Verlag & Akademie

So unterstützen Sie Ihre Pflegekunden bei der Trauma-Bewältigung

29.04.2019

Das Thema „Kriegstraumata“ erinnert mich immer wieder an meinen Onkel Heinrich. Er wurde 1932 geboren und verbrachte die meisten Jahre seiner Kindheit im 2. Weltkrieg. Er erzählte eher fröhlich von dieser Zeit. So berichtete er etwa, dass er und seine Freunde sich etwas zu essen stibitzten. Er lachte auch nach Jahrzehnten noch darüber, mit welchen Tricks er sich vor der verhassten Hitler-Jugend drücken konnte. Von Traurigkeit und Ängsten war in seinen Geschichten nie die Rede.

In den letzten Monaten seines Lebens wurde er zunehmend desorientierter und fast komplett immobil. Und es schien, als hätte ihn nach all den Jahren der Schrecken des Krieges eingeholt. Plötzlich zuckte er bei jedem Knall zusammen. Wenn wir uns verabschiedeten, warnte er uns vor den feindlichen Flugzeugen.

Beschäftigen Sie sich mit der Biografie des Kunden

Vermutlich geht es einigen Ihrer Pflegekunden ähnlich wie meinem Onkel. Hunger, Bombardierungen, Verlust der eigenen Wohnung sind nur einige der Schrecken, die Ihre Pflegekunden tagtäglich miterlebt haben. Die Mehrheit dieser Generation hat hierdurch Traumata entwickelt und die schrecklichen Erlebnisse viele Jahrzehnte lang verdrängt. Denn zum Verarbeiten des Erlebten blieb keine Zeit. Ihre Pflegekunden mussten schon als Kind ebenso diszipliniert sein wie die Erwachsenen, um den Alltag in den letzten Kriegs- und den Nachkriegsjahren zu bewältigen.

Rechnen Sie mit Retraumatisierungen

Später im Alter kommen diese Schrecken wieder hoch. Sie können durch scheinbar harmlose Situationen wieder ins Bewusstsein treten. Hierzu reicht ein Geruch, ein bestimmtes Geräusch oder eine Ähnlichkeit zu Personen aus der Vergangenheit. Automatisch kommen die gleichen Gefühle (z. B. Angst, Panik, Todesangst, Trauer) und Reaktionen an die Oberfläche wie bei dem tragischen Erlebnis selbst – die Betroffenen durchleiden es erneut.

Im Folgenden finden Sie Beispiele von scheinbar unerklärlichen Reaktionen, die durch ein früheres Trauma ausgelöst wurden. Möglicherweise kennen Sie ähnliche Beispiele von Ihren Pflegekunden.

Beispiel:

  • Herr Mayer beginnt bei einem Gewitter immer heftig zu zittern. Blitz und Donner erinnern ihn an einen Bombenangriff, bei dem er in keinem Bunker Zuflucht suchen konnte.
  • Frau Kluge beginnt zu weinen, als die Bewohner bei einer Silvesterfeier ein kleines Feuerwerk auf der Terrasse anzünden. Es erinnert sie an die Positionsmarken, die vor den Bombenangriffen abgeworfen wurden.
  • Frau Sauer bekommt Atemnot und Panik, wenn eine Pflegekraft zur Nacht das Licht im Zimmer ausmacht. Sie war im Luftschutzkeller eines zerbombten Hauses verschüttet worden.
  • Frau Siebert hat 20 angebissene und eingewickelte Butterbrote in ihrer Handtasche.

Unterstützen Sie in belastenden Situationen

Möglicherweise fragen Sie sich: „Wie kann ich den Pflegekunden stützen, wenn ihn die früheren Ereignisse überrollen?“ Die Antwort lautet im Wesentlichen: Indem Sie ihm zuhören und ihn respektieren. In der Übersicht finden Sie 5 hilfreiche Tipps.

TippsErläuterung
1. Beobachten und recherchieren Sie
  • Ziehen Sie bei abwehrendem oder ängstlichem Verhalten eine frühere Traumatisierung als Ursache in Betracht.
  • Versuchen Sie, biographische Zusammenhänge zu erkennen.
  • Erkundigen Sie sich über die Lebensumstände Ihres Pflegekunden zu seiner Jugendzeit (an seinem damaligen Wohnort).
  • 2. Sprechen Sie Stressreaktionen an
  • Einen Zusammenhang mit früheren dramatischen Erlebnissen erkennen Sie möglicherweise an seinem Verhalten (z. B. auffälliges Verhalten, starkes Zusammenzucken, erstarrte Haltung, ängstlicher Blick, Klang der Stimme).
  • Falls Sie hierin eine Überforderungs- oder Stressreaktion erkennen, sprechen Sie ihn an.
  • Beziehen Sie sich dabei auf sein Verhalten, z. B. „Sie sind gerade richtig zusammengezuckt.“
  • 3. Hören Sie zu
  • Die wichtigste Unterstützung für Ihren Pflegekunden ist es,
    wenn Sie ihm zuhören.
  • Erklären Sie Angehörigen, dass ein ständiges Erinnern alter Erlebnisse wichtig für deren Bewältigung ist.
  • 4. Vermitteln Sie Sicherheit.Hinterfragen Sie, welche weiteren Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Ihr Bewohner sich sicher fühlt. Beispiele:

  • Erklären Sie Ihre Handlungen und beachten Sie eine mögliche Abwehrhaltung.
  • Schließen Sie die Schranktüren leise.
  • Trösten Sie Ihren Pflegekunden, wenn er sich erschrocken hat.
  • 5. Nehmen Sie Ihren Pflegekunden ernst.Zeigen Sie Verständnis und versuchen Sie nicht, Ihren Pflegekunden mit Floskeln zu beschwichtigen.
    Beispiele:

  • „Das wird schon wieder.“ (Bedenken Sie, es kann nicht wieder gut werden, es ist schon lange geschehen.)
  • „Wir haben einen so schönen Frühlingstag.“ (Krieg und Hunger haben vor schönem Wetter nicht haltgemacht.)
  • „Das ist doch alles vorbei, weinen Sie doch nicht.“ (Für Ihren Bewohner ist es so lebendig wie eh und je.)
  • Fazit: Schauen und hören Sie hin

    Die meisten Ihrer Pflegekunden waren in den Kriegs- und Nachkriegsjahren noch sehr jung und hatten kaum Gelegenheit, den Schrecken zu verarbeiten. Welche Wunden dies hinterlassen hat, erkennen Sie nicht auf Anhieb. Nutzen Sie die Informationen aus diesem Beitrag, um scheinbar unerklärliche Reaktionen besser zu verstehen.

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