Hygienemaßnahmen in der ambulanten Pflege
Ende 2023 waren in Deutschland rund 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des SGB XI – Tendenz weiter steigend. Der Großteil der Versorgung findet im häuslichen Umfeld statt, entweder durch Angehörige oder unter Einbindung ambulanter Pflegedienste. Damit liegt ein erheblicher Teil der pflegerischen Verantwortung – inklusive Infektionsprävention – im ambulanten Setting.
Für ambulante Dienste gelten verbindliche Anforderungen an Qualitätssicherung und Hygieneorganisation. Grundlage sind unter anderem § 36 IfSG, die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim RKI sowie die Qualitätsprüfungs-Richtlinien nach SGB XI. Für Pflegedienstleitungen bedeutet dies: Ein strukturiertes Hygienemanagement ist kein optionales Element, sondern Bestandteil der prüfrelevanten Organisationsverantwortung.
Hygiene: Elementarer Bestandteil der Pflegequalität
Im ambulanten Bereich ist Hygiene besonders herausfordernd, da Pflegekräfte in wechselnden häuslichen Umgebungen arbeiten, die sie organisatorisch nicht vollständig kontrollieren können. Anders als im stationären Setting existiert keine einheitlich standardisierte Infrastruktur. Umso wichtiger sind klare interne Dienstanweisungen, geschulte Mitarbeitende und eine konsequente Umsetzung von Hygienestandards im Alltag.
Zu den zentralen Anforderungen gehören:
- ein schriftlich fixierter Hygieneplan
- regelmäßige Mitarbeiterschulungen
- verbindliche Regelungen zur Händehygiene
- sachgerechter Umgang mit Schutzkleidung
- klare Vorgaben zur Flächen- und Gerätereinigung
- strukturierte Prozesse bei multiresistenten Erregern
Für Pflegedienstleitungen bedeutet dies konkret: Hygiene ist Führungsaufgabe. Sie umfasst Gefährdungsbeurteilungen, Unterweisungsnachweise, Materialverfügbarkeit sowie die Vorbereitung auf MD– und Heimaufsichtsprüfungen.
Eine konsequent umgesetzte Hygienestrategie reduziert nicht nur Infektionsrisiken, sondern stärkt auch die fachliche Qualität, die Mitarbeitersicherheit und die Position des Dienstes im Qualitätsvergleich.
Wieso sind Hygienemaßnahmen in der ambulanten Pflege so wichtig?
Hygiene wird in vielen Bereichen der Pflege relevant. Sowohl beim Kochen als auch bei der Wundversorgung oder selbstverständlich auch bei der Wäsche des Pflegebedürftigen spielen Hygienemaßnahmen eine große Rolle. Gründe dafür gibt es mehrere:
- Pflegepersonen müssen sich im Rahmen des Arbeitsschutz vor Keimen schützen, um potenzielle Ansteckungen zu vermeiden. Der Umgang mit Ausscheidungen, offenen Wunden oder Lebensmitteln ist sensibel und eine Übertragung von Erregern vom Pflegepatienten auf den Pfleger ist nicht gewünscht.
- Auch die Pflegebedürftigen müssen vor Infektionen geschützt werden. Gerade ältere Menschen haben oft ein schwächeres Immunsystem, das mit Keimen nicht mehr so gut umgehen kann wie in jungen Jahren. Infektionshygiene und somit Infektionsprävention ist für sie das A und O.
Händehygiene als zentraler Baustein der Infektionsprävention
Die Händehygiene ist die wirksamste Einzelmaßnahme zur Vermeidung von Infektionen – auch und insbesondere in der ambulanten Pflege. Pflegekräfte arbeiten täglich in wechselnden häuslichen Umgebungen, mit engem Körperkontakt, bei Wundversorgung, Inkontinenzversorgung oder Medikamentengabe. Hände sind dabei der häufigste Übertragungsweg für Krankheitserreger.
Entscheidend ist die korrekte Händedesinfektion – nicht primär das Händewaschen. Nach den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) gilt: In der professionellen Pflege hat die alkoholische Händedesinfektion Vorrang. Händewaschen ist nur bei sichtbarer Verschmutzung erforderlich.
Händedesinfektion ist insbesondere erforderlich:
- vor und nach Patientenkontakt
- vor aseptischen Tätigkeiten (z. B. Verbandwechsel)
- nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material
- nach Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung
- nach dem Ausziehen von Einmalhandschuhen
Gerade bei der Versorgung von Personen mit chronischen Wunden, Kathetern oder multiresistenten Erregern (z. B. MRSA, ESBL) ist eine konsequente Händehygiene unverzichtbar. Studien zeigen, dass ein Großteil nosokomialer Infektionen auf unzureichende Händehygiene zurückzuführen ist.
Wann ist Händewaschen erforderlich?
Händewaschen ist angezeigt:
- bei sichtbarer Verschmutzung
- nach Toilettengang
- vor der Essenszubereitung
- nach Kontakt mit potenziell stark kontaminierten Materialien
Richtiges Händewaschen: Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Hände unter fließendem Wasser anfeuchten.
- Flüssigseife verwenden und mindestens 20–30 Sekunden einreiben (Handflächen, Handrücken, Zwischenräume, Daumen, Fingerspitzen, Nagelfalze).
- Gründlich abspülen.
- Mit Einmalhandtuch sorgfältig trocknen.
Feuchte Hände begünstigen Keimvermehrung – vollständiges Trocknen ist daher essenziell.Wann sollten Sie Ihre Hände desinfizieren?
Wenn Sie Händedesinfektionsmittel verwenden, sollten Sie dieses ebenfalls auf den gesamten Händen verteilen und nicht nur in den Handinnenflächen und es mindestens 30 Sekunden einreiben und einwirken lassen. Nur dann ist gewährleistet, dass auch wirklich alle Erreger durch die Desinfektion abgetötet wurden.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen Standard zur Händedesinfektion in der Pflege entwickelt, der eine Desinfektion in diesen fünf Situationen vorsieht:
- Vor dem Kontakt mit Patienten.
- Vor sogenannten aseptischen Tätigkeiten. Das sind Tätigkeiten, die die Beseitigung von Krankheitserregern erfordern.
- Nach der Benutzung von Material, das potenziell ansteckend ist.
- Nach dem Kontakt mit Patienten.
- Nach dem Kontakt mit Oberflächen, die in der Nähe eines Patienten sind.
Mit diesen Maßnahmen werden sowohl der Patient vor Erregern geschützt als auch weitere Patienten und Personal, mit denen der Pflegende Kontakt hat.
Hygienemaßnahmen in der ambulanten Pflege: Konsequent bleiben
In der ambulanten Betreuung zu Hause sind Angehörige schnell verleitet zu sagen: „Ich mach das grad, dafür muss ich mir ja nicht die Hände waschen. Außerdem handelt es sich ja um meinen Vater, wir sind uns doch vertraut.“ Diese Annahme ist ein Trugschluss und in der ambulanten Pflege ist es genauso wichtig wie in Einrichtungen der stationären Pflege, Hygienemaßnahmen zu berücksichtigen.
Zwar gibt es für die Pflege zu Hause keine Anleitungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (Krinko), so wie es sie in Krankenhäusern gibt. Dennoch lernen pflegende Angehörige schon im Pflegekurs, wie wichtig Hygiene ist.
3 weitere Hinweise zur Durchführung von Hygienemaßnahmen in der ambulanten Pflege
- Desinfektionsmittel: Weitere Möglichkeiten, eine hygienische Pflege durchzuführen sind Desinfektionsmittel, mit denen regelmäßig Oberflächen, Geräte und das Badezimmer gereinigt werden. Das regemäßige der Desinfektionsmittel ist aber nur nötig, wenn der Pflegebedürftige eine ansteckende Krankheit hat.
- Prävention durch Einmalhandschuhe: Ergänzend zum Reinigen und Desinfizieren der Hände können oder sollten auch Einmalhandschuhe getragen werden, wenn es an die Wundbehandlung, den Verbandswechsel oder die Intimhygiene des Pflegebedürftigen geht. Diese sollten Pfleger erst recht tragen, wenn sie selber Wunden oder Verletzungen an den Händen haben. Damit schützen sie sowohl sich als auch den Pflegebedürftigen.
- Prävention durch Einmalkittel: Bei der Wäsche des Pflegebedürftigen können Einmalkittel getragen werden, um die eigene Kleidung trocken und sauber zu halten. Sie sind ein klassisches Pflegehilfsmittel und werden auch zu medizinischen Zwecken getragen.
Hygiene zu Hause: Wie erhalten Sie ein sauberes Umfeld für den Pflegebedürftigen?
Im häuslichen Umfeld genügt in der ambulanten Pflege (häufig im Gegensatz zu Pflegeeinrichtungen) in der Regel die Händehygiene und die Einhaltung normaler Hygienemaßnahmen, wenn der Pflegebedürftige keine ansteckenden Krankheiten oder offenen Wunden hat.
Für die häusliche Pflege kann ein Hygieneplan zum Reinigen sinnvoll sein. Zu den Hygienemaßnahmen für zu Hause zählen unter anderem:
Empfehlung zur Küchenhygiene
- Spüllappen, Schwämme oder Lappen sollten einmal pro Woche erneuert werden, um Bakterienbildung zu vermeiden
- Geschirrtücher sollten einmal pro Woche bei 60 Grad gewaschen werden
- Sowohl der Inhalt des Kühlschranks als auch alle im Vorratsschrank vorhandenen Lebensmittel sollten einmal die Woche darauf geprüft werden, ob sie noch haltbar sind
- Der Kühlschrank sollte alle zwei Monate gründlich geputzt werden
- Fleisch, Fisch und alle Gerichte mit Ei sollten immer gut durchgegart werden, um eine Belastung mit Bakterien zu vermeiden
- Alle Küchenutensilien, die in Kontakt mit rohem Hähnchen gekommen sind, sollten abgekocht und gründlich gespült werden. Auch die Hände sollten nach dem Kontakt mit rohem Hühnerfleisch gründlich gereinigt werden.
- Der Müll sollte regelmäßig entsorgt werden. Im Sommer können Mülleimer auch schon geleert werden, wenn sie noch nicht ganz voll sind, die Belastung durch Fliegen kann sonst steigen und das Keimrisiko wächst ebenfalls.
Empfehlung zur Hygiene im Wohn- und Schlafzimmer
- Das Bett sollte alle zwei Wochen mit frischer Bettwäsche bezogen werden. Bei starkem Schwitzen, Inkontinenz oder anderen Verschmutzungen auch öfter.
- Wenn nötig bietet sich der Einsatz von Bettschutzeinlagen an, die zu den Pflegehilfsmitteln zählen.
- Die Oberflächen im Wohn- und Schlafzimmer sollten einmal pro Woche entstaubt und feucht gewischt werden.
- Falls der Pflegebedürftige einen Sessel hat, indem er besonders häufig sitzt, sollte dieser regelmäßig feucht abgewischt und ausgeklopft (oder sogar abgesaugt) werden.
- Die Fenster im Schlafzimmer sollten sowohl vor als auch nach dem Schlafen für mindestens fünf Minuten weit geöffnet werden (im Sommer gerne auch länger), um frische Luft hereinzulassen.
- Auch das Wohnzimmer sollte gut gelüftet werden, um verbrauchte Luft auszutauschen.
Empfehlung zur Badhygiene
- Die Toilette sollte einmal pro Woche mit einem anderen Lappen als die anderen Sanitäranlagen geputzt werden. Hatte eine Person im Haushalt Durchfall oder einen Magen-Darm-Infekt, sollte sie gründlich desinfiziert werden.
- Waschbecken, Dusche und Badewanne sollten ebenfalls einmal pro Woche geputzt werden.
- Wenn das Badezimmer ein Fenster hat, sollte täglich gelüftet werden. Bei einem Bad ohne Fenster sollte die Lüftung nach dem Bad-Besuch noch ein wenig länger laufen.
In allen Räumen der Wohnung sollte einmal pro Woche gesaugt und feucht gewischt werden – wenn es nötig ist auch öfter. Besucher ziehen am besten ihre Schuhe hinter der Eingangstür auf, damit kein Straßendreck von Draußen in die Wohnung getragen wird. Alternativ gibt es Überzieher für Straßenschuhe, die im Eingangsbereich bereitliegen sollten. Insbesondere wenn der Pflegebedürftige ein schwaches Immunsystem hat, sollte versucht werden, die Belastung mit Schmutz und Keimen so gering wie möglich zu halten.
Richtig Wäschewaschen: Wie werden Sie alle Keime los?
Eine wichtige Empfehlung: Um Bakterien aus der Wäsche in der Waschmaschine loszuwerden, sollte diese regelmäßig bei 60 Grad laufen. Auch Handtücher, Bettwäsche oder Unterwäsche sollten Sie regelmäßig bei 60 Grad waschen – besonders, wenn sie durch Ausscheidungen stark verschmutzt ist. Feuchte Wäsche sollte so schnell wie möglich getrocknet werden, um zu verhindern, dass sich Keime in dem feucht-warmen Milieu bilden.
Unabhängig von den Aufgaben, die im Rahmen der Pflege eines Angehörigen anfallen, können Sie viele dieser Maßnahmen auch nur für sich durchführen. Schließlich ist eine gute Hygiene auch in Ihrem Interesse.
Hygienemanagement zu Hause: Wie kann es funktionieren?
Viele Organisationen wie Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste haben spezielle Hygienebeauftragte, die sich nur mit dem Thema Hygiene beschäftigen. Diese Hygienefachkräfte bzw. Hygienebeauftragte kennen alle infektionshygienischen, präventiven und notwendigen Maßnahmen, um den Sauberkeitsstandard so hoch wie möglich zu halten und somit zur Gesundheit von Patienten und Personal beizutragen.
Erstellen Sie sich auch einen Hygieneplan, wenn Sie zu Hause gewisse Standards und ein ordentliches Hygienemanagement einhalten wollen. Orientieren können Sie sich dafür zum Beispiel an der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) oder Sie stellen eine Anfrage bei einem Pflegestützpunkt in Ihrer Nähe.
Falls ein ambulanter Pflegedienst regelmäßig zu Ihnen nach Hause kommt, können Sie auch mit den Mitarbeitern die Anforderungen an die Hygiene besprechen und sich an den Vorgaben der Profis orientieren. Die Pflegedienste werden regelmäßig Untersuchungen durch den Medizinischen Dienst (MD) unterzogen und die Mitarbeiter kennen sich bei diesem Thema in der Regel gut aus. Auch während einer Pflegeberatung, auf die Pflegebedürftige Anspruch haben, können entsprechende Fragen zur Hygiene gestellt und Informationen eingeholt werden.