Wie kann Gewalt entstehen? Dabei spielen verschiedene Ursachen eine Rolle. Vor allen Dingen besteht ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Pflegebedürftigen und seinen pflegenden Angehörigen oder der Pflegekraft. Dadurch sind besonders pflegebedürftige Menschen gefährdet, Opfer aggressiver Handlungen zu werden.

Sowohl professionell Pflegende als auch Angehörige kennen das Gefühl der Überlastung und bekommen gleichzeitig wenig Anerkennung für die geleistete Arbeit.

Für professionell Pflegende kommen enge Zeitvorgaben, Überlastung durch Einspringen, keine geregelte Freizeit und dadurch Stress im privaten Umfeld hinzu.

Aufgrund demenzieller Veränderung können Pflegebedürftige manchmal nicht begreifen oder einsehen, welche Maßnahmen erforderlich sind und durchgeführt werden müssen.

Wenn sie sich nicht mehr verständlich machen können, wählen sie andere Möglichkeiten, ihre Ablehnung deutlich zu machen: Sie schlagen, kratzen, beißen oder beschimpfen die Pflegekraft oder ihre Angehörigen.

Gewalt erkennen ist nicht leicht

In der Praxis ist es oft schwierig, Gewalt zu erkennen. Das liegt daran, dass sie überwiegend im privaten Bereich des Pflegebedürftigen stattfindet und keine weiteren Zeugen anwesend sind. Dadurch, dass der Pflegekunde von der Hilfe durch Pflegekräfte oder Angehörige abhängig ist, ist der Schritt, darüber zu sprechen, sehr schwer. Es gibt auch nicht immer eindeutige, beobachtbare Anzeichen.

Nicht jedes Hämatom lässt darauf schließen, dass mit einem Pflegekunden unangemessen umgegangen worden wäre. Pflegekräfte und auch Ärzte sind oft unsicher in der Bewertung, sodass Beobachtungen nicht immer offen angesprochen werden.

Dazu will auch kein Mitarbeiter eines Teams als „Petze“ gelten und hinterher Ausgrenzung erleben. Um diesen Teufelskreis zu verhindern, benötigen Sie als Pflegeeinrichtung einen offenen und konstruktiven Umgang, ein Verständnis der Mitarbeiter für problematische Situationen und Mitarbeiter, die gut auf sich selbst achten.

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