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So schützen Sie Ihre Pflegekunden vor "Re-Traumatisierungen"

06.02.2017

Viele Ihrer alten zu Pflegenden haben in ihrem Leben Traumatisches erlebt. Hier sind z. B. Kriegserlebnisse zu nennen. Zu fragen bleibt, wie Sie als Mitarbeiter der Pflege und Betreuung mit diesen sensiblen Informationen umgehen sollten.

Pflege und Betreuung stationär

Praxisbeispiel: Ein sehr netter und kompetenter Pflegemitarbeiter mit russischen Wurzeln und Akzent in der Aussprache löste bei 2 Patienten im ambulanten Bereich immer wieder heftige Panikreaktionen aus, als er diese aufsuchte und pflegen wollte. Einer der Patienten versteckte sich sogar unter dem Tisch mit den panischen Worten: „Schnell, versteckt euch, die Russen kommen!“ Beide Patienten waren jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft, ein Umstand, den sie als traumatisch erlebten.

Neben den eigentlichen Kriegsereignissen sind aber auch z. B. viele Frauen durch sexualisierte Gewalterfahrungen nach dem Krieg und in den Ehen traumatisiert worden. Viele Pflegemaßnahmen können diese Erfahrungen wieder reaktivieren, z. B. grundpflegerische Versorgungen, Einläufe, Katheterisierungen oder Mundpflege. Hier müssen Sie unbedingt darauf achten, dass Ihre Pflegekunden vor Re-Traumatisierungen geschützt werden.

 

Trauma ist eine nachhaltig belastende Erfahrung

Das griechische Wort „Trauma“ bezeichnet ganz allgemein eine Verletzung. Medizinisch meint der Begriff „Trauma“ eine Verwundung, die durch einen Unfall oder eine Gewalteinwirkung hervorgerufen wurde. Neben den körperlichen Traumata gibt es eben- so psychische Verletzungen, die auch nach Jahren noch nachwirken, insbesondere dann, wenn sie nicht verarbeitet wurden. Wie Sie in Ihrer täglichen Arbeit mit den Traumata Ihrer Pflegekunden umgehen sollten, entnehmen Sie den 4 Tipps der Übersicht.

Übersicht: 4 Tipps zum Umgang mit traumatischen Ereignissen

1. Tipp: Ermöglichen Sie einen geschützten Gesprächsrahmen

Oft gehen seelische Verletzungen mit Scham einher. Der Betroffene erlebt beim Erzählen von Einzelheiten die gleichen Gefühle, die er auch damals erlebt hat. Ein Gespräch über diese Inhalte braucht einen geschützten Rahmen. Diesen können Sie dadurch gewährleisten, indem Sie unerwünschte Zuhörer ausschließen. Führen Sie ein Gespräch über traumatische Inhalte bei geschlossener Tür.

2. Tipp: Lassen Sie Ihren Pflegekunden mitentscheiden, was mit seinen sensiblen Angaben geschieht

Informieren Sie Ihren Gesprächspartner darüber, dass Sie nur die Inhalte aufschreiben bzw. weitergeben, die Ihr zu Pflegender Ihnen hierfür freigibt. Sollten Sie bestimmte Inhalte für pflege- oder betreuungsrelevant halten, sollten Sie diese mit Ihrem Pflegekunden besprechen.

3. Tipp: Legen Sie eine separate sensible Biografie an

Einige Einrichtungen der Altenarbeit legen für ihren zu Pflegenden eine separate sensible Biografie an, in die nicht jeder Mitarbeiter hineinschauen darf. Diese „Geheimnisbiografien“ dürfen auch nicht von Angehörigen oder dem Hausarzt eingesehen werden. Auch hier entscheidet der zu Pflegende, welche Informationen notiert werden.

4. Tipp: Überlegen Sie, inwieweit die sensiblen Angaben pflege- und betreuungsrelevant sind

Viele der sensiblen Angaben Ihrer Pflegekunden sind pflege- und betreuungsrelevant. Das bedeutet, dass mitunter z. B. Pflegehandlungen das Trauma reaktivieren bzw. ansprechen können. Zum Beispiel kann dieses bei einer Frau mit sexualisierten Gewalterfahrungen reaktiviert werden, wenn sie grundpflegerisch durch einen männlichen Pflegemitarbeiter versorgt wird. Hier ist es nun Ihre Aufgabe zu überlegen, welche Handlungen bzw. Situationen vermieden werden sollten. Diese überführen Sie dann in die Pflegeplanung, z. B.: „Bewohnerin wird nicht von männlichen Mitarbeitern versorgt.“ Der eigentliche biografische Hintergrund ist hier nicht zu erläutern.

 

Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden

Sicherlich kennen auch Sie den Spruch: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Leider stimmt diese Volksweisheit nicht, wenn es sich um seelische Traumata handelt. Sie können eventuell über Jahrzehnte verdrängt werden, vergessen sind sie aber dennoch nicht. Sie können das sehr gut beobachten, wenn heute alte Menschen z. B. in Reportagen von Ereignissen aus dem 2. Weltkrieg berichten und heute noch emotional auf diese nun schon über 70 Jahre alten Ereignisse reagieren. Seien Sie sicher, dass diese Erlebnisse nicht als „erledigt“ betrachtet werden können, wenn sie nicht verarbeitet wurden.

Sicherlich machen Sie diese Erfahrung auch mit Ihren eigenen Pflegekunden, wenn diese Ihnen von Ereignissen berichten, die schon viele Jahre zurückliegen. Gehen Sie sensibel mit diesen Lebensgeschichten um.