Verlag & Akademie

Gewinnen Sie Ihren Vorgesetzten für eine sinnvolle Biografiearbeit

04.08.2017

Was gab es für große positive und negative Ereignisse in Ihrem Leben? Und übrigens, haben Sie bestimmte Wünsche zur Betreuung in der Sterbephase?

Wie würden Sie sich, liebe Pflegefachkräfte, selbst fühlen, wenn Ihnen ein wildfremder Mensch diese beiden Fragen stellen würde? Wären Sie hier überhaupt in der Lage, reflektiert und ehrlich zu antworten? Oder würde sich Ihr Inneres gegen einen solchen Eingriff in die Intimsphäre sträuben und Sie würden mit Floskeln oder einer Abwehrhaltung reagieren?

Natürlich sind die beiden Fragen etwas zugespitzt formuliert. Aber sind wir uns im Alltag noch bewusst, dass wir im Rahmen unserer Biografiearbeit unsere neuen Pflegekunden oft genauso quasi überfallen?

 

 

Was am Anfang einstürmt

Versetzen Sie sich einmal in einen Pflegekunden hinein, der neu in eine stationäre Einrichtung einzieht. Für ihn bedeutet das wahrscheinlich die letzte große Veränderung seines Lebens. Er ist gezwungen, sein bisheriges Zuhause aufzugeben. Meist wird Ihr neuer Pflegekunde in diesem Zusammenhang auch gezwungen sein, sich von sehr vielen vertrauten und liebgewonnenen Gegenständen zu trennen. In der Mehrheit der Fälle macht er dies auch nicht freiwillig, sondern ist aufgrund einer Krankheit oder des fortschreitenden Alterungsprozesses dazu gezwungen.

Mit diesen negativen Voraussetzungen kommt er nun also zu Ihnen in die Einrichtung. Hier wartet die nächste Überforderung auf ihn: Umgebung, Personen, Abläufe – alles ist neu.

Alles muss im Laufe der Zeit erst kennengelernt, alles muss für sich selbst erst sortiert werden. Ähnliches gilt auch für Pflegekunden, die zum ersten Mal die Leistungen eines ambulanten Pflegedienstes in Anspruch nehmen müssen. Hier muss unter anderem der Begriff „Privatsphäre“ wahrscheinlich ganz neu definiert werden.

Was das für die Biografiearbeit bedeutet

Würden Sie die bisherige Biografiearbeit in Ihrer Einrichtung als qualitativ hochwertig und effektiv einschätzen? Wenn es hier noch Verbesserungspotential geben sollte, sollten Sie Ihren Vorgesetzen einmal ansprechen. Folgende Schritte für eine gute Umsetzung einer individuellen Biografiearbeit können Sie argumentativ nutzen:

1. Legen Sie im Team einen Verantwortlichen dafür fest

Überlegen Sie im Team zusammen, wer dafür am besten geeignet wäre. Es sollte ein Kollege sein, der über viel Einfühlungsvermögen verfügt und dem es allgemein immer gut gelingt, „einen Draht“ zu Ihren Pflegekunden aufzubauen. Sie wissen sicher aus dem Lauf Ihrer Berufs- und Lebenserfahrung: Manchen Menschen ist das einfach gegeben, anderen nicht so sehr. Die Biografiearbeit sollte Ihr Verantwortlicher gern machen.

Wenn Sie einen geeigneten Kollegen für die Biografiearbeit gefunden haben, überlegen Sie zusammen: Wann wäre der geeignete Zeitraum, um sich mit einem neuen Pflegekunden zusammenzusetzen?

2. Definieren Sie einen sinnvollen Zeitraum

Zu empfehlen ist, ein 1. Biografiegespräch frühestens 4 Wochen nach Neueinzug zu terminieren. Geben Sie Ihrem neuen Pflegekunden so lange Zeit, sich erst einmal allgemein einzuleben. Nach 4 Wochen können Sie/der verantwortliche Mitarbeiter dann ein 1. Gespräch terminieren, nach weiteren 4 Wochen ein 2. Ja, Sie haben richtig gelesen. Empfehlenswert ist, Ihren Biografiebogen in 2 Teile aufzusplitten.

Teil 1, der weniger sensible Angaben enthalten sollte, können Sie nach den ersten 4 Wochen besprechen. Teil 2, der mehr in die Tiefe gehen sollte, würde ich erst nach insgesamt 8 Wochen nach Neueinzug erfragen. Im Laufe von 2 Monaten hat sich oft schon etwas wie eine Vertrauensbasis gebildet, sodass es Ihrem verantwortlichen Mitarbeiter leichter fallen wird, sensible Angaben zu erfragen – und Ihrem neuen Pflegekunden wird es ein Stück weit leichter fallen zu antworten.

In unserem Downloadbereich finden Sie einen Muster-Biografiebogen (jeweils Teil 1 und Teil 2) den Sie als Vorlage nutzen können.

3. Beachten Sie die äußere Form 

Wird ein persönliches Gespräch zielführend sein? Oder haben Sie den Eindruck, Ihr neuer Pflegekunde ist eher introvertiert und es würde ihm vielleicht leichter fallen, die beiden Bögen allein und schriftlich auszufüllen? Haben Sie mit im Blick, dass Ihr verantwortlicher Kollege die Form wählt, die für Ihren Pflegekunden die angenehmste ist. Ist es aufgrund seines Krankheitsbildes nötig, dass Angehörige oder sonstige enge Bezugspersonen beim Biografiegespräch dabei sind?

Stellen Sie Ihrem verantwortlichen Kollegen einen ruhigen Raum zur Verfügung. Auch eine ausreichende Zeitkapazität ist sinnvoll. Solche Gespräche kann man nicht sinnvoll unter Zeitdruck führen.

4. Führen Sie ein Fallgespräch im Team durch

Damit erst einmal alle Kollegen auf einem gleichen Wissensstand sind, ist es sinnvoll, ein Fallgespräch zu Ihren neuen Pflegekunden nach den ersten 4 Wochen zu terminieren. Der verantwortliche Kollege hat nun den Biografiebogen Teil 1 erhoben. Alle übrigen Kollegen haben den Pflegekunden auch schon über einen gewissen Zeitraum kennengelernt. Im Fallgespräch – aus Erfahrung empfehle ich einen Zeitraum von 1 Stunde – können Sie dann alles an Wissen über seine Diagnosen, seine Medikamente, seine Versorgung und seine Biografie zusammentragen. Und Sie können das Forum nutzen, um entsprechende Ergänzungen in der Dokumentation des Pflegekunden vorzunehmen. Oft bekommt jeder ihn versorgende Kollege kleine Informationen nebenbei, die sich aus spontanen Gesprächen ergeben.

Dieses Mosaik an Informationen können Sie nun zusammenfassen. Wenn Sie die biografischen Angaben anschließend in die Dokumentation des Pflegekunden übertragen, empfehle ich Ihnen, in der SIS das Themenfeld 4 und das Themenfeld 5 bzw. 6 zu nutzen. In Nummer 4, Selbstversorgung, können Sie die Angaben bezüglich Pflegegewohnheiten, Kleidung, Ruheverhalten/Schlafbedürfnis und der Essbiografie festhalten. In Nummer 5, Leben in sozialen Beziehungen, bzw. 6, Wohnen und Häuslichkeit, passen gut die restlichen Angaben der beiden Biografiebögen.

Biografiebogen – Teil 1 – nach 4 Wochen

Wohnbereich:
Name des Bewohners:

1. Persönliche Daten

  • An welchem Ort sind Sie aufgewachsen?
  • Wo war Ihr letzter Wohnort?
  • Welche Schule haben Sie besucht?

2. Ausbildung und Beruf

  • Welche Ausbildung haben Sie absolviert?
  • In welchen Berufen waren Sie tätig und wie lange?

3. Interesse und Gewohnheiten

  • Welchen Interessen oder Hobbys sind Sie gerne nachgegangen?
  • Waren Sie in einem Verein aktiv?
  • Hatten Sie Tiere?
  • In welchen Ländern haben Sie gerne Ihre Urlaube verbracht?
  • Haben Sie gerne ferngesehen oder Musik gehört? Wenn ja, haben Sie Lieblingssendungen oder Lieblingslieder?

4. Pflegebiografie

  • Haben Sie lieber geduscht oder gebadet? Wie gestaltete sich generell Ihre Körperpflege?
  • Welche Pflegeprodukte haben Sie bevorzugt genutzt?
  • Gibt es Lieblingsdüfte oder Abneigungen in diesem Bereich?

5. Kleidung

  • Haben Sie in Bezug auf Ihre Kleidung besondere Vorlieben oder Gewohnheiten?
  • Legen Sie Wert auf eine Unterscheidung zwischen Sonntags- und Werktagskleidung?

6. Ruhebedürfnis und Schlafverhalten

  • Zu welcher Zeit stehen Sie in der Regel auf? Wann sind Sie es gewohnt schlafen zu gehen?
  • Haben Sie bestimmte Rituale am Morgen/am Abend?

7. Essbiografie

  • Was ist Ihr Lieblingsessen und Ihr Lieblingsgetränk?
  • Im Gegensatz dazu: Was mögen Sie gar nicht?

Biografiebogen – Teil 2 – nach 8 Wochen

Wohnbereich:
Name des Bewohners:

1. Religion

  • Welcher Religion gehören Sie an und ist der Glaube für Sie wichtig?
  • Welche Gewohnheiten in Bezug auf Ihren Glaubens in Ihnen wichtig?

2. Angehörige und Bezugspersonen

  • Wie lautet der Name Ihrer Partnerin/Ihres Partners? Lebt sie/er noch?
  • Haben Sie Kinder/Enkelkinder? Wenn ja, bitte mit Namen und Alter aufführen.
  • Haben Sie Kontakt zu weiteren Familienangehörigen?
  • Haben Sie weitere Bezugspersonen, die Ihnen wichtig sind?
  • Wer waren die prägendsten Personen in Ihrem Leben?

3. Allgemeines

  • Was gab es für besondere Ereignisse in Ihrem Leben, negativ und positiv?
  • Was hat Ihnen Halt gegeben?
  • Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?
  • Haben Sie Wünsche zur Betreuung in der Sterbephase?

 

5. Weitere Verwendung der erhobenen Daten

Getrimmt durch den MDK, machen mittlerweile sehr viele Einrichtungen eine ausführliche Biografiearbeit. Fast schon zu ausführlich. Ich erinnere mich noch gut an eine Antwort bei einer externen Begehung: „Sie wollen wohl ein Buch über diesen Bewohner schreiben?!“ Dies geschah in einer Einrichtung, die wirklich eine sehr intensive und ausführliche Biografiarbeit betrieben hat. Aber auch dort haben wir uns im Laufe der Zeit dann gefragt: Eigentlich sammeln wir nur Daten – wie kann es uns nun auch gelingen, diese sinnvoll im Alltag weiterzuverwenden?

Betrachten Sie im Team und in der Einrichtung Ihre internen Strukturen. Welche anderen Berufsgruppen außer der Pflege sind noch an der Versorgung des Pflegekunden beteiligt? Haben Sie vielleicht eine eigene Küche im Haus oder einen zentralen Speisesaal? Wie können Sie nun z. B. sicherstellen, dass eine wichtige Information bezüglich Ihres Pflegekunden dort ankommt? Beispielsweise ist dieser trockener Alkoholiker, dies sollte dann bei der Nahrungszubereitung beachtet werden.

Es gibt dafür kein Patentrezept, das auf alle stationären und ambulanten Einrichtungen gleichermaßen anwendbar wäre. Sie und Ihr Team sollten sich daher überlegen, was genau für Ihre Einrichtung in Bezug auf eine sinnvolle Informationsweiterleitung angebracht wäre. Denken Sie hierbei auch an die Regelungen des Datenschutzes.

Fazit

Wenn es Ihnen gelingt, Ihren Vorgesetzen zu überzeugen, die Biografiearbeit anhand der 5 beschriebenen Schritte zu strukturieren, wird sie qualitativ hochwertiger und effektiver werden. Verschiedene Kollegen überfallen Ihre neuen Pflegekunden nicht mehr unmittelbar nach Neueinzug mit der Abfrage intimer Dinge. Sie haben dann gemeinsam einen verantwortlichen Kollegen aus Ihrem Team bestimmt, dem diese Arbeit auch liegt. Durch die Aufteilung des Biografiebogens in Teil 1 und Teil 2 und unter Beachtung des vorgeschlagenen Zeitrahmens hierfür wird es Ihnen zudem so besser gelingen, ehrlichere Antworten zu erhalten. Mit diesen können Sie dem Sinn von Biografiearbeit Rechnung tragen: Sie erheben diese Daten, um individueller und besser pflegen und betreuen zu können.

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