Validation in der Demenzpflege: Methodik und Vorgehensweise

Einfühlsam mit Patienten kommunizieren
Validation in der Demenzpflege: Methodik und Vorgehensweise
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Inhaltsverzeichnis

Die Validation umfasst eine verbale und eine nonverbale Kommunikationsform, die sich auf die Beziehungsebene konzentriert. Das bedeutet, dass Sie und Ihre Kollegen das Erleben und die Gefühle Ihrer gerontopsychiatrisch beeinträchtigten dementen Patienten respektieren und sich in deren Realität einfühlen.

Die Einstellung gegenüber dementen Menschen ist für die Anwendung von Validation wichtiger als die konkreten Techniken. Der Rückzug in die Vergangenheit muss akzeptiert werden. Wenn Sie als Pflege- und Betreuungskraft die Validation anwenden, urteilen Sie nicht, Sie akzeptieren und achten die alten Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Was ist die Validation bei Demenz?

Validation ist im Kern eine Kommunikationstechnik bzw. Kommunikationsmethode. Diese besteht aus einem Bündel von verbalen und non-verbalen Konzepten. Vereinfacht ausgedrückt ist Validation eine Anleitung zum menschlicheren Umgang mit Demenzkranken.

Validation bedeutet soviel wie „Gültigkeitserklärung“ oder „Das Wertvolle finden“. Das Validieren zielt darauf ab, das Selbstwertgefühl und die Würde des Demenzkranken zu stärken und ihn dabei zu unterstützen, seine inneren Konflikte zu bewältigen.

Validation ist aber auch eine Gegenmaßnahme gegen unsere gewohnheitsmäßigen Reaktionen auf verwirrte Menschen: Die Validation hilft uns, eine neue Perspektive einzunehmen, mit welcher wir Demenzkranken mit positiver Grundhaltung begegnen können (und uns dabei selber auch besser fühlen). Dies gilt für Angehörige ebenso wie für Mitarbeitende in der Pflege.

Wo wird Validation angewendet?

Validation wird in erster Linie in der Alterspflege angewendet. Hier besteht auch die Möglichkeit, gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, sich weiterzubilden und täglich zu üben. Dabei beschränkt sich die Validation durchaus nicht auf die Pflegefachkräfte. Auch andere Mitarbeitenden in Kliniken und Heimen – wie zum Beispiel Putzkräfte, Küchenpersonal usw. – können mit großem Gewinn Techniken der Validation anwenden und ihr Verhalten daran ausrichten, wenn sie in Kontakt mit demenzkranken Bewohnern kommen.

Was sind die Ziele der Validation beim Umgang mit Demenzkranken?

Das Hauptziel der Validation ist es, mithilfe eines bestimmten Verhaltens die seelische Dimension des Demenzkranken zu pflegen:

  • Gefühl von Sicherheit vermitteln.
  • Stress und Anspannung reduzieren bzw. vermeiden
  • Ein Gefühl von Akzeptiertsein geben
  • Geborgenheit, Zugehörigkeit spüren lassen
  • Die personale Identität (und Würde) zu stützen
  • Kontakt- und Beziehungsqualität verbessern

Effekte von Validation auf demenzkranke Menschen

Konkret kann Validation die folgenden Effekte auf die demenzkranken Menschen haben:

  • Bessere verbale und nonverbale Kommunikation
  • Weniger Angst-Attacken und Stress-Symptome
  • Mehr soziale Kontakte
  • Gesteigertes Selbstwertgefühl
  • Mehr geistige und soziale Aktivität, weniger Rückzug und „Dahinvegetieren
  • Weniger unkontrollierte Gefühlsausbrüche

Methodik und Vorgehensweise: Validation bei der Pflege von Demenzkranken

Validation bedeutet, dass Sie die Äußerungen, Handlungen und Sichtweisen des Menschen mit Demenz gelten lassen, für gültig erklären, sie nicht korrigieren oder an unserer Realität überprüfen. Der an Demenz Erkrankte wird von Ihnen in seiner Erlebniswelt ernst genommen, wertgeschätzt und akzeptiert. Dabei sollten Sie die Annahme voraussetzen, dass es unterschiedliche Realitäten gibt. Die Methode der Validation geht davon aus, dass die Gefühle des Erkrankten auf der Basis seiner Erlebenswelt, eben seiner Realität, angemessen und logisch sind.

Validation bedeutet also als Erstes, dass Sie eine neue Perspektive auf den demenzkranken Menschen einnehmen.

Die Schritte der Validation bei Demenz

Hier eine vereinfachte Darstellung der Validation, welche im Alltag gut funktioniert:

Schritt 1: Gefühle des Demenzkranken analysieren

Sie fragen sich als Pflege- oder Betreuungskraft: Was sind die Gefühle des demenziell Erkrankten? Welche Gefühle bewirken seine Handlungen und Handlungsimpulse? Beispiele: Der Erkrankte ist aufgeregt, hilflos, fühlt sich einsam, traurig, sorgenvoll, ist pflichtbewusst.

Schritt 2: Gefühle des Demenzkranken ausformulieren

Die wahrgenommenen Gefühle und Antriebe werden von Ihnen mit kleinen Sätzen, die dem Sprachgebrauch des Erkrankten angepasst sind, formuliert, angenommen, akzeptiert, wertgeschätzt und zugelassen. Beispiel: Sie sind gerade ganz aufgeregt; Sie fühlen sich hilflos; das macht Sie traurig; Sie fühlen sich sehr einsam; Sie sorgen sich; Sie wollen schließlich Ihre Pflicht erfüllen.

Schritt 3: Gefühle als allgemein akzeptiert bestätigen – die eigentliche Validation

Wichtig ist nun, dass Sie dem Demenzkranken zeigen, dass sein Innenleben „in Ordnung“ ist, dass das, was er sagt, tut und fühlt, völlig normal und akzeptiert ist. Da bei alten Menschen Sprichwörter, Volksweisheiten, Redewendungen, Lieder, etc. tief im Gedächtnis eingegraben sind, ist es am einfachsten, ihre Erinnerung daran wachzurufen: Hier findet der demente Patient die Bestätigung, Bekräftigung seiner Gefühle und Gedanken. (Beispiele: Ohne Fleiß kein Preis, Ordnung ist das halbe Leben, Wut macht blind usw.)

Validation bei Demenz nach Naomi Feil

Naomi Feil entwickelte ihre Theorie Mitte der 70er-Jahre mit ersten Veröffentlichungen anfangs der 80er-Jahre.

Feil befasste sich speziell mit desorientierten Hochbetagten mit Diagnose Alzheimer. Sie unterscheidet vier Stadien der Desorientierung:

  • Stadium 1: Mangelhafte Orientierung, welche noch verheimlicht werden kann
  • Stadium 2: Der desorientierte Patient hat einen ausgeprägten Isolationsdrang; er lebt mehr und mehr in seinen eigenen Erinnerungen
  • Stadium 3: Der Patient zeigt wiederholende Bewegungen wie rhythmisches Schlagen, ständiges Auf-und-ab-Gehen. Die Sprache und das Denkvermögen gehen verloren.
  • Stadium 4: Der desorientierte Patient „vegetiert“ nur noch vor sich hin. Er sitzt apathisch in einem Stuhl oder liegt teilnahmslos im Bett. Er erkennt Angehörige nicht mehr.

Naomi Feil orientiert sich am Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson und erweitert dieses: Die letzte Lebensaufgabe des Menschen ist es, die Vergangenheit aufzuarbeiten, um in Frieden sterben zu können. Feil geht davon aus, dass nicht hirnorganische Veränderungen Ursache für Demenz sind, sondern psychologische Probleme, insbesondere ungelöste Konflikte.

Methoden der Validation nach Naomi Feil

Walking in the shoes of the other“ – In den Schuhen des Anderen gehen. So lautet das oberste Prinzip von Naomi Feil. Um dies in die Realität umzusetzen, formuliert sie drei Grundsätze:

  1. Akzeptanz: Gehe auf die Realität des Patienten ein und akzeptiere sie.
  2. Empathie: Zeige Empathie, also einfühlendes Verständnis
  3. Authentizität: Bleibe echt und ehrlich in deinen Gefühlen und Äußerungen.

 Dies führt ganz natürlich zu den folgenden „Techniken“ im Umgang mit Demenzkranken:

  • Widersprich niemals. Der Patient würde es nicht verstehen. Es würde ihn bloß verunsichern.
  • Gehe auf die dahinterliegenden Bedürfnisse und Gefühle ein, nicht auf die vordergründigen Verhaltensweisen und Aussagen. Wenn der Patient sagt, er wolle nach Hause (obwohl er zuhause ist), gehen Sie auf das Bedürfnis nach Geborgenheit ein, nicht auf die „Falschaussage“.
  • Eine hohe Kontaktqualität ist essenziell. Dazu gehört, dass man den Patienten von vorne auf Augenhöhe anspricht und dass Gespräche ruhig, klar, verständlich und wertschätzend sind.
  • Man muss dem Demenzkranken ausreichend Zeit geben, um das Gesagte zu verstehen.
  • Überdeutlich kommunizieren, indem man die eigenen Worte mit Gestik, Mimik und Tonfall intensiviert.
  • Lüge niemals. Gerade Demenzkranke haben ein verblüffend präzises Gespür für jegliche Falschheit.

Integrative Validation bei Demenz nach Nicole Richard

Nicole Richard, eine deutsche Psychogerontologin, entwickelte ihre Methode der „Integrativen Validation“ Mitte der Neunziger Jahre.

Richard glaubt nicht, dass Demenzkranke noch in der Lage sind, Lebenskrisen zu bewältigen. Demenzkranke nehmen die Welt nur noch „zerhackt“ wahr und sie verfügen nur noch über „Puzzlestücke“ ihrer Vergangenheit. Neues können sie kaum noch aufnehmen.

Daher sieht Richard – im Gegensatz zu Naomi Feil – die Aufgabe der Validation nicht darin, Demenzkranke bei der Bewältigung unerledigter Lebensaufgaben zu helfen, sondern ihnen ihr aktuelles Schicksal zu erleichtern, welches oft mit hirnorganischen Veränderungen zusammenhängt. Die Aufgabe der Validation ist es, den Patienten entlastend zu begleiten, nicht, ihn zu heilen.

Methoden der Validation nach Nicole Richard

Die Methoden unterscheiden sich in der Praxis nicht grundlegend von denjenigen der Validation nach Naomi Feil. Auch für Richard stehen Empathie und Fokus auf die Gefühle im Zentrum der Arbeit. Im Gegensatz zu Feil versucht Richard jedoch nicht, das Bewusstsein des Patienten durch entsprechende Fragen auf ungelöste Konflikte hinzulenken: Fragen verursachen Stress.

Richard versucht, die dem Demenzkranken verbleibenden Ressourcen zu nutzen, um ihn in seiner „inneren Erlebniswelt“ zu erreichen. Solche Ressourcen sind beispielsweise:

  • Antriebe wie Eigenwille, Ordnungssinn. Fürsorge, Charme, Musikalität. Auch Bewegung gehört dazu.
  • Gefühle. Bei Demenzkranken, welche eingeschränkte kognitive Fähigkeiten haben, dienen Gefühle als „Kompass“.
  • Kontakte und entsprechende Rückmeldungen.

Indem die betreuende Person sich in der Kommunikation gezielt der vorhandenen Ressourcen bedient, schafft sie eine Beziehung und vermittelt emotionale Sicherheit.

Was ist der Unterschied zwischen der Validation nach Feil und Richard?

Der wichtigste Unterschied zwischen den Validationen nach Feil und Richard liegen in der psychologischen Grundannahme:

  • Naomi Feil sieht in der Demenz ein psychisches Problem. Demenzkranke sind inneren Konflikten ausgesetzt.
  • Nicole Richard geht von organischen Ursachen aus. Demenz hängt mit hirnorganischen Veränderungen zusammen.

Während die Validation nach Feil gerne mit Fragen arbeitet, um dem Patienten zu helfen, seine ungelösten Lebensaufgaben zu bewältigen, verzichtet Richard vollständig auf das Stellen von Fragen. Sie konzentriert sich auf die Gefühle des Patienten.

Was beide gemeinsam haben, ist das Prinzip der Wertschätzung und der Empathie.

Fazit zur Validation in der Pflege

Validation ist mehr als eine „Methode“ zum Umgang mit Demenzkranken. Validation ist ein Umgangskonzept mit demenzkranken alten Menschen, welches auf Akzeptanz, Wertschätzung, Empathie und einem tiefen Verständnis für die Einschränkungen des Patienten basiert.