Förderung der Harnkontinenz

Harninkontinenz ist den Patienten oft überaus unangenehm.
Förderung der Harnkontinenz
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Inhaltsverzeichnis

Harninkontinenz ist für viele Patienten ein unangenehmes Thema, das mit Scham und teils sogar mit psychischen Problemen verbunden ist. Pflegekräfte haben die Aufgabe, ohne Tabus und zugleich respektvoll die Harnkontinenz zu fördern. Dafür gibt es seit 2007 den „Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“ vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Dieser Standard soll die Qualität der Pflege steuern und optimieren.

Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz

Im Jahr 2014 wurde der Expertenstandard zur Förderung der Harnkontinenz in der Pflege zum ersten Mal seit 2007 aktualisiert. Nun stehen Prävention und die Lebensqualität der Betroffenen im Fokus. Nach wie vor hat die Förderung der Kontinenz Vorrang vor der Kompensation einer bestehenden Inkontinenz. Neu ist, dass seit 2014 das Alter nicht mehr als Risikofaktor für Inkontinenz gilt.

Pflegepersonal sollte sich gründlich mit dem Expertenstandard zur Harnkontinenz auseinandersetzen. Denn leider kommt das Thema in der Pflege oft zu kurz, und insbesondere die Förderung der Harnkontinenz hat mehr Aufmerksamkeit verdient.

Anstatt nur die Folgen der Inkontinenz unter Kontrolle zu bringen, ist es empfehlenswert, die genutzten Hilfsmittel optimal einzusetzen. Hier kommt zum Beispiel ein Katheter für den intermittierenden Selbstkatheterismus in Frage, den der Patient selbst nutzen kann. Dafür benötigt er eine ausführliche Einweisung.

Einmalkatheter erlauben es den Betroffenen, ihre Blasenaktivität zu kontrollieren und weiteren Entzündungen vorzubeugen. Dies unterstützt die verbesserte Kontinenz, spart Arbeit für die Pflegekräfte und gibt Patienten sehr viel Lebensqualität zurück.

Definition des Expertenstandards zur Kontinenzförderung

Der ExpertenstandardFörderung der Harnkontinenz in der Pflege, 1. Aktualisierung“ befasst sich mit der Harninkontinenz bei erwachsenen Patienten / Bewohnern, die inkontinent sind oder zu einer Risikogruppe für die Entwicklung einer Inkontinenz gehören. In Anlehnung an die „International Continence Society“ ist Harninkontinenz jeglicher, unwillkürlicher Harnverlust.

Unter Kontinenz versteht die Expertenarbeitsgruppe die Fähigkeit, willkürlich und zur passenden Zeit an einem geeigneten Ort, die Blase zu entleeren. Harnkontinenz beinhaltet weiterhin die Fähigkeit, Bedürfnisse zu kommunizieren, um Hilfestellungen zu erhalten, wenn Einschränkungen beim selbständigen Toilettengang bestehen.

Der ebenfalls sehr wichtige Bereich der Stuhlinkontinenz wurde im vorliegenden Standard nicht berücksichtigt, da die einzuleitenden Maßnahmen sehr unterschiedlich sind. Auch die sehr spezielle Pflege von Betroffenen mit einem Urostoma konnte hier nicht mit einbezogen werden, ohne Gefahr zu laufen, wichtige Aspekte vernachlässigen zu müssen. Es wurde versucht, Wünschen aus der Praxis zur Hautpflege zu entsprechen, jedoch ist die inkontinenzassoziierte Dermatitis so komplex, dass sie hier nicht tiefer gehend berücksichtigt werden konnte.

Präambel zum Expertenstandard „Förderung der Harnkontinenz in der Pflege"

Harninkontinenz ist ein weit verbreitetes Problem, dass in allen Altersstufen mit steigendem Risiko im Alter auftreten kann und statistisch gesehen überwiegend Frauen und ältere Menschen beiderlei Geschlechts betrifft. Demzufolge befassen sich auch die meisten Studien mit diesen beiden Personengruppen, wobei ältere Männer wissenschaftlich schlechter untersucht sind als ältere Frauen.

Konkrete Zahlen zur Prävalenz von Inkontinenz zu nennen, ist trotz eines Zuwachses an Forschungsergebnissen noch immer schwer, da es sich um ein ausgesprochen schambehaftetes, mit Vorurteilen besetztes Thema handelt. Viele von Inkontinenz betroffene Menschen suchen keine professionelle Hilfe, sondern sie verheimlichen ihre Problematik, auch weil sie glauben, Probleme mit der Harnausscheidung gehörten zu einem normalen Alterungsprozess dazu.

Anwender des Expertenstandards 

Der Expertenstandard Kontinenzförderung richtet sich an Pflegefachkräfte in Einrichtungen der ambulanten Pflege, der Altenhilfe und der stationären Gesundheitsversorgung. Gerade beim Thema der Inkontinenz gibt es aber auch zunehmend Beratungsangebote außerhalb dieser Settings, z. B. in Kontinenz-Beratungsstellen oder Sanitätshäusern, die ebenfalls von Pflegefachkräften durchgeführt werden. Auch in diesen Settings kann der Expertenstandard von Pflegefachkräften berücksichtigt werden, eine erfolgreiche Umsetzung hängt aber von der Kontinuität der pflegerischen Betreuung in diesen Bereichen ab.

Der ersten Aktualisierung des Expertenstandards liegt eine ausführliche Recherche der internationalen und nationalen Literatur von 1990 bis 2013 zu Grunde. Die Literatur zeigte kein einheitliches Bild und nicht jede empirische Untersuchung war methodisch akzeptabel. Deutlich wurde, dass Untersuchungen zur Kontinenzförderung aufgrund der multifaktoriellen Ursachen der Inkontinenz kaum ein vergleichbares Bild zeigen. Dies trifft auf die Stichprobenbildung, das Interventionsdesign und die Ergebniskriterien zu.

Bestimmte Themengebiete sind zu wenig erforscht, jedoch aus Sicht der professionellen Pflege von Bedeutung. Im Vergleich zum ersten Expertenstandard aus dem Jahre 2007 fällt allerdings auf, dass international ein deutlicher Zuwachs an Leitlinien und Cochrane-Reviews zu verzeichnen ist, wodurch zwar evidenzbasierte Empfehlungen zugenommen haben, jedoch längst nicht in allen Bereichen und zu allen betroffenen Gruppen. Im Gegensatz zur Literaturlage für den ersten Expertenstandard zeigt die Literatur derzeit trotz der dargestellten Einschränkungen insgesamt aber ein differenzierteres Bild, da bestimmte Gruppen, wie zum Beispiel Menschen mit geistiger Behinderung, Menschen mit neurologischen Erkrankungen und junge Menschen stärker berücksichtigt wurden. Auch wenn die Datenlage hier teilweise recht schwach ist, so ist es doch möglich, einen besseren Einblick in spezifische Bedürfnisse und Probleme zu erhalten.

Wie schon beim ersten Expertenstandard erforderte die Evidenzlage von den Mitgliedern der Expertenarbeitsgruppe auch für die Aktualisierung, bei unzureichender Forschungsevidenz ein Expertenurteil zu fällen und Empfehlungen aufgrund ihrer Fachexpertise zu fällen.

Was ist die Zielsetzung des Expertenstandards?

Der Expertenstandard fokussiert auf Erkennung und Analyse von Kontinenzproblemen, Erhebungsmethoden, die Einschätzung unterschiedlicher Kontinenzprofile und verschiedene Interventionsmöglichkeiten.

Dazu können wir feststellen, dass die von der Expertenarbeitsgruppe 2006 entwickelte Einteilung der Kontinenzstufen zur Bestimmung des Kontinenzprofils von der Praxis weitgehend aufgegriffen wurde. Dabei haben das Erleben und die subjektive Sicht der Betroffenen eine große Bedeutung. Harninkontinenz ist immer noch gesellschaftlich tabuisiert. Harninkontinenz und Kontinenzförderung betreffen intime Bereiche.

Professionelles Handeln zu dieser Problematik erfordert Einfühlungsvermögen und Orientierung am individuellen Fall und es gilt unter allen Umständen, das Schamempfinden des Betroffenen zu schützen.

Hierzu gehört zum einen ein angemessener Sprachgebrauch, der berücksichtigt, dass es sich um Erwachsene handelt und Begriffe aus der Säuglingspflege wie „trockenlegen“, „pampern“ oder „Windel“ vermeidet. Zum anderen bedarf es vor der Einbeziehung der Angehörigen unbedingt der Rücksprache mit dem Patienten / Bewohner, da dieser möglicher Weise nicht wünscht, dass seine Angehörigen informiert werden. Auch wenn die Nicht-Einbeziehung der Angehörigen zu großen Problemen bei einer kontinuierlichen Umsetzung führen kann, muss dieser Wunsch berücksichtigt werden. Harninkontinenz kann für (pflegende) Angehörige aus unterschiedlichen Gründen (z.B. durch das Empfinden von Scham und Ekel) belastend sein und zu einer Veränderung der Beziehung zwischen Angehörigen und Betroffenem führen.

Expertenstandard Förderung der Harninkontinenz in der Pflege (Auszug)

Deutsches Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege (DNQP)

Standardaussage: 

Bei jedem Patienten / Bewohner wird die Harninkontinenz erhalten oder gefördert. Identifizierte Harninkontinenz wird beseitigt, weitestgehend reduziert bzw. kompensiert."

Begründung: 

„Harninkontinenz ist ein weit verbreitetes pflegerelevantes Problem. Für die betroffenen Menschen ist sie häufig mit sozialem Rückzug, sinkender Lebensqualität und steigendem Pflegebedarf verbunden. Durch frühzeitige Identifikation von gefährdeten und betroffenen Patienten / Bewohnern und der gemeinsamen Vereinbarung von spezifischen Maßnahmen kann dieses Problem erheblich positiv beeinflusst werden. Darüber hinaus können durch Inkontinenz hervorgerufene Beeinträchtigungen reduziert werden."

Pflegerische Prävention der Harninkontinenz

Der Expertenstandard zur pflegerischen Prävention der Harninkontinenz basiert auf umfangreihen Literaturanalysen, sodass Anwender sich darauf verlassen dürfen, dass Expertenwissen von Pflegenden in Anspruch zu nehmen.

Wichtigste Schritte der Prävention:

  • Systematische Erfassung von Risikofaktoren
  • Kontinenzprofil
  • Beratung zu Versorgungsmöglichkeiten
  • Besprechung der Versorgungsmaßnahmen
  • Durchführung der Pflege und Unterstützung der Selbstversorgung
  • Erfolgskontrolle und Feedback

Idealerweise führen die Pflegekräfte Protokoll über diesen Vorgang sowie über alle beobachteten Erfolge und Hindernisse. Anhand von Struktur-, Prozess- und Ergebnisberichten ist es möglich, die Pflegequalität einzuschätzen.

Was sind die Voraussetzungen für die Implementierung des Expertenstandards?

Die Einführung und Umsetzung des Expertenstandards erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen. Besonders bei der Einschätzung der Harninkontinenz müssen professionell Pflegende, Ärzte und gegebenenfalls weitere therapeutische Berufsgruppen eng zusammen arbeiten. Bei bestimmten Problemlagen gilt diese auch für die Auswahl erforderlicher Interventionen. Die vorliegende erste Aktualisierung des Expertenstandards orientiert sich an der Logik professionellen Handelns, sie kann jedoch nicht vorschreiben, wie dieses Handeln in jedem Fall und unter spezifischen institutionellen Bedingungen umgesetzt wird. Hier kommt dem jeweiligen Management die Aufgabe zu, für eindeutige und effektive Verfahrensregelungen Sorge zu tragen.

Zusätzlich ist es erforderlich, dass einerseits professionell Pflegende die Pflicht haben, sich Wissen zu dem multidimensionalen Themenbereich Harninkontinenz und Kontinenzförderung anzueignen und dass andererseits das Management hierfür geeignete Bedingungen schafft.

Wie wird die Kontinenzförderung in der Pflege umgesetzt?

Die Förderung der Kontinenz ist das ausdrückliche Ziel des Expertenstandards zur Harninkontinenz. Dieses ist so formuliert:

„Bei jedem Bewohner/Patienten wird die Harnkontinenz erhalten oder gefördert; identifizierte Harninkontinenz wird beseitigt, weitestgehend reduziert bzw. kompensiert.“

Zur Umsetzung der Förderungsmaßnahmen gilt zunächst, dass Pflegekräfte das Ausmaß und die Schwierigkeit des Themas verstehen sollten. Es ist essenziell, sensibel und respektvoll damit umzugehen.

Aufgaben der Pflegeeinrichtung:

  • Erforderliche Instrumente zur Einschätzung der Harnkontinenz bereitstellen
  • Regelungen zu Zuständigkeiten und Vorgehensweisen beim Thema Förderung der Harnkontinenz aufstellen
  • Beratungsmaterialien zur Verfügung stellen
  • Ausreichend Personal zur Förderung der Harnkontinenz abstellen
  • Hilfsmittel zur Verfügung stellen

Der größte Arbeitsanteil liegt jedoch bei der Pflegefachkraft. Diese sollte die Risikofaktoren und die Anzeichen von Harninkontinenz identifizieren können. Mit steigender Erfahrung wird es einfacher, verschiedene Probleme im Bereich der Harnkontinenz schnell und differenziert einzuschätzen.

Eine regelmäßige Weiterbildung ist wichtig, um auch aktuelles Wissen zum Thema Harnkontinenz einsetzen zu können. Außerdem sollten Pflegekräfte den Pflegeprozess kompetent steuern, also zum Beispiel Maßnahmen planen, umsetzen und beurteilen. Die Wirksamkeit ist dabei ein ausschlaggebendes Kriterium für den Erfolg.

Tipp

Aufgrund der Wichtigkeit des Themas Harnkontinenz sollten Einrichtung Fortbildungen dazu anbieten und die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter unterstützen.

Allgemeine Maßnahmen zur Förderung der Harnkontinenz

Bei der Therapie von Harninkontinenz lässt sich zwischen allgemeinen und speziellen Maßnahmen unterscheiden. Je nach Art der Erkrankung und Situation des Patienten gilt es, individuelle Entscheidungen zu treffen.

Eine erste Maßnahme besteht darin, dass die Pflegekraft die Flüssigkeitszufuhr des Patienten reguliert. So ist es möglich, die Toilettengänge zeitlich vorherzusehen, was sowohl für den Patienten als auch für die Pflegekraft deutlich einfacher ist. Dazu gehört auch das Darmmanagement.

Eine Gewichtsreduktion kann dabei helfen, die Harnkontinenz sowie die allgemeine Gesundheit des Betroffenen zu verbessern. Zudem führt diese Maßnahme häufig zu verbesserter Mobilität, was wiederum autonome Toilettengänge möglich macht.

Gerade bei älteren Patienten müssen Pflegekräfte auch die Umgebung anpassen. Dazu gehört eine angemessene, leicht zu bedienende Kleidung, die sich mit Hilfsmitteln zur Inkontinenzversorgung wie Einlagen kombinieren lässt.

Eine adaptierte Toilette mit höherem Sitz und Haltegriffen oder ein Toilettenstuhl sind für viele Betroffene ebenfalls eine Erleichterung. Denn obwohl sie häufig nicht darüber sprechen, ist der Gang zur Toilette auch logistisch eine große Herausforderung.

Weitere Hilfsmittel wie Gehhilfen oder ein Kleiderhalter sorgen dafür, dass die betroffene Person sich leichter bewegen kann, was zu mehr Selbstständigkeit führt und somit wiederum die Pflegekraft ein wenig entlastet.

Spezielle Maßnahmen zur Förderung der Harnkontinenz

Weitere Maßnahmen sind spezieller. Sie sollen eine noch nicht bestehende Urininkontinenz verhindern oder die Auswirkungen einer bestehenden Inkontinenz reduzieren. Die vorbeugenden Maßnahmen wurden noch nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht, aber dennoch ist es wichtig, bei Risikofaktoren so früh wie möglich anzusetzen.

Beispielsweise können schwangere Frauen dazu angehalten werden, schon während der Schwangerschaft schonende Beckenbodengymnastik auszuüben. So wird die Blase gestärkt und das Risiko einer postnatalen Inkontinenz ist geringer.

Darüber hinaus sollten Pflegekräfte bedenken, dass Maßnahmen zur Kontinenzförderung in keinem Fall schädlich sind. Sie sind mit recht wenig Aufwand umzusetzen und haben im Idealfall eine hohe Wirkung.

Neben den beschriebenen allgemeinen Maßnahmen gibt es spezielle Maßnahmen, die aus dem Bereich der Verhaltenstherapie kommen. Sie werden unter Anleitung des Pflegepersonals durchgeführt und sind wissenschaftlich überprüft.

Wichtig ist dabei stets, vor den Übungen die Betroffenen zu informieren, zu beraten und im richtigen Umgang mit der eigenen Erkrankung zu schulen. Pflegekräfte sollten außerdem nicht zu viel versprechen und ein Bewusstsein für das Thema schaffen. Die folgenden speziellen Maßnahmen kommen je nach Patient in Frage:

Beckenbodentraining

Die Beckenbodenmuskulatur wird im Alter sowie nach einer Schwangerschaft schwächer. Sie ist eng mit der Blase verbunden und hilft dabei, den Harndrang zurückzuhalten. Durch gezielte Anspannung und Entspannung ist es möglich, die Muskulatur zu stärken.

Das ist sowohl ganz ohne Hilfsmittel als auch mithilfe von Bällen, Kissen und anderen Mitteln möglich. In vielen Pflegeheimen wird das Beckenbodentraining in kleinen Gruppen durchgeführt. Es kommt vor allem bei Frauen zum Einsatz, obwohl es spezielle Übungen für Männer gibt.

Die verschiedenen Methoden zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur sind noch nicht alle ausreichend wissenschaftlich untersucht. Daher ist es nicht möglich, eine bestimmte Methode vorzuziehen, aber eine Kombination aus beliebten Übungen ist oft die beste Variante.

Dabei gilt es stets, sich auch auf die Atmung zu konzentrieren, denn Zwerchfell und Beckenboden sind eng miteinander verbunden. Ein nach individuellen Ansprüchen und Fähigkeiten maßgeschneidertes Beckenbodentraining führt daher nicht nur zu einer gestärkten Muskulatur, sondern auch einer besseren Atmung.

Blasentraining

Das Blasentraining ist eine Kombination aus körperlichem und mentalem Training. Hier geht es darum, falsche Ausscheidungsgewohnheiten zu korrigieren. Meistens wurden diese über Jahre eingeübt, weshalb viel Geduld beim Training gefragt ist.

Es geht darum, die Zeit zwischen den Toilettenbesuchen zu erhöhen. Drei bis vier Stunden zwischen zwei Besuchen sind das Ziel. Patienten mit Inkontinenz gehen meist häufiger und teils nur vorsichtshalber zur Toilette, was die Lebensqualität jedoch einschränkt.

Wichtig ist, dass das Blasentraining nur für manche Arten der Harninkontinenz geeignet ist. Bei der Dranginkontinenz zum Beispiel kann es zu Erfolgen führen, während andere Arten der Inkontinenz sich nicht abtrainieren lassen. Hier sollten eher Medikamente und weitere Hilfsmittel zum Einsatz kommen.

Toilettentraining

Ähnlich wie beim Blasentraining geht es beim Toilettentraining darum, einen Rhythmus zu etablieren. Bei dieser Methode besuchen die Betroffenen unabhängig vom vorliegenden Harndrang die Toilette zum Wasserlassen, und das zu festgelegten Zeiten. Dieses Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper kann die Kontinenz fördern.

Je nach Patient legt der Pfleger die Zeiten für den Toilettengang fest oder der Patient sucht sich diese selbst aus. Bei Bedarf fragt die Pflegefachkraft regelmäßig nach, ob ein Urinverlust vorliegt und ob Hilfe beim Toilettengang gewünscht wird. Dieser sogenannte „angebotene Toilettengang“ ist zu bevorzugen.

Idealerweise hat das Toilettentraining den Vorteil, dass durch die Routine ein Toilettengang zu den anvisierten Zeiten möglich ist. Wie beim Blasentraining wird hier darauf gesetzt, dass der Betroffene ein Gefühl der Kontrolle zurückerlangt.

Was sind die Ursachen einer Blasenschwäche?

Eine Blasenschwäche kann verschiedene Ursachen haben. Sie besteht darin, dass Patienten ihre Blase nicht mehr willkürlich und zur angemessenen Zeit entleeren können, was bei der Kontinenz der Fall wäre. Die sogenannte Inkonsistenz macht es nötig, Hilfestellungen zu erhalten, um trotz der Einschränkung die Lebensqualität zu erhalten.

In der Altenpflege sind Blasenschwächen besonders häufig. Für Pflegende bedeutet dies, dass sie schnell an ihre Grenzen stoßen, denn die Patienten sind oft nicht oder nicht mehr in der Lage, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Daher kommen Mimik, Gestik und eine genaue Beobachtung des Verhaltens zum Einsatz.

Andererseits kommt es auch vor, dass Patienten ihre Inkontinenz nutzen, um angesichts der Personalnot in vielen Pflegeheimen Aufmerksamkeit zu erhalten. Für Angehörige ist Inkontinenz ein zentraler Grund dafür, die Patienten in Pflege zu geben.

Ursachen für eine Blasenschwäche:

  • Frühere Schwangerschaften
  • Senkung der weiblichen Beckenorgane
  • Häufige Blasenentzündung (Zystitis)
  • Vergrößerung der Prostata
  • Schwaches Bindegewebe
  • Übergewicht
  • Chronische Atemwegserkrankungen (hohes Risiko beim Husten)
  • Häufige schwere körperliche Arbeit
  • Hohes Alter
  • Nebenwirkungen einer medikamentösen Therapie
  • Grunderkrankungen wie Demenz, Diabetes mellitus, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose

Was sind Folgen der Harninkontinenz?

Normalerweise können erwachsene Menschen ihre Harnausscheidung kontrollieren und im Notfall den Harndrang mehrere Stunden lang zurückhalten. Aus evolutionsbiologischer Sicht ging es bei dieser Fähigkeit darum, keine Spuren für mögliche Feinde zu hinterlassen.

In der Kindheit erfolgt die sogenannte Sauberkeitserziehung, bei der Kinder lernen, ihren Harndrang zu kommunizieren und diesem erst auf der Toilette nachzugehen. Allerdings kann diese Fähigkeit verloren gehen, was Menschen in ihrer sozialen Interaktion beeinträchtigen kann.

Das Selbstwertgefühl leidet und viele Patienten leben in ständiger Furcht. Soziale Isolation und Einsamkeit sind weitere Folgen, unter denen viele Patienten von Inkontinenz leiden. Ihre Lebensqualität wird drastisch gemindert.

Zu den Folgen von Inkontinenz gehören neben ungeplanten Blasenentleerungen auch die Entwicklung von Geruch, der sowohl subjektiv als auch in der Fremdwahrnehmung als unangenehm eingestuft wird. Dies führt häufig zu einem Schamgefühl und kann auch psychische Krankheiten nach sich ziehen. Außerdem entstehen erhöhte Kosten für das ständige Waschen von Kleidung, was auch Zeit beansprucht.

Darüber hinaus sind Ekzeme und andere Arten des Hautausschlags eine mögliche Folge. Da Betroffene sich manchmal nicht trauen, einen Arzt aufzusuchen, kann es sein, dass diese Erkrankungen länger unbemerkt bleiben.

Bestimmung der Inkontinenz durch Pflegepersonal

Pflegepersonal sollte gründlich und respektvoll vorgehen, um bei Verdacht zu ermitteln, ob tatsächlich Inkontinenz und wenn ja welche Form der Inkontinenz vorliegt.

Schritte zur Bestimmung von Inkontinenz:

  • Initialfragen stellen
  • Den Patienten beobachten
  • Urin-Status untersuchen
  • Restharn bestimmen
  • Miktionsprotokoll anlegen
  • Medikamente screenen

Nach dieser ersten Diagnose ist es in Rücksprache mit einem Arzt möglich, die Form der vorliegenden Inkontinenz zu bestimmen und passenden medikamentöse oder therapeutische Maßnahmen anzuregen.

Hinweis:

Im Beratungsgespräch sollte das Pflegepersonal bei der Befragung gut auf Mimik und Gestik des Patienten achten, der eventuell aus Scham seine Inkontinenz verbergen möchten.

Das Miktionsprotokoll enthält alle wichtigen Angaben rund um Flüssigkeitszufuhr und Toilettengänge. Patienten sollte dabei vermerken, wann sie Flüssigkeit aufnehmen, wann sie zur Toilette gehen (natürlicher Antrieb / nach Erinnerung), ob die Vorlage trocken oder nass ist und ob Urin gelassen wurde oder nicht. Im Zweifelsfall kann auch die Pflegekraft das Protokoll führen.

Formen der Harninkontinenz

Es gibt verschiedene Formen der Harninkontinenz, wobei Pflegekräfte besonders häufig mit den ersten dreien konfrontiert werden.

Formen der Harninkontinenz:

  • Belastungsinkontinenz: ungewollter Urinverlust bei körperlichen Belastungen oder Stress in Kombination mit einer Beckenbodenschwäche
  • Dranginkontinenz: ungewollter Urinverlust als Folge von Harnwegsinfekten, Tumoren, neurologischen oder Demenzkrankheiten
  • Überlaufinkontinenz: ungewollter Urinverlust durch Obstruktion der Harnröhre, meist als Folge von Prostata-Problemen bei Männern
  • Reflexinkontinenz: ungewollter Harnverlust aufgrund einer Querschnittslähmung oder einer neurologischen Erkrankung
  • Extra-urethrale Inkontinenz: ungewollter Harnverlust aufgrund anatomischer Fehlbildungen (sehr selten)

Die Kombination aus Miktionsprotokoll, Patientenbefragung und Harnuntersuchung gibt die entsprechenden Hinweise darauf, um welche Form der Harninkontinenz es sich handelt.

Die gute Nachricht lautet, dass die meisten Varianten dieser Erkrankung heilbar sind. Die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur sowie Medikamente und Hormone helfen dabei, den Harndrang wieder kontrollieren zu können. Jedoch funktioniert dies nur bei körperlich und kognitiv gesunden Personen.

Inkontinzenzhilfsmittel

Wenn die Inkontinenz bereits vorliegt, ist es neben der Verhaltenstherapie oft nötig, zumindest kurzfristig mit Hilfsmitteln zu arbeiten. Diese erleichtern den Alltag und erhöhen die Lebensqualität sowie das Selbstbewusstsein der Patienten sofort.

Arten von Inkontinenzhilfsmiteln:

  • Therapeutische Hilfsmittel
  • Aufsaugende Hilfsmittel
  • Aufsammelnde Hilfsmittel

Die Vorteile an den aufsaugenden und aufsammelnden Hilfsmitteln bestehen darin, dass sie sicher sind, dem Durchsickern von Urin vorbeugen, und sich bequem tragen lassen. Außerdem sind sie leicht zu handhaben, können unter der Kleidung verborgen werden und beugen Geräuschen und Gerüchen vor.

Insbesondere Inkontinenzwindeln und -einlagen sind einfach im Handel erhältlich. Sie lassen sich ohne Probleme entsorgen und stellen daher für viele Betroffene im Alltag eine gute Alternative oder Ergänzung zur Pflege dar.

Intermittierender Katheterismus zur Förderung der Kontinenz

Ein weiteres Hilfsmittel ist der sogenannten Intermittierende Katheterismus. Dabei handelt es sich um einen sterilen Einmalkatheter, den der Patient normalerweise selbst entleeren kann. Dies geschieht in regelmäßigen Intervallen, normalerweise zwischen 4-6 mal täglich. Alternativ ist der intermittierende Fremdkatheterismus möglich, den eine andere Person durchführt.

Das Ziel dabei ist die Kontinenz, die vollständige und druckfreie Entleerung der Blase und der Schutz des oberen Harntraktes. Anders als bei transurethralen und anderen Kathetern ist das Risiko für Komplikationen wie Entzündungen hier gering. Außerdem erhält der Patient viel Unabhängigkeit, was für viele der wichtigste Vorteil ist.

Ein klassischer Blasenkatheter, wie er vielen aus dem Krankenhaus bekannt ist, ist in der Pflege übrigens nicht sinnvoll. Denn dieser hat viele Nebenwirkungen und kann die Blase langfristig außer Kraft setzen. Bei einem intermittierenden Katheterismus wird die Blasenfunktion hingegen gestärkt.

Wie funktioniert die Beratung bei Harninkontinenz?

Bei der Harninkontinenz ist es essenziell, sowohl die betroffene Person als auch deren Angehörige zu informieren. So ist es möglich, die Erkrankung zu kompensieren und idealerweise zu heilen. In anderen Fällen steht die Vorbeugung einer Inkontinenz im Vordergrund.

Indem betroffene Personen frühzeitig unterstützt werden, kann den Folgen einer Blasenschwäche effizient vorgebeugt werden. Auch psychologisch ist das ein wichtiger Faktor, denn wenn die Patienten wissen, dass sie nicht allein sind und sich mit einer Vertrauensperson austauschen, nimmt das viel Stress weg.

Ein offenes Verhältnis mit der beratenden Person macht es möglich, gemeinsam die passenden Maßnahmen zu identifizieren und der Harninkontinenz selbst sowie den folgenden Beeinträchtigungen effektiv entgegen zu wirken. Dabei kommen verschiedenen medizinische Produkte und Übungen zum Einsatz.

Insbesondere für Pflegekräfte, die mit Personen mit erhöhtem Risiko für Harninkontinenz zusammenarbeiten, ist es daher essenziell, sich mit dem Expertenstandard zur Förderung der Harnkontinenz auseinanderzusetzen und idealerweise passende Fortbildungen zu absolvieren.

Fragebogen: Audit Expertenstandards Förderung der Harnkontinenz in der Pflege

Der folgende Fragebogen dient zur Analyse der derzeitigen Pflegequalität und begleitet die Umsetzung des Expertenstandards zur Förderung der Harnkontinenz.

Lösungsorientiert an der Harnkontinenz arbeiten

Eine Blasenschwäche bedeutet für Betroffene eine starke Einschränkung ihrer Lebensqualität. Es ist daher die Aufgabe von Pflegekräften, respektvoll und zielstrebig an der Lösung des Problems zu achten. Mit dem 2014 überarbeiteten Expertenstandard zur Harnkontinenz liegt der Fokus nun darauf, die Kontinenz wiederherzustellen.

Zwar gibt es Möglichkeiten wie Einlagen oder den intermittierenden Katheterismus, die dabei helfen, die Harninkontinenz zu bewältigen, doch sollte der Fokus stets auf einer Heilung liegen. Dabei können verhaltenstherapeutische Maßnahmen wie Blasen- und Toilettentraining sowie die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur helfen.

Außerdem ist es wichtig, dass das Pflegepersonal je nach vorliegender Art der Harninkontinenz die passenden Maßnahmen durchführt und dabei stets aufklärt. Beratungsangebote sind sowohl für Betroffene als auch für ihre Angehörigen essenziell.

Idealerweise wird die Blasenschwäche von jedem Patienten in der Pflege gelöst oder zumindest gelindert. Dafür ist es nötig, dass Pflegekräfte sich mit dem Expertenstandard auskennen und in Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt die geeigneten Handlungen ergreifen. Wie immer in der Pflege gilt hier, dass Vertrauen eine zentrale Rolle spielt.