Verlag & Akademie

Biografiebogen: Ja oder nein? So werden Sie dem MDK gerecht

16.10.2017

Spätestens seit der Einführung des Strukturmodells ist es wieder Thema: Müssen Sie für Ihre Pflege-kunden einen extra Biografiebogen ausfüllen? Die Antwort: Nein, müssen Sie nicht. Trotzdem ist es pflegefachlich erforderlich, biografisch zu arbeiten, denn ohne Einbezug biografischer Ereignisse und Gewohnheiten ist eine gute, individuelle Pflege kaum möglich.

So lauten die Kriterien, die der MDK überprüft

„Wird bei Bewohnern mit Demenz die Biografie des Bewohners beachtet und bei der Pflege und Betreuung berücksichtigt?“, lautet eine Frage aus den Transparenzkriterien zur Überprüfung der Qualität in stationären Einrichtungen. Für ambulante Dienste heißt die Frage: „Werden bei Menschen mit Demenz die biografischen und anderen Besonderheiten bei der Leistungserbringung beachtet?“ Worin liegt der Nutzen dieser Fragen und was bedeuten sie für Ihre Arbeit und die Pflegequalität?

Biografie soll in die Arbeit mit einfließen

Laut Qualitätsprüfkriterien sind die Fragen erfüllt, wenn die Pflege auf der Grundlage relevanter Biografieangaben des Pflegekunden erfolgt. Dazu gehören Informationen zu Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen des Pflegekunden. Auch Angaben zu Bildung und Beruf, Freizeit und Familie sowie besondere Lebensereignisse sollten, laut Pflegetransparenzkriterien, enthalten sein.

Weshalb ein Biografiebogen manchmal keinen Sinn macht

Wir kennen Biografie-Formulare in zahlreichen Varianten. Einige gehen sehr ins Detail, was das Ausfüllen sowohl für Sie als Pflegekraft als auch für den Pflegekunden oder dessen Angehörigen schwer machen kann. Das „Ausfragen“ des Pflegekunden empfinden Pflegekräfte häufig als unangenehm. Das Gleiche gilt oft für alte Menschen. Dies kommt in der Antwort eines Pflegekunden zum Ausdruck, der einer Pflegekraft beim Ausfüllend des Biografiebogens zur Antwort gab: „Wollen Sie jetzt auch noch wissen, ob ich im Gefängnis war!“ In unserem Tipp erfahren Sie mehr zum Thema.

Im Strukturmodell gibt es klare Regelungen

Wenn Sie bzw. Ihre Einrichtung oder der ambulante Dienst mit dem Strukturmodell arbeiten, kennen Sie sicher die Vorgaben bezüglich eines Biografiebogens. Die entbürokratisierte Pflegedokumentation erhebt biografische Angaben Ihres Pflegekunden ausschließlich im Rahmen der strukturierten Informationssammlung (SIS). Dabei werden nur Informationen erhoben, ,,wenn sie eine Wichtigkeit für die momentane pflegerische Versorgung und Betreuung Ihres Pflegekunden darstellen“. Dies wären beispielsweise Familiensituation und Beziehungen, frühere Gewohnheiten und Rituale sowie soziale, kulturelle und religiöse Hintergründe.

Biografiebögen sind nur für Einzelsituationen

Die separaten Biografi ebögen sollen dementsprechend nur für spezielle Einzelsituationen herangezogen werden. Dies wäre denkbar für Pflegekunden, die an einer fortgeschrittenen Demenz erkrankt sind und spezielle pflegerische Interventionen benötigen.

Mein Tipp für Sie: Vertreten Sie Ihren Standpunkt

Machen Sie es sich zur Gewohnheit, biografische Informationen in Ihre pflegerischen Pläne mit einzubinden. So wird deutlich, dass Sie Biografiearbeit pflegen, auch wenn kein extra Biografiebogen vorhanden ist. Sollte in Qualitätsprüfungen ein Biografiebogen „verlangt“ werden, gehen Sie in Diskussion. Scheuen Sie sich nicht davor, Ihren Standpunkt nachhaltig zu vertreten: Individuelle Pflege hängt nicht vom Ausfüllen eines Fragebogens ab, sondern von Ihrer professionellen Haltung und Ihrem echten Interesse Ihrem Pflegekunden gegenüber.

„Dos and Don’ts“ der Biografiearbeit

Gründe, die gegen das schematische Ausfüllen eines Biografiebogens sprechen:

  • Der alte Mensch, vielleicht auch seine Angehörigen, fühlt/fühlen sich „ausgefragt“.
  • Ihr Pflegekunde wird möglicherweise in Verlegenheit gebracht (beispielsweise ist für viele alte Menschen eine Scheidung eine eher peinliche Angelegenheit, die nicht gern „preisgegeben“ wird).
  • Biografiebögen verschwinden oft in Archiven und werden nicht mehr gelesen.
  • Biografische Daten, die in Fragebögen abverlangt werden, sind oft schwer oder gar nicht zu erhalten. Dadurch ist das Formular nie „fertig“. Das ist ja auch nicht der Sinn von Biografiearbeit.
  • Das Formular beschränkt sich meist auf isolierte Elemente und „Rohdaten“ wie Schule, Ausbildung, Heirat, Kinder, Tod des Partners. Die damit zusammenhängenden Informationen werden oft nicht erhoben. Gerade diese wären jedoch oft wichtig für die konkrete pflegerische Tätigkeit.

So sollte Biografiearbeit stattfinden:

  • Biografiabereit, ist eine individuelle Geschichte. Seien Sie bereit,  sich auf Ihren Pflegekunden einzulassen.
  • Arbeiten Sie mit Angehörigen zusammen, wenn es nicht mehr möglich ist, Gespräche mit Ihrem Pflegekunden zu führen (z. B. wegen einer Demenz).
  • Seien Sie aufmerksam. Viele Informationen über die Biografie Ihrer Pflegekunden erhalten Sie im Alltag, beispielsweise bei Gruppenaktivitäten oder auch in Einzelgesprächen.
  • Fragen Sie insbesondere orientierte Pflegekunden aber, ob sie im Gespräch Erfahrenes in die Pflegedokumentation für alle sichtbar eintragen dürfen.
  • Beobachten Sie in bestimmten Situationen, worauf Ihr Pflegekunde reagiert.
  • Manche Bilder sind Auslöser für das Erinnern an Begebenheiten in der Vergangenheit. Sie können beruhigend oder aktivierend wirken.
  • Binden Sie aktuelle Geschehnisse, z. B. Feiertage, in das Gespräch ein. Sehr schnell lässt sich eine Brücke zu „früher“ schlagen und Sie erfahren viel über damalige Lebensgewohnheiten Ihres Pflegekunden.

Das folgende Muster zur Erstellung eines Biografiebogens hilft Ihnen bei der Biografiearbeit in Ihrer Einrichtung:

Muster-Biografiebogen

Nein, Danke

Menschen mit Demenz professionell pflegen

Wichtige Informationen zum Thema Pflege und Betreuung bei Demenz. So bewältigen Sie als Pflegefachkraft die speziellen Herausforderungen.

Herausgeber: VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG
Sie können den kostenlosen E-Mail-Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Datenschutz-Hinweis