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Biografiearbeit: Grundstein für eine gute Pflege

01.07.2019

Beispiel aus der stationären Pflege: Herr Kramer steht morgens um 4.00 Uhr wieder einmal putzmunter im Flur und kann nicht mehr schlafen. Wie häufig ist er komplett bekleidet – wenn auch etwas unorthodox – und irrt auf dem Flur umher. „Ich muss jetzt los, bevor ich zu spät komme“, wiederholt er immer wieder und wieder. Die Kollegin von der Nachtwache ist mittlerweile sichtlich genervt und versucht, ihn wieder in sein Zimmer und in das Bett zu bekommen, da er ja auch andere Bewohner wecken könnte. Dieses Szenario spielt sich seit vielen Wochen im immer gleichen Muster ab. Das ganze Team rätselt: Warum will oder kann Hr. Kramer nicht schlafen, und warum steht er immer so früh auf? Nach einem Blick in seine Biografie ist die Antwort schnell gefunden. Herr Kramer war sein gesamtes Berufsleben hindurch als Bäcker und Konditor tätig: 4.00 Uhr ist zeit seines Lebens seine ganz normale Arbeitszeit gewesen. Er verhält sich folglich in seiner Eigenwahrnehmung völlig logisch. In seiner von ihm z. Z. gefühlten Zeit ist er ein junger Mann, der rechtzeitig zur Arbeit kommen muss, um nicht rausgeschmissen zu werden und um pflichtbewusst Lohn und Brot zu verdienen. Was liegt also näher, als pünktlich aufzustehen?

Biografiearbeit ist bei Menschen mit Demenz besonders wichtig

Das Wissen um die Biografie des Menschen mit Demenz ist der Grundstein, um Ihnen möglicherweise viele Probleme und Schwierigkeiten bei der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz verständlicher zu machen, sie zu erklären oder sogar zu lösen. Sie müssen sich i. d. R. nur die Mühe machen, sich auf diese einzulassen und sich mit ihr angemessen zu beschäftigen.

Informieren Sie sich jetzt noch besser über den Umgang mit demenziell veränderten Pflegekunden in unserem Praxis-Ratgeber: Demenz: Pflege und Betreuung

Jeder Mensch mit Demenz hat seine ganz eigene persönliche Lebensgeschichte, die keiner anderen Person gleicht. Seine Erlebnisse und Erfahrungen haben den Erkrankten während seines langen Lebens geprägt und bestimmen noch immer seine Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen und Verhaltensweisen. Nur wenn Sie als Betreuungs- und Pflegekraft darum wissen und diese Lebensgeschichte kennen, können Sie angemessen mit bestimmten Situationen umgehen. Schwierige oder herausfordernde Verhaltensweisen entstehen durch das Wissen der Biografie und eine entsprechende Umsetzung dann schon im Vorfeld immer seltener.

Hinweis: Die Biografiearbeit muss deshalb ein wichtiger Bestandteil Ihrer täglichen Arbeit sein. Je mehr Informationen Sie über den zu Betreuenden zusammengetragen und verstanden haben, desto besser können Sie ihn und seine Verhaltensweisen verstehen.

Ambulante oder stationäre Pflege macht bei der Biografiearbeit keine Unterschiede

Ob Sie in der ambulanten Pflege oder in einer stationären Einrichtung tätig sind, spielt bei der Biografiearbeit nur eine untergeordnete Rolle und macht im Grunde keinen Unterschied. Für die ambulante Pflege und Betreuung ist es allerdings manches Mal einfacher, im gewohnten häuslichen Umfeld des Betroffenen etwas über die Lebensgeschichte oder andere persönliche Dinge zu erfahren. Nutzen Sie diesen Vorteil.

Individuelle Informationen sind wichtig

Dabei reicht es nicht aus, dass Sie Angehörige lediglich bitten, einen Biografiebogen auszufüllen. Dieser greift nämlich häufig viel zu kurz. Selbstverständlich können Sie mit einem Biografiebogen viele durchaus relevante Daten erfassen, die auch für Ihre spätere Pflege und Betreuung nützlich sind. Zum Beispiel: War Ihr Gegenüber verheiratet? Welchen Beruf hat er ausgeübt? Welche Hobbys hat er gepflegt? Wie viele Kinder oder Enkelkinder gibt es? Aber andere, für den täglichen Alltag vielleicht wesentlich interessantere Fragen werden hier nur selten dokumentiert.

  • Ist der Mensch mit Demenz immer mit dem rechten oder linken Bein aus dem Bett gestiegen?
  • Hat er morgens vor dem Toilettengang einen Kaffee getrunken?
  • Hat er sich mit einem Kamm oder einer Bürste gekämmt?
  • Hat er vor dem Schlafengehen immer noch ein Stückchen Schokolade genascht?
  • Hat er ein besonderes Aftershave oder Parfüm benutzt?

Optimale Betreuung erfordert Wissen

Das Wissen um diese kleinen, aber doch wichtigen Fragen ist in der täglichen Pflege und Betreuung immens wichtig. Nur mit diesem Wissen können Sie eine optimale Betreuung gewährleisten. Biografiearbeit hört folglich nicht mit der Aufnahme Ihres zu Pflegenden auf, sondern muss von Ihnen auch während der gesamten Pflege und Betreuung weitergeführt werden.

Dazu brauchen Sie vor allem Ihre geschulte Wahrnehmung, Ihre gute Beobachtungsgabe und genügend Zeit, um aufmerksam zuzuhören. Nur dann können Sie Signale oder Hinweise richtig deuten, daraus entsprechende Schlüsse ziehen und in Ihrem Pflege- und Betreuungsalltag adäquat umsetzen.

Haben Sie zudem im Blick, dass Informationen, die Sie ausschließlich von Angehörigen oder anderen Personen bekommen, immer deren subjektive Sichtweise darstellen. Vieles, was die Befragten in Bezug auf den Erkrankten wichtig und erwähnenswert finden, spielte vielleicht für den Betroffenen selbst nur eine untergeordnete Rolle. Fragen Sie deshalb bei manchen Dingen ganz explizit nach. Zum Beispiel nach dem Charakter des Erkrankten, nach seinen Marotten oder Gewohnheiten, Vorlieben oder nach Schicksalsschlägen. Vielleicht fragen Sie die Angehörigen auch nach Dingen, die beim Erkrankten bis dato stets ein Tabuthema waren, um bei dem Erkrankten nicht ungefragt in persönliche „Schatzkisten“ einzudringen, was unter Umständen sehr unangenehme Gefühle auslösen kann. Nehmen Sie Ihre gesammelten Informationen folglich immer als einen ersten Baustein, und finden Sie gemeinsam mit dem Menschen mit Demenz heraus, welche Prioritäten er persönlich in seinem Leben gesetzt hat.

Die wichtigsten Ziele der Biografiearbeit sind:

  • Durch ausführliche Erfassung und 
Fortschreibung der Biografie können Sie die Wünsche und Bedürfnisse Ihrer Betreuten besser verstehen.
  • Biografiearbeit verbessert die Beziehung zwischen Erkrankten, Angehörigen und den Pflege- und Betreuungspersonen.
  • Das Kennen der persönlichen Lebensgeschichte Ihres zu Pflegenden hilft Ihnen, den Erkrankten ganzheitlich wahrzunehmen und ein vielschichtiges Bild von ihm zu bekommen.
  • Die Identität, das Selbstbild und -vertrauen des Betroffenen werden gestärkt.
  • Das Wissen um die Biografie des Gegenübers erleichtert den Aufbau von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit.
  • Die Kommunikation wird auf allen Ebenen durch das Wissen um die Lebenserfahrungen des Gegenübers erleichtert.
  • Sie erfahren von Ressourcen oder Restriktionen, die Ihnen bei der Auswahl von Aktivitäten oder Beschäftigungen hilfreich sein können

Vorteile der Biografiearbeit für Pflegekräfte

Die Vorteile der Biografiearbeit für Sie als Pflege- und Betreuungskraft liegen zudem ebenfalls auf der Hand. Sie lernen den Erkrankten besser kennen, können Stärken, Schwächen und Verhaltensweisen besser einschätzen. Eventuell eröffnen sich dadurch ganz neue Perspektiven, und die Beziehung zu dem Gepflegten entwickelt sich positiv, langfristig und vielfältig.

Zudem können Sie evtl. etwas aus den Erfahrungen des Erkrankten für sich persönlich mitnehmen, Ihre eigene Kreativität erweitern oder sogar einen bewussteren Umgang mit Ihrer eigenen Biografie erleben.

So setzen Sie die Biografiearbeit Schritt für Schritt um

  1. Schritt: Nehmen Sie sich für die Erhebung der Biografie Zeit. Niemand wird seine gesamte Lebensgeschichte sofort und vollständig erzählen. Auch Ihr Erhebungsbogen muss nicht gleich ausgefüllt sein. Manches erfährt man erst nach und nach.
  2. Schritt: Nutzen Sie die Gespräche, Verhaltensweisen und Erlebnisse mit dem Erkrankten, um seine Biografie besser zu verstehen, und dokumentieren Sie Ihre Erkenntnisse. Bei besonders tragischen Ereignissen fragen Sie den Betreuuer, inwieweit Sie diese in der Dokumentation offenlegen dürfen.
  3. Schritt: Befragen Sie die Freunde und Angehörigen, und beziehen Sie diese auf diese Weise gleichzeitig mit in die Betreuung und Pflege ein.
  4. Schritt: Machen Sie Ihr dokumentiertes Wissen allen an der Betreuung und Pflege Beteiligten zugänglich. Entweder an exponierter Stelle in der Akte des Patienten oder in Fallgesprächen.
  5. Schritt: Halten Sie Ihre Biografieaufzeichnungen aktuell. Die Biografie wird stetig fortgeschrieben, und neues Wissen, Erkenntnisse und veränderte Aspekte sollen für alle deutlich werden.
  6. Schritt: Berücksichtigen Sie das gewonnene Wissen aus der Biografiearbeit entsprechend bei der Pflegeplanung.
  7. Schritt: Achten Sie darauf, dass Ihre Mitarbeiter oder KollegInnen die biografischen Daten ihrer Patienten kennen und entsprechend berücksichtigen.
  8. Schritt: Beachten Sie insbesondere bei biografischen Angaben den Datenschutz. Greifen Sie nicht ungefragt vor anderen, z. B. in Zeitungsrunden, auf biografisches Wissen zurück.

Beispiele:
„Herr Müller und Herr Meier, Sie haben doch beide damals in Russland an der Front gekämpft, wie war das für Sie?“ „Frau Bergmann, Sie haben doch genau wie ihre Zimmernachbarin Frau Schulz Angehörige im Krieg verloren, möchten Sie sich nicht mal austauschen?“

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