Schmerzskala: Die Schmerzen der Pflegekunden direkt im Blick

Schmerzskala: Die Schmerzen der Pflegekunden direkt im Blick
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Inhaltsverzeichnis

Es gibt wohl kaum eine schlimmere Vorstellung, als unter starken Schmerzen zu leiden, und niemand beurteilt sie richtig. In der Palliativ- und Altenpflege sind Schmerzskalen daher zwischenzeitlich unverzichtbar geworden. Die verwendeten Instrumente können heute verschiedenste Formen annehmen. Lesen Sie hier, welche Schmerzskalen sich für Ihre Pflegepatienten besonders eignen. Erfahren Sie zudem, welche Zwecke und Vorteile eine solche Messung in der Pflege mitbringt. 

Was versteht man unter einer Schmerzskala?

Die Schmerzskala ist ein Instrument zur Erfassung von akuten Schmerzen. Genauer gesagt hilft eine Schmerzskala dabei, die Intensität aktuell empfundener Schmerzen sichtbar zu machen.

Meist wird die Schmerzskala dabei dem Pflegepatienten zur Selbsteinschätzung vorgelegt. Dieser bekommt dann die Möglichkeit, sein subjektives Schmerzempfinden mitzuteilen – sei es durch einen Strich auf einer Skala, ein Rating anhand von Zahlen oder die Auswahl von Worten. Wenn ein Pflegekunde einmal nicht mehr zum Umgang mit komplexen Skalen, Sprache oder Zahlen in der Lage ist, gibt es alternative Methoden, mit deren Unterstützung er seine Schmerzen dennoch kommunizieren kann. So dient häufiger eine Auswahl an Smileys als Orientierung. Pflegebedürftige Personen müssen dann nur den für ihre individuell wahrgenommene Schmerzintensität passenden Gesichtsausdruck wählen. 

Nur in Extremfällen wird auf eine Fremdeinschätzung der Schmerzen zurückgegriffen. Hierbei übernimmt eine dritte Person die Beurteilung für die pflegebedürftige Person. Dafür nutzt sie gesonderte Instrumente. 

Achtung: Eine umfassende Beobachtung und ein persönlicher Bezug zum Pflegekunden sind Voraussetzung dafür, dass eine solche Fremdeinschätzung das tatsächliche Empfinden realitätsgetreu abbildet. 

In der Praxis wird die Schmerzskala gerne in Kombination mit einem Schmerzfragebogen oder einem Schmerztagebuch eingesetzt. So ist die Selbsteinschätzungsskala ein „Instrument zur quantitativen und qualitativen Messung von Schmerz“ (Pschyrembel). Denn es kann nicht nur die Schmerzstärke, sondern auch das spezifische Schmerzempfinden – sei es ein stechender, brennender oder dumpfer Schmerz – erfasst werden. So gewähren Sie Ihren Pflegekunden eine ganzheitliche Schmerzmessung.

Welche Schmerzskalen gibt es?

In der Praxis haben sich verschiedene Varianten der Schmerzskala etabliert: Die VAS Schmerzskala und die BESD Schmerzskala sind in der Pflege beliebt. Am Ende entscheidet aber der Patient darüber, welche Selbsteinschätzungsskala für ihn funktioniert. 

Die nachfolgende Übersicht zeigt Ihnen, welche Schmerzskala sich für welchen Pflegekunden eignet:

SkalaBeschreibung Besonders geeignet für …
Verbale Rating-Skala (VRS)Selbsteinschätzungsskala: Es werden dem Betroffenen fünf Schmerzstufen vorgegeben. Er soll diejenige Stufe aussuchen, die seinen Schmerz am besten widerspiegeltFolgende Schmerzstufen werden verwendet:0 = kein Schmerz1 = leichter Schmerz2 = mittelstarker Schmerz3 = starker Schmerz4 = sehr starker Schmerz5 = maximal vorstellbarer SchmerzPatienten, die orientiert sind, sich aber nicht lange konzentrieren können Sehbehinderte PersonenPersonen, die unter motorischen Einschränkungen leiden
Visuelle Analog-Skala (VAS)Selbsteinschätzungsskala: Auf einer 10 cm langen Linie angelegt. Der Anfangspunkt wird mit „kein Schmerz“ betitelt, der Endpunkt mit „stärkster vorstellbarer Schmerz“Nun kann der Betroffene auf der Linie angeben, wo seine Schmerzintensität gerade liegtMithilfe eines Lineals kann die Schmerzstärke dann genau ermittelt werdenDie Anzahl der cm entspricht der jeweiligen SchmerzstärkeBetroffene, die nicht mehr gut mit Zahlen umgehen können und für die eine numerische Skala weniger gut geeignet ist Ältere und kognitiv beeinträchtigte Menschen  
Numerische Analog-Skala (NAS) oder Numerische Rating-Skala (NRS)Selbsteinschätzungsskala:Auf einer 11 cm langen Linie werden die einzelnen Schmerzstufen in einem Abstand von 1 cm mit einem Zahlenwert von 0–10 unterteilt0 entspricht hier „kein Schmerz“, 10 ist „stärkster vorstellbarer Schmerz“. Die jeweilige Zahl entspricht der analogen SchmerzstärkePatienten, die orientiert sindPatienten, die eine Verbindung von den Zahlen zur Schmerzstärke herstellen können
Smiley-Analog-Skala (SAS)Selbsteinschätzungsskala: Es gibt 5–6 Smiley-Gesichter, die den aktuellen Schmerzzustand wiedergeben sollenDer Betroffene wählt das Gesicht aus, das seinem eigenen Schmerzempfinden am nächsten kommtGut in der Altenpflege einsetzbar, vor allem bei demenziell erkrankten PersonenAuch bei Kindern beliebt
Beurteilung von Schmerz bei Demenz(BESD)Fremdeinschätzungsinstrument:Es wird das Verhalten des Betroffenen von einer außenstehenden Person beobachtet und in einem vorgegebenen Fragebogen dokumentiertAtmung, Gesichtsausdruck, Körpersprache und Trost werden einem Punktwert von 0–2 zugeordnetAm Ende zählt man die erreichten Punkte zu einem Score für die Schmerzintensität zusammen (maximal 10 Punkte)Gut einsetzbar bei demenziell erkrankten Personen, die sich verbal nicht mehr über ihr eigenes Schmerzempfinden äußern können 

Diese Tabelle kann eine Entscheidungshilfe sein, nehmen Sie im Zweifel dennoch verschiedene Skalen zur Hand und lassen den jeweiligen Patienten entscheiden, womit er besser zurechtkommt. 

Wo kommt die Schmerzskala in der Pflege zum Einsatz?

Die Schmerzskala ist nicht nur bei Schmerzpatienten nützlich, sie kann auch dabei helfen, bisher unbekannte Beschwerden aufzudecken und zeitig eine Behandlung einzuleiten. 

Denn wichtig ist Folgendes: Schmerzen sind ein äußerst subjektives Empfinden. Es gibt keine verlässliche Möglichkeit, sie objektiv zu erfassen. Daher muss auf Instrumente wie Schmerzskalen, Schmerzfragebögen oder Schmerztagebücher zurückgegriffen werden, um einen „Blick hinter die Kulissen“ zu bekommen.

In der Pflege erfüllt die Schmerzskala folgende Zwecke:

  • Überwachung von Schmerzpatienten: Dieser Einsatzzweck der Schmerzskala liegt auf der Hand. Hierbei geht es darum, den Verlauf schmerzhafter Symptomatiken zu kontrollieren, um therapeutische Maßnahmen bedarfsgerecht zu gestalten bzw. eine Anpassung vorzunehmen. Gegebenenfalls muss der behandelnde Arzt beispielsweise eine Opioid-Behandlung einleiten. Sie helfen mit der Schmerzmessung dabei, einen solchen Bedarf frühzeitig festzustellen.
  • Erfolgskontrolle der Schmerztherapie: Mit dem Beginn einer Schmerztherapie haben Instrumente zur Schmerzmessung noch nicht ausgedient – ganz im Gegenteil. Mithilfe von Schmerzskalen lässt sich einfach und eindeutig evaluieren, inwiefern die eingeleitete Therapie wirksam ist oder nicht. Denn der Schmerzverlauf gibt darüber Auskunft.
  • Screening auf unbekannte Schmerzen: Doch auch Personen ohne bekanntes Schmerzsyndrom profitieren von einer regelmäßigen Testuntersuchung. Einerseits treten Schmerzen mit fortschreitendem Alter immer häufiger auf. Andererseits äußern sie sich möglicherweise nicht direkt, sondern eher in Form von sozialem Rückzugverhalten, Niedergeschlagenheit oder Müdigkeit. Gerade demenzielle Patienten haben teilweise massive Schwierigkeiten, ihre Schmerzen mitzuteilen. Indem Sie routinemäßig und in regelmäßigen Abständen Schmerzskalen mit Ihren Betreuten ausfüllen, vermeiden Sie also, dass Sie schmerzhafte Beschwerden übersehen.
  • Vermittlung von Wertschätzung und Interesse am persönlichen Befinden: Die regelmäßige Erkundigung nach Schmerzen vermittelt Ihren Pflegepatienten außerdem Aufmerksamkeit und Wertschätzung für ihr individuelles Erleben. Somit ist die Schmerzmessung auch ein Mittel zur Seelsorge in der Pflege. 

Praxistipp: Wichtig ist es, dass Sie bei einem bestimmten Patienten immer ein und dieselbe Schmerzskala einsetzen und nicht wechseln. So lässt sich einerseits Überforderung auf Seiten der pflegebedürftigen Person vermeiden und andererseits die Vergleichbarkeit verschiedener Messungen bei demselben Pflegepatienten gewährleisten (z. B. für die Evaluation einer Therapiemaßnahme). 

Welche Vorteile bietet eine Schmerzskala in der Altenpflege?

Verglichen mit einem unstrukturierten Vorgehen bieten Schmerzskalen zahlreiche Vorteile – sei es für Pflegepersonal oder Betreute.

Denn wenn Sie Ihre Pflegepatienten formlos und verbal nach ihren Schmerzen fragen, so können Sie sich häufig auf eher wenig informative Antworten einstellen. Viele pflegebedürftige Menschen wollen oder können ihre Schmerzen nicht verbalisieren. Das macht den Vorteil eines strukturierten Instruments wie der Schmerzskala in der Pflege so groß. Denn sie bietet Ihren Pflegekunden eine einfache und intuitive Möglichkeit, um ihr Befinden mitzuteilen. Da Sie die Schmerzskalen in der Regel selbst basteln oder aus dem Internet ausdrucken können, ist das Instrument auch für Sie praktisch – und nicht zuletzt kosteneffektiv. 

Eine weitere Stärke der Schmerzskala in der Pflege ist, dass sie eine Schmerzerfassung mittels Selbsteinschätzung ermöglicht – und das auch dann, wenn die verbale Ausdrucksfähigkeit aufgrund von Krankheit nahezu verschwunden ist: So können Demenzpatienten mithilfe der Smiley-Analog-Skala noch lange eine aussagekräftige Auskunft über ihren aktuellen Schmerz geben.

Was gilt es beim Einsatz einer Schmerzskala zu beachten?

Grundsätzlich sollten Sie es Ihrem Pflegekunden ermöglichen, seine Schmerzen mithilfe einer für ihn geeigneten Schmerzskala selbst zu bestimmen. Die Schmerzmessung mittels Fremdeinschätzung sollte also nur Ultima Ratio sein.

Denn Schmerz ist stets ein individuelles Empfinden und Erleben. Auch wenn Sie einen Betreuten seit geraumer Zeit behandeln, so kann nur der Betroffene selbst um die Stärke seiner Schmerzen wissen. Die Schmerzeinschätzung mithilfe eines Fremdeinschätzungsbogens ist hingegen immer abhängig von der einschätzenden Person. Es kann daher vorkommen, dass vorhandene Schmerzen nicht oder nicht in ausreichender Form festgestellt werden.

Praxistipp: Greifen Sie bei Pflegekunden mit kognitiver oder verbaler Einschränkung auf einfache Varianten, wie zum Beispiel die Smiley-Analog-Skala, zurück. Dort besteht die Ratingskala aus einfach verständlichen Smiley-Gesichtern. Eine Auswahl kann durch Deuten mit dem Finger erfolgen. Auch mit der Visuellen Analog-Skala (VAS) lassen sich noch lange Erfolge bei der Erfassung vorliegender Schmerzen erzielen. Dabei hat es sich bewährt, die Skala vertikal statt horizontal vorzulegen. So ähnelt die Analog-Skala einem Fieberthermometer und ist leichter zu bedienen.

Wenn eine fortgeschrittene Beeinträchtigung der Orientierung, des Denkens und der Kommunikation eine Schmerzmessung mittels Fremdeinschätzung unumgänglich machen (z. B. bei Demenz-Erkrankung), bedenken Sie, dass das Schmerzinstrument nur eines von mehreren Mitteln sein kann, um eine umfassende Schmerzerfassung zu gewährleisten. In diesem Fall können physiologische Parameter oder andere Aspekte miteinbezogen werden.

Fazit: Schmerzskala für mehr Lebensqualität

Die Schmerzskala ist ein Instrument zur Schmerzmessung. Nicht nur die akute Schmerzstärke, sondern auch der Schmerzverlauf lassen sich anhand solcher Instrumente erfassen. Dabei gibt es eine breite Auswahl an verschiedenen Skalen. 

Während die Verbale Rating-Skala für Patienten mit visueller Beeinträchtigung geeignet ist, macht die Smiley-Analog-Skala eine Mitteilung des individuellen Schmerzempfindens für demenzielle Pflegekunden möglich. Dank Schmerzskalen können Schmerzpatienten also rechtzeitig erkannt und adäquat behandelt werden. Auch eine Erfolgskontrolle der Schmerztherapie mittels Schmerzskalen bietet sich an. Damit gewährleistet die Schmerzmessung für Pflegebedürftige ein Stück weit mehr Lebensqualität.