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Tiergestützte Angebote für Menschen mit Demenz

08.01.2021

Bestimmt haben Sie auch schon beobachten können, dass Tierbesuche in Pflegeheimen manches Mal das Wohlbefinden von Demenzerkrankten verbessern können. Häufig ist die Wirkung geradezu verblüffend: Menschen mit Demenz, die sonst abwesend sind, werden aufmerksam und sind plötzlich hellwach. Ziehen sich Menschen mit Demenz in ihre eigene Welt zurück und Sie oder Angehörige finden kaum noch Zugang zu ihnen, können Tiere Vermittler sein. Aus diesem Grund haben sich die tiergestützte Therapie und damit auch der professionelle Hundebesuch etabliert.

Hunde äußern ihre Zuneigung ganz direkt durch Schwanzwedeln, Anstupsen oder Anschmiegen. Sie reagieren auf Berührungen, Gesten, Augenkontakt und andere nonverbale Signale und erfassen Stimmungen und Gefühle intuitiv. Mensch und Tier verständigen sich auf einer tiefen emotionalen Ebene, die von der Krankheit nicht betroffen ist. Ein Hund reflektiert und urteilt nicht. Er hadert nicht mit den Schwächen seines Gegenüber. Es stört ihn nicht, wenn ein Mensch immer wieder dieselben Dinge erzählt, wenn Worte unverständlich sind oder keinen Sinn ergeben. Für einen Hund ist sein Gegenüber vollkommen. Seine Zuneigung ist unvoreingenommen, ehrlich und bedingungslos. Damit erfüllt er die ursprüngliche Sehnsucht nach Nähe, Wärme, Trost, Zärtlichkeit, Bestätigung und Anerkennung.

Die Wirkung von Hunden auf Menschen mit Demenz ist oftmals positiv

Es ist nicht immer nötig, einen ausgebildeten Therapeuten mit Therapiehund zu engagieren. Sie, ein Mitarbeiter, Angehörige oder Ehrenamtliche können durchaus auch ihre Hunde mitbringen, wenn Sie einige Grundsätze beachten und die Voraussetzungen erfüllt sind. Es ist natürlich wichtig, dass die Kontakte dem Hund auch gefallen, weil nur dann auch die Betroffenen von seiner Anwesenheit profitieren. Welche vielfältigen Möglichkeiten und Ziele ein tiergestütztes Angebot mit sich bringt, können Sie der Übersicht entnehmen.

Übersicht: Ziele tiergestützter Angebote in Pflegeheimen

  • psychisch:
    • Förderung der Motivation, Vertrauen, Selbstvertrauen, Zuversicht, Nähe, Entspannung, Trost, Stressabbau,
    • Steigerung der Lebensfreude der demenzerkrankten Bewohner
  • physisch:
    • Verbesserung der Grob- und Feinmotorik,
    • Anreiz zu körperlicher Bewegung, Muskelentspannung und Förderung des Gleichgewichts,
    • Ablenkung von Schmerzen und beruhigende Wirkung auf Atmung und Blutdruck
  • sozial:
    • Förderung der Kommunikation und Interaktion durch Beobachtung, Füttern und Streicheln,
    • Förderung der Bereitschaft, sich zu öffnen und sich anderen mitzuteilen,
    • Stärkung des Selbstvertrauens durch das Gefühl, gebraucht zu werden, Minderung des Gefühls von Einsamkeit
  • mental:
    • Stimulation der Sinne,
    • Förderung der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit

Um einen Hund in die Einrichtung zu bringen, ist es, wie bereits beschrieben, wichtig, dass Sie gewisse Voraussetzungen beachten. Diese wären z. B. das Bestehen eines Wesenstests und der Besuch einer Hundeschule in Bezug auf Gehorsam. Wenn möglich, ist es zudem sinnvoll, bei den ersten Besuchen einen Experten hinzuzuziehen. Anhand der Checkliste können Sie ermitteln, ob Sie die Bedingungen in Ihrem Haus erfüllen können und wollen.

Checkliste: Sind Ihre Orientierungshilfen auf dem aktuellen Stand?

Sie berücksichtigen im Voraus Kontraindikationen, z. B.

  • durch Hunde ausgelöste Allergien,
  • akute Atemwegserkrankungen,
  • offene Wunden an den Extremitäten,
  • mögliche Ängste der Bewohner und Mitarbeiter
  • Der Hund hat ein friedliches Wesen und hört auf die Anweisungen seines Halters.
  • Sie dokumentieren die regelmäßige Kontrolle und die Entfernung von Flöhen, Zecken, Läusen und Milben.
  • Eine Kopie des aktuellen Impfausweises wird regelmäßig vorgelegt.
  • Sie dokumentieren die regelmäßige Entwurmung und haben ein Gesundheitsattest des Tierarztes.
  • Sie stellen einen eigenen, ruhigen, gut zu reinigenden Schlaf-, Liege- und Fressplatz als Rückzugsmöglichkeit für den Hund bereit.
  • Es ist eine eigene Decke vorhanden, die mindestens 1-mal wöchentlich und nach Bedarf gewaschen wird.
  • Sie reinigen täglich die geschützt stehenden Fress- und Wassergefäße, wechseln Trinkwasser und entfernen Futterreste.
  • Sie stellen die tägliche Fellpflege sicher.
  • Spielzeug und Fressgeschirr des Hundes werden nach der Benutzung gereinigt und gegebenenfalls desinfiziert.
  • Sie achten auf die Bedürfnisse des Hundes und sorgen für ausreichend Erholungspausen.

Besprechen Sie die einzelnen Punkte gemeinsam im Team. Haben Sie alle Kontraindikatoren bedacht, alle Hygienemaßnahmen beim Tier eingehalten und dokumentiert und spricht in der Einrichtung nichts dagegen, können Sie mit den Besuchen beginnen. Legen Sie hierzu einen Verantwortlichen fest, der sich zukünftig kümmert. Sollten Sie einen Hundebesuchsdienst engagiert haben, muss dieser natürlich die vorgenannten Punkte sicherstellen.

Dokumentation für mögliche Prüfungen

Vergessen Sie nicht, das Angebot zu dokumentieren. Legen Sie am besten einen Ordner an, in dem Sie alle Unterlagen bezüglich des Hundes abheften. So behalten Sie den Überblick und können die Bescheinigungen bei möglichen Prüfungen, z. B. des Gesundheitsamtes, vorlegen.

Beachten Sie die Hygienevorschriften

Informieren Sie alle einbezogenen Mitarbeiter über notwendige Hygienemaßnahmen im Umgang mit dem Hund. Kopieren Sie ggf. die Checkliste, um sich zu orientieren. Beachten Sie zudem eine hygienische Handdesinfektion nach dem Kontakt mit dem Tier, insbesondere bei immungeschwächten Bewohnern. Es sollte auch eine Handdesinfektion nach der Reinigung möglicher Tierutensilien wie Fressnapf und Spielzeug durchgeführt werden. Ein Hautkontakt mit den Exkrementen wird vermieden.

Der Hund darf sich nicht in folgenden Räumlichkeiten der Einrichtung aufhalten:

  • Küche und Bad
  • Lagerraum von Lebensmitteln
  • Pflegearbeitsraum
  • im Speiseraum während des Essens

Befindet sich der Hund am oder sogar im Bett, ist unbedingt eine Schutzunterlage zu verwenden.

Gruppenaktivitäten mit Hunden

Allein schon die bloße Anwesenheit von Hunden kann Erinnerungen wecken und wirkt sich positiv auf die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung ihrer Demenzerkrankten aus. Sie können durch gezielte Gruppenstunden weitere unterschiedliche Förderaspekte einbeziehen. Probieren Sie mit den Bewohnern gemeinsam, was ihnen und dem Hund am besten gefällt.

Bettlägerige Bewohner

Sie können den Hund selbstverständlich auch im Einzelkontakt einsetzen. Auch Menschen, die das Bett nicht mehr verlassen können oder sich sprachlich nicht mehr äußern, freuen sich möglicherweise über einen Hundebesuch. Biografische Informationen sind hier sehr hilfreich. Erfragen Sie bei Angehörigen oder Bekannten, ob der Betroffene vielleicht selbst einen Hund hatte. Manche Personen waren in ihrem Leben häufig mit Tieren zusammen.

Aber auch wenn Sie wissen, dass der Mensch mit Demenz selbst einen Hund hatte, probieren Sie erst einmal aus, wie er auf den Hund reagiert. Lassen Sie den Hund z. B. erst mal auf einem Stuhl neben dem Bett Platz nehmen, damit er für den Betroffenen in Sichtweite ist. Schon der Geruch und die Geräusche des Hundes wecken Erinnerungen und regen die Sinneswahrnehmung an.

Sollten Sie das Gefühl haben, die Person bekommt Angst, gehen Sie sofort mit dem Hund aus dem Zimmer. Haben Sie aber das Gefühl, dass der Bewohner sich entspannt, können Sie einen Schritt weitergehen und ihm z. B. ein Leckerchen in die Hand legen, damit der Hund näher kommt. Das Gefühl der kalten Hundeschnauze und der Zunge auf der Hand ist vielleicht noch vertraut. Wenn der Hund es zulässt, können Sie auch die Pfote des Hundes vorsichtig in die Hand des Betroffenen legen und vorsichtig über
den Arm streichen, um den Tastsinn anzuregen. Schauen Sie genau hin, und beobachten Sie sensibel, was dem Menschen mit Demenz besonders gefällt und was vielleicht nicht.

Übersicht: Beispiele für Aktivierungen mit dem Hund

  • Pflege des Hundes - Stellen Sie einen Korb mit unterschiedlichen Bürsten für den Hund zusammen, z. B. Bürsten, Kämme oder Massagehandschuhe. Lassen Sie den Bewohner die Materialien anschauen, erfühlen und eins davon auswählen. Ermuntern Sie ihn dann, das Fell des Hundes damit zu pflegen.
    • Ziel: Die Grobmotorik wird gefördert und der Tastsinn angeregt.
  • Versteckspiel - Geben Sie jedem Bewohner ein Hundeleckerli. Dieses versteckt er dann in seiner Faust oder unter dem Schuh. Anschließend formen alle Teilnehmer die Hände zu Fäusten. Der Hund muss nun suchen, wo das Leckerchen versteckt ist. Wenn er an der richtigen Hand oder dem richtigen Fuß schnuppert, bekommt er das Leckerli. Neigen Bewohner dazu, die Leckerlis zu essen, können Sie alternativ einen Keks oder ein Stück Obst nehmen, sofern der Hund dies mag.
    • Ziel: Die Feinmotorik wird geschult.
  • Leckerlispender - Schneiden Sie in eine Plastikflasche einige Löcher. Ein Bewohner befüllt die Flasche durch den Flaschenhals mit einem Leckerli. Die Flasche wird nun zugeschraubt. Legen Sie diese für den Hund auf den Boden. Durch das Umherrollen der Flasche auf dem Boden gelangt der Hund an das Leckerli. Anschließend steckt jeder Bewohner ein Leckerli in die Flasche. Die Teilnehmer können den Hund beobachten und anfeuern.
    • Ziel: Die Feinmotorik wird gefördert.
  • Apportierspiel - Die teilnehmenden Bewohner sitzen im Kreis. Der Hund hält sich in der Mitte auf. Ein Bewohner erhält ein Spielzeug, z. B. einen Ball, und ertastet ihn. Er wirft ihn weg. Auf sein Zeichen holt der Hund den Ball für ihn zurück. Das Spielzeug wird nun an den nächsten Bewohner weitergegeben, bis jeder 1-mal dran war. Halten Sie genug Spielzeuge parat, falls ein Bewohner sein Spielzeug nicht abgeben möchte. Achten Sie zudem darauf, dass die Bewohner nicht zu fest werfen und jemanden treffen.
    • Ziel: Die Beweglichkeit des Oberkörpers wird gefördert, zudem die Kraft in den Armen und Schultern sowie die Koordinationsfähigkeit