Verlag & Akademie

Neuer Expertenstandard „Chronische Schmerzen“; Teil 1/4

11.05.2015

So setzen Sie die neuen Anforderungen vom Expertenstandard in der Praxis um

Bestimmt wissen Sie noch, dass im Jahr 2004 erstmalig ein Expertenstandard zum Schmerzmanagement veröffentlicht wurde. Dieser trug den Titel „Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten oder tumorbedingten chronischen Schmerzen“. Bei der Aktualisierung des Standards hatte die Expertengruppe jedoch festgestellt, dass es zwischen akuten und tumorbedingt-chronischen Schmerzen deutliche Differenzierungen hinsichtlich der Versorgungskomplexität, der Anforderungen an die pflegerische Versorgungspraxis, des Umfangs und der Durchführung des Schmerz-Assessments sowie der Anwendung des WHO-Stufenschemas gibt.

Dies führte dazu, dass die Expertengruppe entschied, bei der Aktualisierung des Expertenstandards ausschließlich das pflegerische Schmerzmanagement bei akuten Schmerzen zu berücksichtigen und einen weiteren Expertenstandard zum Thema chronische Schmerzen zu entwickeln. Dieser liegt nun vor. Daher informieren wir Sie in diesem und den nächsten 3 Artikeln, welche Inhalte des Expertenstandards „Chronische Schmerzen“ Sie kennen sollten und wie Sie die neuen Anforderungen in die Praxis umsetzen können.

Expertenstandard Chronische Schmerzen

Übersicht: Verschiedene Definitionen von chronischem Schmerz (Expertenstandard)

Schmerzart Ab wann ist der Schmerz chronisch?
Chronischer Schmerz in mehreren Körperregionen
Quelle: DIVS 2012
  • 3 Monate
  • Schmerzlokalisation: Achsenskelett (Halswirbel­säule oder vorderer Brustkorb oder Brustwirbel­säule oder Lendenwirbelsäule) und rechte Kör­perhälfte und linke Körperhälfte und oberhalb der Taille und unterhalb der Taille
Nackenschmerz
Quelle: DEGAM 2009
  • 3 Monate
  • Fehlen eines Zusammenhangs zwischen einer körperlichen Ursache und dem Schmerz
Kreuzschmerz
Quelle: BÄK 2010
  • 3 Monate
  • Fehlen eines Zusammenhangs zwischen einer körperlichen Ursache und dem Schmerz
Kopfschmerz
Quelle: ICSI 2011b
  • 3 Monate
  • Häufigkeit von Schmerzepisoden (öfter als 15 Tage im Monat), Schmerzlokalisation
Nichtspezifische, funktionelle und somatofor­me Körperbeschwerden
Quelle: DKPM 2012
  • 3 Monate
  • Fehlen eines Zusammenhangs zwischen einer körperlichen Ursache und dem Schmerz
Allgemein
Quelle: ICSI 2001a
  • 6 Wochen
  • Überschreiten des Zeitraums der normalen Heilung und Genesung
Fibromyalgie-Syndrom
Quelle: DIVS 012
  • 6 Monate
  • Fehlen eines Zusammenhangs zwischen einer körperlichen Ursache und dem Schmerz
  • schwer quälender Schmerz
  • psychische Komorbidität
  • schmerzbezogene Beeinträchtigung
Chronischer Unterbauch­schmerz bei Frauen
Quelle: EGPFG 2009
  • 6 Monate
  • schwer quälender Schmerz
  • psychische Komorbidität
  • schmerzbezogene Beeinträchtigung
Chronischer Schmerz im kleinen Becken
Quelle: EAU 2012
  • 6 Monate
  • assoziiert mit negativer Kognition, Verhaltens­weisen und sexuellen oder emotionalen Auswir­kungen sowie Symptomen der Dysfunktion im unteren Urogenitaltrakt

Quelle: In Anlehnung an Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pfle­ge (Hrsg.): Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen“, 1. Auflage, März 2014, Seite 66 f.

 


Welche Optionen Medikamente und alternative Methoden beim Thema Schmerzmanagement bieten und wie diese richtig angewendet werden, können interessierte Pflegefachkräfte in dem Fachinformationsdienst "Qualität in der Pflege" erfahren.


 

Chronischer Schmerz: Das ist gemeint

Wie schon im Expertenstandard „Akute Schmerzen“ wird auch bei den chronischen Schmerzen die Definition der IASP (Internationale Gesellschaft zur Erforschung des Schmerzes) herangezogen.

Demnach ist Schmerz „ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht oder von betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebeschädigung die Ursache.“ Schwieriger wird es allerdings bei der Identifikation von chronischen Schmerzen. Hier gibt es keine einheitlichen Vorgaben in der Literatur.

Oftmals ist die Antwort abhängig vom Krankheitsbild, wie Sie der obenstehenden Übersicht anschaulich entnehmen können.

Der Übergang von akut zu chronisch ist häufig fließend

Wie Sie gesehen haben, werden in der Literatur zeitliche Spannen zwischen 6 Wochen und 6 Monaten, am häufigsten jedoch 3 Monate, genannt. Wie Sie aber auch sicherlich Ihrer eigenen Erfahrung nach wissen, ist der Übergang von akuten Schmerzen hin zu chronischen Schmerzen oftmals fließend und hängt von verschiedenen Faktoren, wie z.B. physiologischen und psychologischen Faktoren oder weiteren Erkrankungen ab. Im Verlauf der Chronifizierung kön­nen Ihre Patienten immer weniger einen Zusammenhang zwischen dem Auslöser und dem Auftreten des Schmerzes her­stellen. Ganz wichtig ist dabei, dass das Schmerzempfinden immer individuell ist. Eine Differenzierung zwischen aku­tem und chronischem Schmerz wird im­mer dann besonders schwierig, wenn sie gleichzeitig auftreten.

 

 

Hinweis: Da es keine allgemein verbind­liche Definition gibt, müssen Sie für Ih­ren Pflegedienst definieren, wann es sich um einen chronischen Schmerz handelt. Wir empfehlen Ihnen, hier eine Abgrenzung über die zeitliche Dimensi­on vorzunehmen, z.B. 3 Monate als häu­figste genannte Zeit oder den kleinsten gemeinsamen Nenner von 6 Wochen. Hiervon abweichen können und müssen Sie jederzeit. Denn das Wichtigste ist Ihre pflegefachliche Einschätzung. Kommen Sie also zu einer anderen Ein­schätzung, sollten Sie diese gesondert in der Pflegedokumentation begründen.

Sie müssen bezogen auf den Expertenstandard feststellen, ob eine Schmerzsituation stabil oder instabil ist

Anders als in den bisherigen Experten­standards ist das oberste Ziel beim Um­gang mit chronischen Schmerzen, dass jeder Ihrer Patienten mit chronischen Schmerzen ein angemessenes Schmerz­management erhält, das den Erhalt bzw. die Herstellung einer stabilen Schmerz­situation ermöglicht.

 

Übersicht: Erkennen der Schmerzsituation

Nach den Vorgaben des Expertenstandards spricht man von einer stabilen Schmerzsituation, wenn Eine instabile Situation hingegen liegt vor, wenn
  • Ihr Patient mit chronischem Schmerz seine Schmerzsituation subjektiv als akzeptabel und nicht verände­rungsbedürftig erlebt,
  • sich Zielkriterien für die Stabilität konkret an der Lebenswelt Ihres Patienten orientieren und mit ihm ausgehandelt wurden,
  • für mögliche Krisen und Komplikationen gemeinsam entwickelte Strategien zur Prävention vorliegen und Angehörige in den Prozess einbezogen sind.
  • die Schmerzsituation und -linderung Ihres Patienten dauerhaft nicht einer akzeptablen Situation entspricht,
  • gesundheitsbezogene und alltagsbezogene Krisen oder Kompli­kationen durch die Therapie oder deren Nebenwirkungen auf­treten,
  • Versorgungsbrüche entstehen, die nicht mithilfe von Selbstma­nagementkompetenz Ihres Patienten, familiärer oder professio­neller Unterstützung überbrückt werden können,
  • durch die Schmerzsituation eine Einbuße an Lebensqualität, Funktionalität oder sozialer Teilhabe entstanden ist, die nicht mehr dem direkt geäußerten oder mutmaßlichen Willen Ihres Patienten entspricht.*

* Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.): Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen“, 1. Auflage, März 2014, Seite 23

 

 

Qualität in der Pflege - MITARBEITERQUALIFIKATION
Sorgen Sie für ein besseres Arbeitsklima und sensibilisieren Sie Ihre Mitarbeiter jetzt für das Thema „Mobbing
Aber Achtung: Nicht jeder Konflikt ist auch Mobbing.
 

Nein, Danke

Die 5 besten Tipps für Ihre Pflege- dokumentation

Die neue Begutachtungsrichtlinie tritt ab dem 01.01.17 in Kraft. Damit ergeben sich neue Aspekte, die Sie in Ihrer Pflegedokumentation berücksichtigen sollten.

Gratis stöbern!