Realitäts-Orientierungs-Training schafft Sicherheit bei Demenz

Realitäts-Orientierungs-Training schafft Sicherheit bei Demenz
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Inhaltsverzeichnis

Viele Ihrer Pflegekunden sind vermutlich dement und haben den Bezug zur Realität mehr oder weniger stark verloren. Sie können oft nicht unterscheiden, ob Tag oder Nacht ist und erkennen Angehörige und Freunde nicht mehr. Mit einem Realitätsorientierungstraining (ROT) können Sie helfen, dass sich Pflegebedürftige im Alltag besser orientieren können. Das schafft Sicherheit und mehr Lebensqualität. 

Was ist Realitätsorientierungstraining?

Realitätsorientierungstraining ist in vielen stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen ein Baustein im therapeutischen Konzept. Damit soll die Lebensqualität von Demenzerkranken verbessert werden. Auch in der ambulanten Pflege wird es angewendet. Trainiert werden soll mit dieser Therapieform

  • die zeitliche
  • räumliche und 
  • personenbezogene Orientierung. 

Der Therapeut vermittelt dabei verwirrten Menschen mit Demenz wieder Informationen zu Zeit, Person und Raum. Für die Rehabilitation werden verschiedene Hilfsmittel wie Listen, Uhren, Kalender und Schilder genutzt. Da Sie für Ihren Pflegekunden sozusagen einen ruhenden Pol darstellen, der Orientierung bietet, bedeutet Realitätsorientierung vor allem Verlässlichkeit im Alltag dementiell Erkrankter. 

Info

Obwohl ROT als Therapiekonzept anerkannt ist, gibt es auch Kritik. Vielfach heißt es, dass den Erkrankten durch ROT zum Beispiel deren gesundheitliche Zustand kontinuierlich vor Augen geführt werde und dadurch Ängste und Depression entstehen könnten. Deshalb sollte das besondere Augenmerk darauf liegen, das Konzept so individuell wie möglich auf die kognitiven Fähigkeiten des Bewohners oder Pflegekunden abzustimmen

Das Therapieprogramm basiert auf lerntheoretischen Grundlagen, mit denen erkrankten Personen geholfen werden soll. Das Ziel: Selbstbestimmter und aktiver leben zu können. Dabei nutzt man die noch vorhandenen Ressourcen der kognitiven Leistungsfähigkeit Demenzkranker. 

Das Konzept war ursprünglich für Kriegsopfer gedacht und wurde in den 60er Jahren von Lucille R. Taulbee und dem Psychiater James C. Folsom für die Therapie von Demenzkranken weiterentwickelt. Wenn Sie ROT anwenden, ist vorher ein gewissenhaftes Personaltraining erforderlich. Und zwar deshalb, weil das Konzept die Mitarbeit alle Fachkräfte einschließt. Ihre Mitarbeiter müssen die Grundlagen der Therapie kontinuierlich an die Bewohner oder die Pflegekunden vorgeben. Dabei ist wichtig, den Verwirrten Respekt und Wärme spüren zu lassen, um dessen Wohlbefinden zu stärken. 

Ziele der Realitätsorientierungstherapie

  • Verbesserung der Orientierung
  • Verbesserung des Gedächtnis
  • Ermutigung zur Kommunikation
  • Wahrung der Identität
  • Unterstützung bei sozialer Interaktion
  • Förderung von Beziehungen

ROT: Vor-und Nachteile in der Übersicht 

VorteileNachteile
Förderung der SelbstständigkeitEntmündigung durch starke Strukturierung des Alltags
Verbesserte soziale KontakteMögliche Überforderung
Gesteigertes SelbstvertrauenSchwierigkeiten bei der Anpassung (strukturell und konzeptionell) an nachlassende kognitive Fähigkeiten
Verbesserte Orientierung, Erhaltung des Bezugs zur UmweltMögliche negative Emotionen (Wut, Trauer, Angst)

Für wen ist ROT geeignet?

Das Realitätsorientierungskonzept ist vor allem für Menschen mit leichten oder mittelschweren Demenzformen gedacht. Wenn die dementielle Erkrankung weiter voranschreitet, sollte das Realitätsorientierungstraining zum richtigen Zeitpunkt beendet werden. 

Indikationen für das Training können sein: 

  • Leichte bis mittlere Demenz 
  • Alzheimer im Anfangsstadium
  • Stresssituation bei Einzug in ein Heim oder andere Lebensveränderungen (zum Beispiel Krankenhausaufenthalt)
  • Desorientierung durch Medikamentengabe oder wegen anderer Erkrankungen

Das Konzept sollte in folgenden Situationen nicht angewendet werden: 

  • Schwere Demenz
  • Bei Überforderung, aber auch bei Unterforderung 
  • Demenzerkrankte, die nicht in der Realität gehalten werden möchten
  • Bei Patienten, die mit der Konfrontation ihrer nachlassenden kognitiven Fähigkeiten nicht zurechtkommen
  • Wenn die Beziehung zwischen Pflegepersonal und Bewohner durch das Training gestört wird

Sie können ROT entweder als 24-Stunden-Maßnahme bei einzelnen Personen umsetzen oder Ihre Bewohner zu Gruppen zusammenfassen. Das 24-Stunden-Programm ist das Kernelement des Realitätsorientierungstrainings. Hier werden der komplette Wohnraum sowie Tagesablauf entsprechend gestaltet, um die Pflegekunden ohne Unterbrechung zu stimulieren. 

Als entsprechende Maßnahmen sind zum Beispiel Orientierungshilfen geeignet (Symbole, die eine Funktion erklären wie ein Kochtopf auf einem Herd). Hilfreich sind auch Abbildungen von Alltagsgegenständen oder Bilder von Tieren und Pflanzen. Die Pflegebedürftigen sollten regelmäßig auf diese Bilder aufmerksam gemacht werden: „Sehen Sie diese Blume? Das ist eine Rose. Hatten Sie auch Rosen in ihrem Garten?“. 

Zur verbalen Orientierung: Die Dementen sollten regelmäßig über Ort, Zeit und Person informiert werden („Guten Tag, Herr Müller, heute ist Dienstag, der 8. November. Draußen regnet es…"). Genauso wichtig ist eine klare Struktur des Tages. Deshalb sollten Sie den zeitlichen Ablauf grundsätzlich einhalten. Dazu gehören auch Feiern, die stets nach demselben Schema geplant werden sollten. 

Andere Beispiele ROT

„Guten Tag, Herr Freitag. Mein Name ist Claudia Bern. Ich bin Ihre Pflegekraft. Ich bringe Sie jetzt ins Badezimmer. Dort können Sie sich waschen.“

„Guten Morgen, Frau Schulze. Heute Nachmittag um 16 Uhr findet im Gruppenraum die Bastelstunde statt. Wir basteln Osterhasen.“

„Frau Rose, Sie wohnen jetzt im Pflegeheim Lerchenhof in Hamburg. In welcher Stadt sind Sie aufgewachsen?"

Beim 24-Stunden-Konzept können Sie folgendermaßen vorgehen: 

  • Orientierung zur Person geben: Den Bewohner und alle anderen mit Namen und gegebenenfalls mit Titeln ansprechen
  • Biografie-Arbeit nutzen und über Leben, Beruf und Familie zu sprechen, bei Gesprächen auch aktuelle Bezüge herstellen, Fragen stellen und zu Antworten ermuntern
  • Tafeln mit Wetterdaten und Jahreszeit aufhängen
  • Kochen, Anzieh- und Waschtraining 
  • Mit unterschiedlichen Farben Räume unterscheidbar machen
  • Große Uhren und Kalender gut sichtbar anbringen
  • Einfache Sätze verwenden
  • Piktogramme und Schilder aufhängen (zum Beispiel Toilette, Wohnraum)

Realitätsorientierungstraining als Gruppensitzung

Sie können sogenannte Gruppensitzungen anbieten – auch als Ergänzung zum 24-Stunden-Programm. Dazu versammeln Sie vier bis acht Bewohner für täglich etwa 30 bis 60 Minuten. Mit einer Realitätsorientierungstafel als Hilfsmittel üben Sie mit den Teilnehmern zeitliche, räumliche und situative Orientierung. Dabei sollten Sie nicht nur Fragen stellen und diese beantworten lassen: Wichtig ist hier Abwechslung, die auch gern spielerisch umgesetzt werden kann. Sie können auch gemeinsam singen und basteln. Auch mit dem Vorlesen von Gedichten lässt sich ein Bezug zur Umwelt schaffen – zum Beispiel zur aktuellen Jahreszeit oder bevorstehenden Festen. 

Beispiele für Aktivitäten auf Gruppensitzungen: 

  • Spaziergänge im Garten
  • Tagesplan mit den Bewohnern erstellen
  • Fotos anschauen (von der Familie, dem Haustier, …)
  • Gebrauchsgegenstände von „früher“ zeigen und darüber sprechen 
  • Lieder von früher singen
  • Jahreszeitliches Basteln
  • Vorlesen

Richtig fördern: Was sollten Sie bei der Umsetzung beachten?

Wenn Sie das Realitätsorientierungstraining in Ihrer Einrichtung anwenden, ist es sinnvoll, eine tagesbegleitende Therapie einzuführen. Während des Tages können Sie und das Pflegepersonal in Gesprächen mit den Bewohnern zum Beispiel immer wieder auf Dinge wie Tageszeit, Datum und Jahreszeit zu sprechen kommen. Dabei gilt: Fördern, nicht überfordern. Stellen Sie sicher, dass Ihre Kunden keinesfalls überfordert werden oder sich bevormundet fühlen. Entwickeln Sie auch ein Gespür für die Fragen Ihrer Bewohner. Eine ständige Realitätskorrektur kann sich hier negativ auf das Selbstbewusstsein und Wohlbefinden auswirken. Für manche Demenzkranke kann es Stress bedeuten, wenn er immer wieder auf eine Realität hingewiesen wird, die er so nicht empfindet. 

Beispiel: 

Frau Steiner sucht nach ihrer Mutter. Sie läuft umher und fragt: „Ich weiß gar nicht, wo meine Mutter sein kann. Wo kann sie denn nur sein?“ 

Eine Mitarbeiterin antwortet: „Aber überlegen Sie doch mal: Sie sind 89. Wie alt müsste Ihre Mutter sein? Doch mindestens 110. Das kann doch nicht sein, oder? Ihre Mutter lebt doch schon lange nicht mehr.“ 

Die alte Dame glaubt der Mitarbeiterin nicht. Sie denkt, die Pflegekraft wolle sie ärgern und kränken. Frau Steiner gibt der Pflegerin deshalb eine Ohrfeige und sagt: „Mit so etwas scherzt man nicht.“

Genauso wäre möglich, dass Frau Sobel tieftraurig auf die Nachricht reagiert. Da sie sich an den Tod der Mutter nicht erinnern kann, trifft sie die Nachricht unvermittelt. Frau Steiner fühlt sich hintergangen, weil sie nichts vom Tod der Mutter wusste. Gefühle sind für Demenzkranke realer als die Gegenwart: Hier wäre es sinnvoll, wenn die Mitarbeiterin validierend auf die Äußerung von Frau Sobel reagiert hätte: Zum Beispiel: „Sie vermissen Ihre Mutter sehr?“ oder „Sie machen sich Sorgen um Ihre Mutter?

Checkliste: Sind Ihre Orientierungshilfen auf dem aktuellen Stand?

  • Alle Uhren gehen richtig
  • Es hängen nur aktuelle Hinweiszettel in der Wohnung / im Wohnbereich
  • Hinweise sind gut leserlich, ausreichend groß und knapp formuliert
  • Der Kalender / die Kalender sind tagesaktuell
  • Die TV-Zeitschrift ist beim richtigen Datum aufgeschlagen.
  • Die Gardinen sind geöffnet, und Ihr Pflegekunde kann nach draußen schauen
  • Die Dekoration passt zur Jahreszeit
  • Es gibt ausreichend helle Lichtquellen
  • Wege und Räume sind gut ausgeschildert, sodass Ihr Pflegekunde sie finden kann (in der eigenen Wohnung ebenso wie im Wohnbereich der stationären Einrichtung)

FAQs: Häufige Fragen zum Thema ROT

Was bedeutet informelles ROT? 

Darunter ist das 24-Stunden-Trainingsprogramm, die sogenannte Milieutherapie zu verstehen. Formales ROT hingegen bezieht sich auf das Gruppenangebot dementiell Erkrankter

Welche Folgen hat die an ROT geäußerte Kritik?

Normalerweise sollen mit ROT Orientierungsstörungen durch konsequente Hinweise auf die Realität therapiert werden. Heute wird dieser ursprüngliche Ansatz nicht mehr angewendet: Versuche haben gezeigt, dass der Stress für die Teilnehmer zu stark war. Heute werden bei der Umsetzung des Trainings eher unaufdringliche Orientierungshilfen angeboten. 

Wie sollte mit den Beobachtungen umgegangen werden?

Zunächst werden alle Beobachtungen in der Dokumentation festgehalten. Wenn Bewohner negativ reagieren, werden die entsprechenden Maßnahmen künftig vermieden. Änderungen sollten dem Arzt mitgeteilt und die Ergebnisse regelmäßig bei der Fallbesprechung diskutiert werden. 

Fazit zum Realitäts-Orientierungs-Training

Für viele Ihrer demenziell veränderten Pflegekunden haben Jahreszahlen, Daten und Fakten nur noch wenig Bedeutung. Für sie ist entscheidend, dass sie sich in ihrer aktuellen Umgebung wohlfühlen und mit ihren Unsicherheiten und Ängsten nicht alleingelassen werden. Das Realitätsorientierungstraining kann eine wertvolle Hilfestellung leisten, den Bezug zur Umwelt nicht ganz zu verlieren.