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Sexuelle Enthemmung bei Demenz: Sicher und professionell handeln

02.09.2019

Kennen Sie es auch aus Ihrem Arbeitsalltag, dass manche demenziell veränderten Personen sich sexuell übergriffig verhalten? So fasst etwa unser Pflegekunde Herr Sauer den weiblichen Pflegekräften während der Körperpflege häufig an die Brust oder beginnt zu onanieren. Unseren männlichen Kollegen ergeht es ähnlich, wenn unsere ebenfalls demenziell veränderte Pflegekundin Frau Herbertz ihnen unvermittelt an den Schritt fasst.

Verständlicherweise fällt es vielen Pflegekräften in diesen Situationen schwer, gelassen und ruhig zu bleiben, und vermutlich fragen Sie sich in solchen Extremfällen auch immer wieder, wie Sie am besten darauf reagieren sollen. Dieser Artikel zeigt Ihnen verschiedene Ansätze, die Ihnen den Umgang mit sexueller Enthemmung im Alltag erleichtern.

Dies sind die 5 häufigsten Gründe für sexuell enthemmtes Verhalten

Demenziell veränderte Personen haben häufig verlernt, ihre Gefühle und Antriebe zu steuern. Dies kann neben abwehrendem Verhalten auch zu auffälligem sexuellen Verhalten führen. Dies zeigt die folgende Übersicht.

Gründe Erläuterungen
Vergessen Konventionen in Bezug auf das Ausleben der Sexualität sind erlernt und Ihr demenziell veränderter Pflegekunde vergisst sie
schlichtweg.
Werteverlust Werte und Normen haben für demenzerkrankte Personen keine direkte Bedeutung mehr. Daher können sie auch nicht mehr
danach handeln.
mangelnde Impulskontrolle Ihre demenziell veränderten Pflegekunden lassen sich mit zunehmender Demenz immer stärker vom Gefühl leiten. Sie folgen
daher jedem Impuls sofort, ohne sich zu fragen, ob dies angemessen ist.
Wenn etwa ein demenziell veränderter Pflegekunde durch die körperliche Nähe einer weiblichen Pflegekraft erregt wird, folgt er
diesem Reiz sofort.
Situationsverkennung Während der Körperpflege entsteht eine Nähe, die sonst nur in intimen Beziehungen vorkommt. Sie berühren Ihre Pflegekunden
an Stellen, die sonst nur der Partner berühren darf.
Pflegekraft und demenzerkrankter Pflegekunde spielen in diesem Fall sozusagen in unterschiedlichen Theaterstücken. Die
Pflegekraft sieht eine pflegebedürftige Person vor sich, die Hilfe benötigt. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde hingegen
empfindet sich als jung und leistungsfähig. Entsprechend versteht er die Pflegehandlung als sexuelle Aufforderung.
Beispiele:
• Ein demenziell veränderter Pflegekunde realisiert nicht, dass er nicht allein aufstehen kann. Daher wird er den Transfer als
intime Umarmung verstehen.
• Eine demenziell veränderte alte Dame versteht nicht, dass die Intimwäsche im Bett notwendig ist. So wird sie die Pflege als
sexuelle Handlung missverstehen.
Erkrankungen Sexuelle Enthemmung bei Ihren Pflegekunden kommt häufig im Zusammenhang mit vaskulärer, frontotemporaler, Parkinson oder
Lewy-Body-Demenz vor. Personen mit Alzheimer-Demenz sind seltener hiervon betroffen. Auch können Antiparkinsonmedikamente
die sexuelle Erregung verstärken.

Schaffen Sie Abstand

Sexuelle Übergriffe sind eine Form von Gewalt – auch wenn Ihr Pflegekunde mit Demenz nichts dafür kann. Entsprechend haben Sie als Pflegekraft auch ein Anrecht, sich hiervor zu schützen. Dies bedeutet konkret, dass Sie sich dem Verhalten nicht aussetzen müssen. Sie können etwa die Handlung unterbrechen oder mit Ihrer PDL besprechen, dass andere Kollegen die Pflege des betroffenen Pflegekunden übernehmen. Das Prinzip „Augen zu und durch“ ist in diesen Fällen nicht angebracht, denn dies kann leicht in Aggressionen gegenüber dem Pflegekunden umschlagen.

Forschen Sie nach Gründen

Beschreiben Sie die übergriffige Situation möglichst genau. Prüfen Sie, welcher oder welche der unten stehenden Gründe auf Ihren Pflegekunden am ehesten zutreffen. Dies bringt Sie der Lösung häufig schon einen Schritt näher.

2 Beispiele aus dem Pflegealltag, wie Sie reagieren können:

  • Falls Ihr Pflegekunde die Situation verkennt, kann es ausreichen, dass Sie ihm die Pflegehandlung genau erklären. Oder aber Sie statten sich mit „medizinischen“ Attributen wie z. B. einem weißen Kittel oder einem Stethoskop aus. Auf diese Weise kann Ihr demenziell veränderter Pflegekunde erkennen, dass es sich nicht um eine private Situation handelt.
  • Falls Ihr Pflegekunde aus einer mangelnden Impulskontrolle heraus handelt, versuchen Sie ihn abzulenken. Geben Sie ihm etwas in die Hand, das ihn interessieren könnte. Die Pflegekräfte geben Herrn Sauer seit Neuestem während der Pflege einen Fußball in die Hand und unterhalten sich mit ihm über Fußball.

Diese 5 Tipps erleichtern Ihnen den Umgang

Neben den vorangegangenen Anregungen helfen auch die folgenden Tipps weiter:

1. Tipp: Schließen Sie andere Erkrankungen aus

Wenn sich Ihr Pflegekunde auffällig oft im Genitalbereich berührt, kann die Ursache hierfür auch eine Blasenentzündung oder ein Pilzbefall sein. Lassen Sie dies immer von einem Arzt untersuchen. Möglicherweise kann Ihr Pflegekunde sich auch nicht anders ausdrücken und äußert auf diese Weise den Wunsch, zur Toilette zu gehen.

2. Tipp: Sprechen Sie sich ab

Grundsätzlich sollten nur die Pflegekräfte einen sexuell übergriffigen Pflegekunden pflegen, welche dieser nicht als attraktiv empfindet, d. h. auf die er nicht entsprechend reagiert (z. B. denen er keine eindeutigen Angebote macht oder die er nicht zu berühren versucht).

3. Tipp: Setzen Sie Grenzen

Wenn ein Pflegekunde während der Pflege sexuell erregt ist, verlassen Sie den Raum für einige Zeit. Falls er Sie berührt, schieben Sie die Hand mit einem eindeutigen „Nein, ich möchte das nicht“ fort. Gehen Sie danach nicht weiter auf den Vorfall ein. Bei einer Wiederholung verfahren Sie auf die gleiche Weise.

4. Tipp: Ziehen Sie an einem Strang

Wichtig ist, dass Sie sich im Team auf ein einheitliches Handeln einigen. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde kann sich Grenzen nur merken, wenn Sie diese häufig wiederholen. Wenn hingegen jede Pflegekraft unterschiedlich handelt, bieten Sie ihm keine Orientierung bezüglich seines Verhaltens. Legen Sie den Pflegeablauf genau fest. Dokumentieren Sie in Ihrer Maßnahmenplanung zudem konkret, welche sexuellen Handlungen zu welcher Reaktion führen.

Beispiel: Der Pflegekunde Herr Seibel macht häufiger Andeutungen wie: „Komm, lass uns eine Nummer schieben.“ Manche Pflegekräfte schimpfen wortreich mit Herrn Seibel, andere versuchen es einfach zu überhören. Besser wäre es, wenn jede Pflegekraft gleich handeln würde:

Die Pflegekraft richtet sich etwa gerade auf und schaut Herrn Seibel kurz fest und ohne zu lächeln in die Augen. Wichtig ist, dass sie 1–2 kurze und einfach zu verstehende Sätze formuliert, etwa „Lassen Sie das. Ich will nicht.“

5. Bitten Sie in Ausnahmefällen um Medikamente

Falls Ihr Pflegekunde einen offensichtlich gesteigerten Sexualtrieb hat, etwa auffällig oft onaniert, besprechen Sie mit dem Arzt, ob eine medikamentöse Einstellung möglich ist. Achten Sie jedoch darauf, dass die eingesetzten Medikamente die Demenz nicht verstärken.

Häufig helfen schon Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer oder Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Antiandrogene. Diese Medikamente werden zur Verringerung des männlichen Sexualhormons verabreicht, unter anderem auch bei Prostataerkrankungen. Wie bei jeder Medikation sollten Sie bzw. der Arzt sich auch hier mit dem Betreuer bzw. Bevollmächtigten abstimmen.

Fazit:

Erhalten Sie sich Ihren Respekt. Häufig ist es schwierig, einem Menschen weiterhin Respekt entgegenzubringen, wenn er sich Ihnen oder anderen gegenüber unangemessen verhält. Bedenken Sie jedoch, dass das Verhalten nichts mit der eigentlichen Persönlichkeit zu tun hat. Ihr Pflegekunde hat lediglich aufgrund seiner Demenzerkrankung die Fähigkeit verloren, sich angemessen zu verhalten und seine Handlungen entsprechend zu steuern.

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