Medikamentengabe über PEG

Medikamentengabe über PEG
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Inhaltsverzeichnis

Aus der Praxis: Eine Pflegekraft verabreichte einer Pflegekundin die Medikamente über die PEG. Hierzu hatte sie alle Medikamente zusammen gemörsert, das Gemisch in ein Glas mit Wasser geschüttet und anschließend mit der Spritze aufgezogen. Als sie eine Kollegin darauf ansprach, antwortete sie: „Wieso? Das landet doch sowieso alles im Magen.
Ihnen ist vermutlich bewusst, dass diese Pflegekraft hiermit Unrecht hat, aber kennen Sie alle Feinheiten der Medikamentengabe über PEG bzw. Nasensonde? Und berücksichtigen Sie diese auch in Ihrem Arbeitsalltag?

Medikamentengabe über PEG: Sind Sie up to date?

  • Die Medikamente vermischen sich doch sowieso im Magen. Also darf man sie auch zusammen mörsern. - FALSCH!
    Das Vermischen mehrerer Präparate miteinander im Mörser entspricht der Herstellung eines neuen Präparates und dies ist nach dem Arzneimittelgesetz verboten. Denn bei einem Gemisch aus verschiedenen Medikamenten können giftige chemische Reaktionen entstehen.
  • Es ist egal, wann die Medikamente gemörsert werden. - FALSCH!
    Durch das Mörsern vergrößern Sie die Oberfläche des Medikamentes. Daher kann es schneller die Wirkung verlieren. Mörsern Sie die Medikamente daher immer kurz vor der Applikation.
  • Pro Medikamentengabe verabreichen Sie Ihrem Pflegekunden mindestens 100 ml Flüssigkeit. - RICHTIG!
    Die Sonde muss vor und nach der Medikamentengabe gespült werden. Damit keine Medikamentenrückstände im Schlauch verbleiben, benötigen Sie ausreichend Flüssigkeit. Dies sind jeweils 50 ml. Zwischen den einzelnen Medikamenten spülen Sie mit 5–10 ml Flüssigkeit nach.
  • Es gilt die Reihenfolge: erst flüssig, dann fest. - RICHTIG!
    Verabreichen Sie zunächst die flüssigen Medikamente. Verdünnen Sie diese mit Wasser, damit Ihr Bewohner sie besser verträgt. Verabreichen Sie anschließend die festen bzw. suspendierten (in Wasser zerfallenen) Medikamente, da diese langsamer durch die Sonde fließen.
  • Wenn Sie die Medikamente direkt in der Spritze auflösen, mindern Sie den Wirkstoffverlust. - RICHTIG!
    Legen Sie dazu eine Tablette in die Spritze und ziehen Sie diese anschließend mit Wasser auf. Schütteln Sie die Spritze vor und während der Applikation gut durch, damit sich der Arzneistoff nicht absetzt und den Spritzenauslauf verstopft. Würden Sie die Tablette hingegen im Medikamententöpfchen auflösen, bleiben beim Auf- ziehen Rückstände.
  • Tabletten sind zur Applikation durch die Sonde geeignet. - RICHTIG!
    Ja, wenn sie nach kurzer Zeit in kaltem Wasser zerfallen. Der Fachbegriff hierfür lautet „Suspendierbarkeit“.
  • Bei Kapseln kommt es auf das jeweilige Medikament an, ob Sie sie öffnen dürfen oder nicht. - RICHTIG!
    Fragen Sie immer bei der Apotheke nach, ob Sie die jeweilige Kapsel öffnen dürfen. Falls dies nicht erlaubt ist, muss der Arzt ein alternatives Medikament verordnen.
  • Weichkapseln können Sie in warmem Wasser auflösen. - RICHTIG!
    Dies kann bis zu 1 Stunde dauern. Alternativ können Sie die Kapseln aufschlitzen oder anstechen und den Kapselinhalt herausdrücken oder -kratzen und in Wasser suspendieren. Allerdings besteht hierbei die Gefahr des Wirkstoffverlustes.
  • Filmtabletten und Dragees dürfen gemörsert werden. - FALSCH!
    Der Überzug wird nur bei einem bestimmten pH-Wert gelöst, sodass das Medikament erst im Darm seine Wirkung entfaltet. Daher dürfen Sie diese nicht mörsern.
  • Es gibt Retardmedikamente, die Sie über die Sonde verabreichen können. - RICHTIG!
    Grundsätzlich dürfen Sie Retardpräparate nicht über die Sonde verabreichen, da das Retardierungsprinzip durch die Zerkleinerung zerstört wird. Mit einer Ausnahme: Kapseln, die Retardpellets enthalten, können Sie öffnen, nicht aber die Pellets weiter zerkleinern.
  • Brausetabletten sind grundsätzlich zur Verabreichung durch die Magensonde geeignet. - RICHTIG!
    Lösen Sie die Brausetablette mit der Flüssigkeitsmenge auf, die im Beipackzettel angegeben ist. Verabreichen Sie das Medikament erst, wenn die Kohlensäure vollständig entwichen ist.

Sprechen Sie diese Punkte mit dem Arzt ab wenn Sie Medikamente über die PEG-Sonde verabreichen

Immer dann, wenn Sie beurteilen müssen, ob ein Arzneimittel über die PEG verabreicht werden kann, stehen der Patient und sein Ernährungssystem im Mittelpunkt. Denn wegen der Vielzahl möglicher Komplikationen muss die Verabreichung von Medikamenten über eine Sonde auf das tatsächlich Notwendige beschränkt werden. Bevor Sie versuchen, Ihrem Pflegekunden die verordneten Medikamente über seine PEG zu verabreichen, sollten Sie folgende Punkte mit dem behandelnden Arzt klären:

  • Ist beim Patienten eine orale Gabe trotz PEG noch möglich?
  • Benötigt Ihr Pflegekunde in seiner aktuellen Situation wirklich alle Arzneimittel?
  • Gibt es die nötigen Arzneimittel auch in flüssiger Form? Arzneimittel in flüssiger Form sind unkomplizierter über den Ernährungskatheter zu geben als feste Formen. Da jede Ernährungssonde für die Zufuhr von Flüssigkeiten konzi- piert ist, ist die flüssige Arzneimittelform immer zu bevorzugen.
  • Ist eine Umstellung der Arzneimittelform möglich? Könnte z. B. die rektale, transdermale, sublinguale oder parenterale Gabe erfolgen?
  • Ist das Zerkleinerndes Medikamentes möglich?
  • Gibt es Wechselwirkungen,oder kann es zu Unverträglichkeiten zwischen der Sondennahrung und dem Medikament kommen?
  • Ist die Sonde für die Medikamentengabe konzipiert? Ganz wichtig für die Beurteilung der Sondengängigkeit ist natürlich das System selbst: Welche Art liegt vor? Eine PEG ist aufgrund ihrer Kürze und Breite immer unkomplizierter für die Arzneimittelgabe als z. B. eine transnasale Sonde, eine JET-PEG oder eine FKJ. Ebenso wichtig ist der Durchmesser der Sonde: Relevant für den Weg des Arzneimittels ist der Innendurchmesser des Katheters und des Ansatzstücks der Sonde. Diesen Punkt sollten Sie mit dem Arzt abklären.
  • Wo endet die Sonde? Zudem sollten Sie beachten, wo die Sonde endet, denn der Dünndarm hat im Unterschied zum Magen keine Speicherfunktion. Es sollte somit eine Flüssigkeitsmenge von maximal 50 ml als Bolus in den Dünndarm gegeben werden. Magensaftresistente Arzneiformen können fein zermörsert werden, da ein Magenschutz im Unterschied zur gastralen Lage nicht mehr erforderlich ist.
  • Wie wird die Sondennahrung zugeführt? Kontinuierlich oder in Ein- zelportionen? Denn wenn das Medikament einen bestimmten Abstand zur Nahrungsaufnahme haben muss, z.B. eine ½ Stunde vor dem Essen, muss die Zufuhr der kontinuierlichen Zuführung mindestens 30 Minuten vor der Medikamentengabe gestoppt werden. Dies kann pflegerisch sehr aufwendig sein, z. B. bei der mehrmals täglichen Gabe von Arzneimitteln bei kontinuierlicher Zufuhr der Sondennahrung.

Hinweis

Wenn Ihr Pflegekunde mit Demenz über eine PEG ernährt wird, sollten Sie alle Anweisungen des Arztes vorliegen haben (z. B. Zerkleinern des Medikamentes, flüssige Form bevorzugen o. Ä.). Bei Unklarheiten sollten Sie oder Ihre PDL auf jeden Fall Rücksprache mit dem Arzt halten oder einen Apotheker hinzuziehen. Dokumentieren Sie Ihr Vorgehen unbedingt in der Patientendokumentation. Grundregeln für die Pflegepraxis. Wenn Sie obige Punkte mit dem Arzt abgeklärt haben und einige Medikamente gemörsert über die PEG appliziert werden sollen, müssen Sie die 4 Grundregeln in der Übersicht auf beachten.

Zum Verabreichen von Medikamenten über die PEG oder zum Spülen der PEG sollten Sie nur abgekochtes Leitungswasser oder stilles Wasser aus der Flasche verwenden. Zwar wird in vielen Einrichtungen und auch in der häuslichen Versorgung immer noch Tee für die Flüssigkeitsgabe bei Pflegekunden mit einer PEG eingesetzt, doch darauf sollten Sie verzichten, da sich in abgekühlten Tees sehr gern Bakterien vermehren.

Auch auf Früchtetees sollten Sie verzichten, denn durch die darin enthaltene Fruchtsäure flocken die in der Sondennahrung enthaltenen Eiweiße, was zum Verstopfen der PEG führen kann. Auf Schwarztee, der ja Gerbstoffe enthält, reagieren manche Arzneistoffe, und es kann zu Komplikationen kommen. Zudem können Gerbstoffe Ablagerungen in der Ernährungssonde verursachen.  

Es gibt keinen belegbaren Vorteil dafür, Tee als Transportmedium zur Verabreichung von Medikamenten zu verwenden. Vielmehr sollte auf Tees in der Praxis generell verzichtet werden. Gleiches gilt wegen der enthaltenen Fruchtsäuren auch für Fruchtsäfte, Cola usw.

Fazit: Verlassen Sie sich besser auf den Apotheker

Die Arzneimittelgabe über die PEG ist eine interdisziplinäre Aufgabe und erfordert spezielles Fachwissen aller Beteiligten, denn es sind medizinische, pflegerische und pharmazeutische Aspekte zu berücksichtigen. Optimal sind eine patientenindividuelle Datenerfassung durch die Pflegenden, eine Beurteilung durch den Apotheker sowie eine Endkontrolle und Verordnung durch den Arzt. Auf diese Weise ist ein fachgerechter Umgang mit Sonden und Arzneimitteln gewährleistet. Viele Ärzte richten sich bei der Verordnung nicht danach, ob die Darreichungsform der Medikamente zur Verabreichung über die Sonde geeignet ist. Sie als Pflegekraft haben die Pflicht, mit jedem Medikament fachlich korrekt umzugehen. Fragen Sie daher immer beim Apotheker nach, ob Sie das Medikament auflösen oder mörsern dürfen.