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Pflegevisite: Ja oder nein?

29.09.2016

Bevor Sie für sich diese Entscheidung treffen können, ist es ratsam, sich die eigentliche Intention von Pflegevisiten nochmals bewusst zu machen. Eine Pflegevisite ist nichts anderes als ein Bewertungs- und somit Qualitätssicherungsinstrument, das Sie bewohnerbezogen (Wie gut ist die Pflege?) oder mitarbeiterbezogen (Wie gut pflegt der Mitarbeiter?) einsetzen können.

Pflegevisite zur Feststellung der Pflegequalität

Die Pflegevisite ist in der Regel ein Besuch beim Bewohner, bei dem dessen Befinden, seine Zufriedenheit und seine individuellen Wünsche bezüglich der Versorgung durch die Einrichtung erhoben werden. Dabei werden häufig auch die Pflegeplanung und -dokumentation überprüft und ggf. aktualisiert. Oft wird die Pflegevisite auch mit einem Feedback für den Pflegemitarbeiter verbunden. Häufig werden Pflegevisiten bei jedem Bewohner einmal pro Jahr durchgeführt. Eine verbindliche Regelung gibt es hierzu nicht.

Die Vor- und Nachteile der Pflegevisite

Damit Sie für sich eine Entscheidung treffen können, ob Sie weiter Pflegevisiten durchführen wollen oder nicht, können Sie der Übersicht auf folgender Seite einige Vor- und Nachteile von Pflegevisiten entnehmen. Außerdem gibt es auch ein paar Mythen mit geringem Wahrheitsgehalt die Sie kennen sollten. Ich stelle nämlich immer wieder fest, dass in der Praxis Vorstellungen von vermeintlichen Vorgaben vorherrschen, die angeblich der MDK oder andere Prüfinstanzen verlangen. Interessant dabei:

Oft existieren diese Vorgaben gar nicht!

Vergessen Sie diese Mythen

Zu alldem gibt es noch eine Reihe von Mythen zur Pflegevisite, die sich in Pflegeteams hartnäckig halten. Das sind vermeintliche Vorgaben ohne jegliche Grundlage. Diese Vorgaben gibt es einfach nicht:

1. Mythos: „Aber der MDK will ja, dass wir Pflegevisiten machen.“

Das ist nicht richtig. In den Qualitätsprüfungs-Richtlinien, der Grundlage der MDK-Begehungen, wird in keinem Prüfkriterium nach Pflegevisiten gefragt. Sie erhalten somit keine Abwertung
und auch keine schlechtere Pflegenote, wenn Sie keine Pflegevisiten durchführen.

Bis 2013 waren Pflegevisiten noch als ein Instrument der internen Qualitätssicherung im Pflegeheim aufgeführt. In den neuen Qualitätsprüfungs-Richtlinien 2014 waren die Pflegevisiten nicht mehr enthalten.

2. Mythos: „Einmal im Jahr muss jeder Bewohner eine Pflegevisite haben.“

Auch das entspricht nicht der Realität. Wenn Sie Pflegevisiten umsetzen, können Sie auch selbst frei entscheiden und festlegen, wie oft oder wie selten Sie Ihre Bewohner visitieren.

3. Mythos: „Ich muss bei einer Pflegevisite den Bewohner anschauen, die Dokumentation überprüfen und noch einem Mitarbeiter bei der Versorgung zusehen.“

Nein. Sie können selbst festlegen, ob bzw. wie Sie Pflegevisiten umsetzen. Neuerdings ist sogar von „Mikrovisiten“ die Rede, bei denen innerhalb von 5 Minuten ein Schnellcheck des Bewohners durchgeführt wird. Auch das ist möglich.

4. Mythos: „Pflegevisiten muss immer die PDL machen.“

Nein. Pflegevisiten können auch von einer Pflegefachkraft, einer WBL oder auch der QMB durchgeführt werden. Wenn die PDL alle Pflegevisiten durchführen soll, hat sie für nichts anderes
mehr Zeit. Tipp: Lassen Sie gute Fachkräfte von verschiedenen Wohnbereichen sich gegenseitig visitieren. Mit der Übertragung dieser Aufgabe bringen Sie Ihren Mitarbeitern Wertschätzung entgegen. Die Kollegen können sich fachlich austauschen. Wenn sie dies in Pflegevisiten üben, fällt ihnen die fachliche Argumentation in Prüfungssituationen auch leichter.

5. Mythos: „Bewohner in Pflegestufe III brauchen öfter eine Pflegevisite.“

Unabhängig von der Pflegestufe kann jede Einrichtung autonom entscheiden, wie oft die Bewohner visitiert werden.

Eine gute Alternative:
Fallbesprechungen

Wenn Sie sich entscheiden, auf die Durchführung von Pflegevisiten zu verzichten, sollten Sie dennoch andere Instrumente zur Qualitätssicherung in der Pflege anwenden. Besonders gut geeignet sind hierbei die Fallbesprechungen. In einer unserer letzten Ausgaben haben wir Ihnen ein Konzept für die Durchführung von Fallbesprechungen vorgestellt. Der Vorteil bei diesem Qualitätsinstrument liegt in der multiprofessionellen und häufig praxisorientierteren Betrachtungsweise des Bewohners. Wichtig ist auf jeden Fall, dass Sie nicht mehrere Instrumente parallel führen und somit unnötige Doppelarbeit haben. Pflegevisiten und Fallbesprechungen sollten z. B. nicht parallel durchgeführt werden.

Wägen Sie individuell die Vor- und Nachteile ab

Ich habe Ihnen die Vor- wie auch Nachteile bzw. häufig genannte vermeintliche Vorgaben aufgezeigt. Unter diesen Gesichtspunkten können Sie ganz individuell abwägen, ob in Ihrer Einrichtung die Durchführung von Pflegevisiten sinnvoll ist. Alternativ können Sie frei nach den Gegebenheiten in Ihrer Einrichtung Ihr Pflegevisitenmodell konzipieren. Denken Sie aber stets daran: Neben der Pflegevisite gibt es eine Reihe von Qualitätssicherungsinstrumenten, die Sie vielleicht bereits nutzen: die beschriebenen Fallbesprechungen, Verfahrensanweisungen, Einarbeitungskonzepte, die Auswertung der Integrationsphase, um nur einige zu nennen.

Übersicht: Durchführung von Pflegevisiten: Pro & Kontra
Pro Kontra
Sie erfassen nach einer vorgegebenen Struktur ganzheitlich die Versorgungsqua­lität des Bewohners. Die PDL erhält einen umfassenden Qualitätsüberblick. Die zugrunde gelegte Struktur ist häu­fig nicht individuell, sondern es wird pauschal eine Bewertung – häufig stark orientiert an der Dokumentation – vorge­nommen. Sinn und Zweck werden oft nicht mehr verstanden.
Der Fachaufsicht der Pflegemitarbeiter – insbesondere der Pflegehelfer – kann so nachgekommen werden. Die Durchführung selbst und auch die in­tensive Nachbearbeitung und Auswertung sind sehr zeitintensiv.
Die Pflegevisite als Instrument bietet wie oben beschrieben einen allumfassen­den Qualitätsüberblick. Sie schließt viele Qualitätskontrollen mit ein (Wie arbeitet der Mitarbeiter? Wie ist der Bewohner versorgt? Ist das Zimmer sauber? Ist die Dokumentation vollständig? etc.). Weitere Instrumente zur Auswertung müssen par­allel nicht angewandt werden. Pflegevisiten erfassen doppelt, was schon an anderer Stelle erhoben wurde. So wird die Versorgung tagtäglich in der Dienstübergabe besprochen, in Fallbe­sprechungen wird die gesamte Betreu­ungssituation behandelt oder die Pflege­dokumentation wird ohnehin nach einem vorgegebenen Zeitraster evaluiert.
Der Pflegeprozess wird für die Beteiligten, sei es Bewohner, Mitarbeiter oder auch An­gehörige, transparent und nachvollziehbar. Die Durchführung ist nicht nur zeit-, son­dern auch personalintensiv. Neben dem Mitarbeiter, der die Pflege durchführt, ist noch der visitierende Mitarbeiter dabei. Außerdem müssen ggf. noch Terminab­sprachen mit Angehörigen oder anderen Berufsgruppen koordiniert werden.
Pflegende haben die Möglichkeit, ihre Arbeit professionell zu reflektieren und zu hinterfragen, da sie eine Rückmeldung vom Visitierenden erhalten. Pflegevisiten beanspruchen ein hohes Maß an Leitungsressource. Häufig führt die PDL alle Pflegevisiten durch. In einer grö­ßeren Einrichtung mit 80 Bewohnern ist sie damit mindestens einen Tag in der Woche mit nichts anderem beschäftigt.
Neben der Versorgungsqualität werden noch weitere wichtige Kriterien erfasst. So wird festgestellt, ob die Pflegestufe noch aktuell ist oder welche Schulungsbedarfe die Mitarbeiter haben. Für Angehörige ist der Einbezug in die Pflegevisite oftmals unangenehm. Sie wollen zwar, dass der Pflegebedürftige gut versorgt ist, sie wollen aber nicht direkt bei der manchmal intimen und individuellen Pflegeausgestaltung beteiligt sein (z. B. wie die Intimpflege aussieht). Oftmals bevorzugen sie eine diskrete Besprechung – z. B. über die biografischen Hintergründe.

 

FAZIT: Wie Sie gesehen haben, gibt es keinerlei Verpflichtung, Pflegevisiten durchzuführen. Sie haben es also selbst in der Hand, ob Sie auf Teile oder sogar komplett auf Pflegevisiten verzichten.

 

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Chefredakteur:
Marcel Faißt

Nein, Danke