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Aggressiv oder unverstanden? Deuten Sie das Verhalten Ihrer Bewohner richtig

30.01.2019

An einem ganz normalen und eher ruhigen Morgen in der Einrichtung reagierte Frau B. laut schimpfend auf die Information der Pflegekraft, sie könne jetzt frühstücken gehen. In der Küche des Wohnbereiches sa­ßen schon 2 andere Bewohner. Frau B. war absolut nicht dazu zu bewegen, in diese Küche zu gehen.

Die Pflegekraft versuchte weiter, sie in liebevoller Tonlage zu überreden. Frau B. regte dies dazu an, die Pflegekraft mit Gegenständen zu bewerfen. Ein Trinkbecher traf die Pflegekraft an der Schulter und eine Packung Taschentücher landete in ihrem Gesicht. Erstaunt fragte die Pflegekraft Frau B.: „Warum sind Sie denn heute so aggressiv?“ Dies machte Frau B. scheinbar nur noch wütender. Mit grimmigem Gesichtsausdruck verließ sie die Situation und schimpfte, man solle sie in Ruhe lassen.

Forschen Sie nach den Ursachen und gehen Sie darauf ein

Frau B. in dieser Situation als aggressiv zu bezeichnen ist der falsche Ansatz und zudem eine Bewertung, die zumeist nicht zutrifft. Anstatt sie immer wieder zu bitten, in die Küche zu gehen, hätte die Pflegekraft sie fragen sollen, warum sie nicht zum Frühstück möchte. Frau B. ist hochgradig demenzerkrankt. Letztlich stellte sich heraus, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung die Einrichtung als ihr eigenes Haus wahrnimmt und sich sehr darüber aufgeregt hat, dass sich lauter fremde Leute darin aufhalten dürfen, ohne zu fragen.

Unterscheiden Sie 5 Angriffsphasen

Phasen Bedeutung
1. Auslösephase Das normale Verhalten eines Bewohners verändert sich, weil er die Situation als bedrohlich empfindet. Dies zeigt sich in Gestik, Mimik oder durch eine erhobene Stimme. Je besser Sie den Bewohner kennen, desto eher werden Sie Unterschiede in seinem Verhalten erkennen. In dieser Phase sind Ihre Bewohner noch am besten beeinflussbar.
2. Eskalationsphase Nun wird der Bewohner deutlich angespannter und unruhiger auf Sie wirken und die Abweichungen zu seinem normalen Verhalten werden immer offensichtlicher. Der Bewohner ist jetzt bereits so weit, dass er Ihre Gestik und Mimik vermutlich falsch interpretiert und als Angriff werten könnte. Mit reiner Diskussion ist hier bei der aufgebrachten Person oft nichts mehr zu erreichen.
3. Krise Nun zeigt sich der Bewohner deutlich körperlich und psychisch erregt. Er wird sichtbar unruhig. Die Gefahr besteht, dass er die Kontrolle über das eigene Verhalten verliert. In dieser Phase kommt es meist zum tätlichen Angriff. Dies gilt auch für verbale Attacken, nicht nur für körperliche. Mit guten Worten ist derjenige nun meist nicht mehr zu beruhigen.
4. Erholungsphase Nach der Krise kehrt derjenige ganz langsam zu seinem normalen Verhalten zurück. Er ist jedoch immer noch sehr empfindlich und kann jederzeit wieder in die Krise rutschen. Auch in dieser Phase kommt es häufig noch zu Übergriffen, wenn Sie zu schnell versuchen, den Bewohner zu beeinflussen.
5. Depression nach der Krise Der Bewohner kehrt zu seinem normalen Verhalten zurück. Sie können nun beobachten , dass Erschöpfung und Ruhe eintreten. Oftmals zeigen entsprechende Bewohner in dieser Phase auch Reue und schämen oder entschuldigen sich für ihr Verhalten.

Tipp: Legen Sie viel Wert auf rechtzeitiges Erkennen der Situation und wirken Sie frühzeitig beruhigend auf Ihre Bewohner ein. Deeskalierende Maßnahmen sind absolut notwendig.

Bezeichnen Sie Bewohner niemals kommentarlos als aggressiv

Entgegen der allgemein häufigen Verwendung des Begriffes „Aggressivität“ bezeichnet dies keinen Gefühlszustand, sondern eine beabsichtigte, zielgerichtete Handlung. Die Schädigung einer anderen Person oder Sache ist hier geplant oder wird billigend in Kauf genommen. Verletzt z. B. ein Bewohner eine Pflegekraft, weil er aufgrund seiner Erkrankung eine Wahnvorstellung hat, darf auf keinen Fall von aggressivem Verhalten die Rede sein. Dieser Begriff wird der Situation und ihrer Ursache nicht gerecht und darf so in keinem Pflegebericht oder einer Übergabe auftauchen.

Erkennen Sie den Ursprung für aggressives Verhalten

Je nach Biografie und aktueller Lebenslage gehen Menschen unterschiedlich mit Situationen um. Sie können besser oder schlechter ihre Gefühle äußern, sich verbal wehren oder auf andere Menschen zugehen. Es kommt zu Spannungen, weil Situationen falsch verstanden werden. Folgende Gründe sorgen oft für eskalierendes Verhalten oder spannungsgeladene Situationen:

  • Der gefühlte Verlust der Selbstbestimmung und des Selbstwertgefühls spielt eine große Rolle.
  • Ängste, entstanden durch die Erkrankung oder schon ein Leben lang vorhanden, können ein Grund sein.
  • Persönliche Krisen erschweren einen harmonischen Umgang mit anderen Menschen.
  • Ein häufiger Grund für angespanntes Verhalten sind Schmerzen.
  • Eine allgemeine Wut auf sich selbst oder auf andere sorgt für herausforderndes Verhalten.

Beachten Sie auch Demenz als Ursprung

Bei herausforderndem Verhalten von Bewohnern stellt die Demenz Sie vor besondere Schwierigkeiten. Hier ist es oft schwierig herauszufinden, warum jemand plötzlich offensiv wird. Die Bewohner befinden sich meist in ihrer eigenen Welt und man kann nicht immer sofort erfassen, weshalb die Stimmung kippt. Die schwindende Orientierung und Merkfähigkeit bei Demenz sorgen für Angst und Unsicherheit bei den Betroffenen. So kann es dazu kommen, dass Ihr Pflegekunde eine ganz alltägliche Situation völlig anders wahrnimmt als Sie.

Deeskalation lässt sich in einem Stufenmodell darstellen

Stufen Beschreibung
1. Deeskalationsstufe Verhinderung der Entstehung von Aggression und Gewalt: Erkennen Sie, welche alltäglichen Maßnahmen oder Situationen sich für die Bewohner als übergriffig oder gewaltsam anfühlen. Finden Sie Lösungen, wie die Bewohner z. B. mehr Selbstbestimmung leben können.
2. Deeskalationsstufe Veränderung der Sichtweise und der Interpretation von Verhaltensweisen, die zur Eskalation führen können: Ist der Bewohner wirklich aggressiv? Bewerten Sie das Verhalten nicht als aggressiv und nehmen Sie es nicht persönlich. Ihre Reaktion ist entscheidend für den weiteren Verlauf der Situation. Bleiben Sie ruhig und kontrolliert und erforschen Sie lieber die Ursache. Achtung: Bei Demenz sollten Sie denjenigen lieber nicht „ausfragen“, sondern die Situation beobachten.
3. Deeskalationsstufe Verständnis für die Beweggründe und die Auslöser, also die Ursachen für aggressive Verhaltensweisen: Erkennen Sie in dieser Stufe die Ursache für das Verhalten und verhindern Sie so eine weitere Eskalation.
4. Deeskalationsstufe Kommunikative Deeskalationstechniken im direkten Umgang mit dem stark angespannten Bewohner: Erfolgreich ist die Technik in dieser Stufe, wenn der Ausbruch und die Not des Bewohners merklich nachlassen und er deutlich ruhiger wird.
5. Deeskalationsstufe Bewohnerschonende Abwehr- und Fluchttechniken: Hier werden Mittel angewandt, um den Bewohner von weiteren tätlichen Angriffen abzuhalten und sich selbst und/oder andere zu schützen. Diese sollten mit das letzte Mittel zur Deeskalation sein und müssen fachlich erlernt werden.
6. Deeskalationsstufe Bewohnerschonende Techniken zum Halten, Begleiten, Immobilisieren und Fixieren: Hier bedarf es der Unterstützung des Pflegepersonals, das meist in der Ausbildung schon entsprechende Techniken erlernt haben.
7. Deeskalationsstufe Vorbeugende Möglichkeiten nach Eskalationen: Die beteiligten Kollegen, nicht die Bewohner, sollen hier das Geschehene verarbeiten und reflektieren. Es ist wichtig, dies im Team aufzufangen oder das Erlebte im Rahmen einer Supervision aufzuarbeiten.

Deeskalierende Kommunikation ist ein Muss

Nehmen Sie angespannte Situationen frühzeitig wahr. Ziel ist es, einen Ausbruch von Gewalt zu vermeiden. Wichtig sind die richtigen Kommunikationstechniken und eine dementsprechende Körperhaltung. Signalisieren Sie Empathie und Respekt und vermeiden Sie zusätzliche stressende Faktoren.

Praxisbeispiel: Ein Bewohner nimmt sein Mittagessen langsamer als sonst zu sich. Er guckt dabei missmutig. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen, die Stirn in Falten gelegt und die Mundwinkel nach unten verzogen. Der Kopf ist nach unten geneigt und er antwortet nicht auf die einfache Frage: „Schmeckt es Ihnen nicht?“ Nach einem erneuten Versuch der Ansprache brummelt er vor sich, wirkt nun eher wütend und schiebt mit Schwung den Teller weg, sodass dieser fast vom Tisch fliegt. Dies geschieht, obwohl es an diesem Tag sein Lieblingsessen, Schnitzel, gibt. Die Betreuungskraft setzt sich zu ihm, bemerkt, dass er den Mund hauptsächlich zu einer Seite verzieht und aussieht, als habe er Schmerzen. Sie fragt ihn direkt: „Haben Sie Zahnschmerzen?“ Seine Gesichtszüge entspannen sich etwas und er nickt als eindeutige Bejahung. Der Bewohner bekommt etwas anderes zu essen und ihm wird ein Termin beim Zahnarzt gemacht. Was wäre wohl passiert, hätte man ihn weiter zum Essen gedrängt?

Begegnen Sie Situationen mit Empathie und seien Sie informiert

Am erfolgreichsten sind Sie bei Ihrer Arbeit, wenn Sie Ihrem Umfeld mit viel Einfühlungsvermögen begegnen. Dies ermöglicht es Ihnen, Situationen schneller und besser zu reflektieren. Umfangreiche biografische Informationen erleichtern Ihnen zudem, den Bewohner in seiner Not zu verstehen und den tatsächlichen Grund für seine angespannte Haltung zu erfassen.

So dokumentieren Sie eskalierende Situationen

Bedenken Sie in Ihrem Bericht nach einer herausfordernden Situation, diese so zu beschreiben, wie Sie sie gesehen und erlebt haben. Vermeiden Sie unbedingt Wertungen wie „Der Bewohner war aggressiv“ oder „ Der Bewohner war böse“. Beschreiben Sie sein Verhalten und wie er z. B. auf deeskalierende Ansprache reagiert hat. Nutzen Sie hier auch gern die wörtliche Rede.

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