Verwirrt und unkooperativ: Leidet Ihr Pflegekunde am Durchgangssyndrom?

Verwirrt und unkooperativ: Leidet Ihr Pflegekunde am Durchgangssyndrom?
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Inhaltsverzeichnis

Aggressives Verhalten und Verwirrtheitszustände – Sie erkennen Ihren Pflegekunden nicht wieder. Gerade bei Menschen höheren Lebensalters kommt es häufig vor, dass sich nach einer Operation ein postoperatives Delir, das sogenannte Durchgangssyndrom, einstellt. Was genau darunter zu verstehen ist und wie Sie dieser schwierigen Situation begegnen, lesen Sie im Artikel.

Vor der Operation: Eigentlich war alles ganz normal

Frau Sieber, eine Bewohnerin eines Seniorenzentrums, ist eine freundliche und kooperative Frau. Sie scherzt mit den Pflegekräften und freut sich, wenn sie auch mal verwöhnt wird, z. B., wenn ihr die Pflegekräfte mit einem wohlriechenden Öl den Rücken massieren. Nun steht eine Operation an, auf die Frau Sieber gut vorbereitet wird. Ihr Hausarzt bespricht mit ihr die Details, ihre Tochter kommt und redet ihr gut zu. Die Pflegekräfte beantworten alle Fragen, die Frau Sieber bewegen. Sie ist zur Operation bereit und fühlt sich nach eigener Aussage gut mit dem Gedanken.

„Tag X“ der Operation rückt näher

Wenn Frau Sieber an die Operation denkt, ist ihr etwas mulmig zumute. Sie weiß, dass eine OP immer auch Risiken birgt, und das macht sie etwas nervös. Andererseits hat sie das Vertrauen in die Ärzte und die Pflegekräfte, dass diese ihr Bestes geben. Sie hilft mit bei den Vorbereitungen für das Krankenhaus, packt ihre persönlichen Sachen in eine Tasche.

Alles ist gut verlaufen

Die Operation ist zu Ende, und es sind keinerlei Komplikationen aufgetreten. Frau Sieber ist im Aufwachraum. Bald wird sie aus der Narkose erwachen, die Werte wie Puls und Blutdruck sind normal. Die Tochter ist im Krankenhaus anwesend und weiß, sie wird gerufen, wenn ihre Mutter wach ist.

Nach der Operation: Frau Sieber macht Rabatz

Als Frau Sieber im Aufwachraum die Augen aufschlägt, weiß sie nicht, wo sie ist. Die diensthabende Krankenpflegerin Silke erklärt ihr die Situation, aber Frau Sieber möchte nicht zuhören. Sie beginnt zu schreien und will das Bett verlassen. Silke verständigt die Tochter, die sofort zu ihrer Mutter vorgelassen wird. Frau Sieber schreit lautstark: „Ich will hier raus, lassen Sie mich sofort gehen, Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten!“ Die Tochter versucht, auf ihre Mutter Einfluss zu nehmen und sie ruhiger zu stimmen. Doch Frau Sieber lässt sich nicht abbringen und reißt sich plötzlich den Infusionsschlauch aus dem Arm.

Hinweis

Unter diesen Bezeichnungen ist das Durchgangssyndrom noch bekannt

Wenn vom Durchgangssyndrom gesprochen wird, also bei kognitiven Defiziten nach operativen Eingriffen und Anästhesie, existiert keine einheitliche Definition. Mediziner verwenden zur Diagnose oft folgende Synonyme:

  • postoperative cognitive dysfunction (POCD), übersetzt als
  • postoperatives kognitives Defizit
  • Funktionspsychose
  • postoperatives Durchgangssyndrom
  • postoperative Verwirrtheit
  • Delir
  • postoperatives Delir
  • Verwirrtheit
  • kognitive Dysfunktion
  • neuropsychologische Auffälligkeiten

Die Symptome deuten auf ein postoperatives Delir

In den nächsten Stunden und Tagen wird Frau Sieber zusehends verwirrter. Sie leidet unter Halluzinationen, schwitzt stark und hat einen hohen Blutdruck. Die Ärzte diagnostizieren ein „postoperatives Delir“, auch „Durchgangssyndrom“ genannt.

Die Verwirrung ist komplett

Das Durchgangssyndrom zeigt sich oft beim Aufwachen aus der Narkose, kann aber auch erst nach Stunden oder sogar Tagen auftreten. Die betroffene Person kennt sich nicht aus, weiß nicht, wo sie ist. Sie kennt beispielsweise weder Tag noch Monat und manchmal nicht einmal mehr ihre Angehörigen. Dieser Zustand kann 3–4 Tage, jedoch auch bis zu mehreren Wochen oder sogar Monate dauern.

Unterschiedliche Aktivitätsänderungen beim postoperativen Delir

Störungen im Bereich:

  • Aufmerksamkeit
  • Gedächtnis
  • Wahrnehmung
  • Orientierung
  • Verhalten
  • Psychomotorik
  • Schlaf

Hyperaktiv agitiertes Verhalten:

  • Nesteln
  • Zupfen
  • stereotype Handlungen
  • zwecklose und sich wiederholende Handlungen
  • den Drang zur „Flucht“
  • erhöhte Wachsamkeit
  • Hypertonie
  • Herzrasen
  • Schwitzen
  • Entfernen von Infusionsschläuchen, Verbänden und dergleichen

Hypoaktives Verhalten:

  • schwere kognitive Störungen
  • gestörtes Denken
  • Gedanken sind weitschweifig, ziellos, unlogisch, ohne Zusammenhang
  • Wahnhaftigkeit
  • Halluzinationen
  • Ängstlichkeit
  • Teilnahmelosigkeit
  • Zustand wie im Halbschlaf
  • Immobilität

Das Delir kann gefährlich werden

Das postoperative Delir ist sehr belastend für den alten Menschen, aber auch für Angehörige und Pflegekräfte. Dieser Zustand wird oft nicht erkannt und bedeutet für die Pflegekunden, dass möglicherweise die Rehabilitation nicht gelingt. Außerdem ist die Sterberate deutlich höher, wenn ein postoperatives Delir vorliegt.

Was sind die unterschiedliche Ausprägungen beim Durchgangssyndrom?

Es gibt 2 Arten des postoperativen Delirs. Nicht immer ist eindeutig, dass es sich um ein Durchgangssyndrom handelt. Wie die beiden Erscheinungsformen aussehen und welche Symptome sich zeigen, sehen Sie in der folgenden Darstellung.

Verdacht auf ein postoperatives Delir: Ein Test gibt Aufschluss

Das Problem bei einem postoperativen Delir ist, dass es oft zu spät erkannt wird. Vor allem, wenn kein hyperaktives, sondern hypoaktives Verhalten auftritt, ist dies der Fall. Um Klarheit über die Umstände zu bekommen, kann ein Test durchgeführt werden. Dazu soll der Pflegekunde 10 Fragen beantworten.

Durchgangssyndrom-Test: „abbreviated mental test“ (AMT)

  1. Wie alt sind Sie?
  2. Wie spät ist es (nächste volle Stunde)?
  3. Merken Sie sich bitte die folgende Adresse: Kirchengasse 42.
  4. Welches Jahr haben wir gerade?
  5. Wie heißt dieses Krankenhaus?
  6. Wiedererkennen von 2 Personen (z.B. Arzt, Schwester)
  7. Wann sind Sie geboren?
  8. In welchem Jahr hat der 1. Weltkrieg begonnen?
  9. Wie heißt der Bundespräsident?
  10. Zählen Sie bitte zurück von 20 bis 1. Wie lautet die Adresse, die Sie sich gemerkt haben?

Wenn 3 oder mehr Fragen falsch beantwortet werden, wird der Test positiv bewertet.

Was kann man tun (nicht pharmakologische Maßnahmen)?

Wenn Ihr Pflegekunde operiert wird, kann er bereits nach einem Tag wieder zu Hause oder in der Einrichtung sein (ambulante OP). Somit können Sie stark Einfluss auf die „Zeit danach“ nehmen. Aber auch, wenn Ihr Pflegekunde noch im Krankenhaus bleiben muss, haben Sie einige Möglichkeiten, ein postoperatives Durchgangssyndrom abzumildern:

  • Informieren Sie die Angehörigen, dass diese bereits im Krankenhaus die Umgebung des Pflegekunden entsprechend gestalten. Dies geschieht am besten mit bekannten Dingen, z. B. Fotos.
  • Ihrem Pflegekunden sollte im Zimmer eine Uhr und ein Kalender zur Verfügung stehen, um die Orientierung zu fördern.
  • Wenn Sie Einfluss haben: Gestalten Sie den Ablauf so, dass Ihr Pflegekunde einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus hat, also beispielsweise tagsüber natürliches Licht, nachts kein künstliches Licht, kein Lärm (Geräte, Klingel), damit Ihr Pflegekunde schlafen kann. Dies könnte im Rahmen der Überleitungspflege bewerkstelligt werden.
  • Sorgen Sie dafür, dass Ihr Pflegekunde schnellstmöglich nach der OP sein(e) Hörgerät(e) eingesetzt bekommt und die Brille benutzt. Auch die Zahnprothesen sind von Bedeutung. Dies dient dem Verständnis, der Interaktion und der Orientierung.
  • Wirken Sie darauf hin, dass die Angehörigen so oft wie möglich vor Ort sind/sein dürfen.
  • Erklären Sie den Angehörigen die Zusammenhänge und dass eine Förderung der Kommunikation mit dem Pflegekunden das Durchgangssyndrom verhindert bzw. die Dauer verkürzt.
  • Versorgen Sie Ihren Pflegekunden mit viel Flüssigkeit.
  • Es kann sein, dass Ihr Pflegekunde Angstzustände bekommt. Geben Sie ihm Zuwendung und versuchen Sie ihn zu beruhigen.
  • Wichtig ist eine frühe Mobilisation.

Die klinische Therapie

Die Prävention und Behandlung des Deliriums kann über eine 3-stufige Strategie erfolgen:

  1. Nicht pharmakologische Maßnahmen zur Primärprävention, wie im vorherigen Abschnitt erläutert,
  2. pharmakologische Prophylaxe und
  3. Therapie des Delirs in 1. Linie mit Antipsychotika.

Trotz vieler Studien sind einige Zusammenhänge, die das postoperative Delir betreffen, noch im Unklaren. Es wurde jedoch deutlich, dass die Gabe von Psychopharmaka die Situation positiv beeinflussen kann.

Bei Verdacht auf ein Durchgangssysndrom: Seien Sie mutig

Obwohl es hinreichend bekannt ist, dass es das Durchgangssyndrom gibt und alte Menschen besonders gefährdet sind, wird noch zu wenig darauf geachtet. Immer wieder kommt es vor, dass auch Ärzte ein postoperatives Syndrom unterschätzen. Wenn Sie den Verdacht haben, seien Sie mutig. Reden Sie mit dem Arzt. Vielleicht verhindern Sie somit schlimme Folgen für Ihren Pflegekunden.