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„Türöffner“ in der ambulanten Pflege

01.01.2021

Mit dem weiteren Verlauf einer Demenz gibt es für die betreffende Person viele Situationen, die sich für sie als schwer und häufig auch angstmachend anfühlen. Es kommen z. B. Menschen in die Häuslichkeit, die nicht immer erkannt werden, oder Hilfe wird angeboten, obwohl der Mensch aufgrund seiner Demenz das Gefühl hat, alles allein machen zu können. Wie Sie es aus Ihrem Pflege- und Betreuungsalltag kennen, fühlt sich der Erkrankte dann häufig überfordert, er möchte z. B. dass Sie die Wohnung verlassen, er schreit Sie an oder wird traurig und fängt vielleicht auch an zu weinen. Umso wichtiger ist es, Momente der Leichtigkeit bewusst zu gestalten.

Grundlage jeder Begegnung ist die wertschätzende Kommunikation

Die allgemeinen Grundsätze in der Begegnung mit Menschen mit Demenz sind Ihnen wahrscheinlich schon in „Fleisch und Blut“ übergegangen. Sie wissen, dass wie Sie dem Menschen begegnen wichtiger ist als das, was Sie sagen. Daher haben Sie gelernt, auf Ihre nonverbale Kommunikation zu achten. Sie begegnen dem Menschen mit Demenz z. B. mit einer offenen und zugewandten Körperhaltung, Sie achten auf eine freundliche Mimik und versuchen, Ruhe auszustrahlen. Und auch in Ihrer verbalen Kontaktaufnahme haben Sie gelernt, sich auf die Fähigkeiten des Erkrankten einzustellen. Sie sprechen z. B. in kurzen und verständlichen Sätzen und reagieren auf wiederholte Fragen freundlich und zugewandt. Machen Sie sich ruhig noch einmal ganz bewusst, was Sie täglich leisten.

Die ersten Minuten der Kontaktaufnahme sind entscheidend

Sicherlich haben Sie auch schon erfahren, dass besonders die ersten Minuten der Kontaktaufnahme sehr wichtig sind, um Ihre Begegnung für den Menschen mit Demenz entspannt und verstehbar zu gestalten. Vermitteln Sie dem Erkrankten Ihre Haltung der Wertschätzung und Annahme immer wieder dadurch, dass Sie sich für die Kontaktaufnahme bewusst Zeit lassen. Diese Zeit kommt Ihnen im weiteren Verlauf zugute. Fallen Sie mit Ihrer eigentlichen Aufgabe, wie z. B. Hilfe bei der Körperpflege, Medikamentengabe oder dem geplanten Spaziergang, nicht „mit der Tür ins Haus“, denn dies kann verunsichern, der Erkrankte fühlt sich überfordert. Für ihn ist es meist nicht verständlich, welche Rolle oder Aufgabe Sie haben. Viel wichtiger ist es zu erfahren, ob die Person, die ihm begegnet, ihm wohlgesonnen ist oder nicht. Und um dies zu erkennen, braucht der Mensch mit Demenz Zeit, Sie wahrzunehmen – jenseits von Funktion und Aufgabe.

Eine Prise Leichtigkeit trägt zum Wohlbefinden bei Demenzpatienten bei

Eine entspannte Atmosphäre ist für den Erkrankten absolut notwendig, um Sie zu verstehen und um in Kontakt gehen zu können. Sie als Pflege- und Betreuungskraft können viel dazu beitragen, die Atmosphäre über Ihre eigene Ausstrahlung zu gestalten. Diese Erkenntnis gilt es, sich immer wieder ins Bewusstsein zu holen. Sich in der Begegnung mit dem Menschen mit Demenz innerlich von der Hektik Ihres beruflichen Alltags zu lösen, tut nicht nur Ihnen gut, sondern auch den Menschen, die Sie begleiten. Sicherlich haben Sie schon eigene Rituale entwickelt, um selbst in eine entspannte Stimmung zu kommen, wie z. B. vor dem Klingeln an der Haustür ein paar Mal tief aus- und wieder einzuatmen. Aber auch in der direkten Begegnung mit dem Menschen mit Demenz können Momente der Leichtigkeit für Sie und den Erkrankten die Stimmung heben und ein entspanntes Miteinander sowie das Vertrauen fördern. Denn auch für Menschen mit Demenz gilt: Von Menschen, denen ich vertraue, lasse ich mir leichter helfen als von Menschen, die ich nicht einschätzen kann.

Diese Ideen verschaffen Leichtigkeit im Kontakt

Lassen Sie sich von den folgenden Ideen inspirieren, und entwickeln Sie daraus weitere, die in Ihr berufliches Umfeld, zu Ihnen und zu den Ihnen anvertrauten Menschen passen. Für die Umsetzung brauchen Sie wenig Zeit, häufig sind es nur ein paar Minuten, aber dennoch wirken die „leichten Momente“ in der veränderten entspannten Atmosphäre weiter. Hierbei ist das miteinander Lachen ausdrücklich erlaubt. Setzen Sie am besten die Ideen um, mit denen Sie auch Spaß haben und die Sie begeistern – denn Begeisterung ist ansteckend.

1. Idee: Luftballons

Luftballons faszinieren die meisten Menschen, da sind die Ihnen anvertrauten Menschen mit Demenz keine Ausnahme. Probieren Sie doch ruhig einmal aus, wie sich die Stimmung aufhellt, wenn Sie Luftballons mitbringen. So gehen Sie vor:

  • unter mehreren Luftballons die Farbe auswählen lassen
  • schätzen lassen, wie viele Atemzüge Sie brauchen, um den Luftballon aufzupusten
  • den Luftballon
    • hin und her spielen
    • in die Hand geben
    • bemalen, z. B. mit einem Gesicht
    • verschenken
    • dazu benutzen, lustige Geräusche zu machen (aber lieber nicht platzen lassen, das erschreckt meist zu sehr)
    • darüber sprechen, zu welchen Gelegenheiten Luftballons eingesetzt werden (Geburtstage, Feiern, Genesungsgrüße, Valentinstag, Eröffnungen, Jahrmärkte, ...)

2. Idee: Schnee- oder Traumkugel

Nostalgische Erinnerungen regen die Phantasie an und laden zum Träumen ein. Hierzu eignen sich besonders gut Schnee- oder Traumkugeln. Auf Flohmärkten gibt es häufig schöne Kugeln für wenig Geld. Sie können die unterschiedlichsten Motive finden, von Souvenirkugeln aus Städten (mit Wahrzeichen oder berühmten Gebäuden) bis hin zur Gestaltung kleiner Szenen (z. B. Kinder beim Schlittschuhlaufen). Gefüllt mit Glitzerstaub, können Sie in Traumkugeln Motive für alle Jahreszeiten entdecken.

So gehen Sie vor:

  • Schnee- oder Traumkugel schütteln oder vom Menschen mit Demenz schütteln lassen.
  • Die Effekte durch das Rieseln des „Schnees“ oder des Glitzers gemeinsam betrachten.
  • über die Herstellung und die Motive in der Kugel sprechen
  • darüber sprechen,
    • ob der Mensch mit Demenz früher Schneekugeln hatte
    • was er denn gern in eine Schneekugel packen würde
    • ob er mal eine Schneekugel verschenkt hat
    • welche Lieblingsorte er gern in einer Schneekugel sehen würde

Tipp: Bevor Sie die Maßnahmen beim Erstkontakt durchführen, sollten Sie unbedingt abklären, ob der Mensch demenziell verändert ist. Anderenfalls könnte es auch passieren, dass sich jemand nicht ernst genommen fühlt.