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Chronische Schmerzen bei Demenzpatienten erkennen

20.03.2020

Demenziell veränderte Menschen drücken Schmerz häufig nicht direkt, sondern durch herausfordernde Verhaltensweisen aus. So erscheint etwa unsere Pflegekundin Frau Storch auf den 1. Blick „schwierig“ und „nörgelig“, weil sie an manchen Tagen an allem etwas auszusetzen hat. Beim Aufstehen und den Transfers beschwert sie sich etwa darüber, dass die Pflegekraft zu kalte oder zu warme Hände hat oder zu laut oder leise spricht.

Forschen Sie nach

Fast alle Mitarbeiter vermuteten zunächst, dass ihr unwirsches Verhalten durch die Demenzerkrankung verursacht sei. Die Situation erschien jedoch in einem vollkommen anderen Licht, als der Sohn feststellte: „Früher hatte meine Mutter immer starke Schmerzen im Nacken und im Rücken. Heute klagt sie gar nicht mehr darüber.“ Nach dieser Information forschte die zuständige Fachkraft intensiver nach, ob Frau Storchs Verhalten ein Ausdruck chronischer Schmerzen sein könnte.

Unterscheiden Sie zwischen akutem und chronischem Schmerz

Das Beispiel von Frau Storch zeigt, wie komplex eine Schmerzeinschätzung bei demenziell veränderten Pflegekunden sein kann. Bisher waren die Pflegekräfte davon ausgegangen, dass Frau Storch mitteilen kann, ob sie Schmerzen hat. Denn sie reagierte auf Schmerzreize, wie etwa den Stich beim Blutzucker messen, mit: „Sie tun mir ja weh, was soll das?“ Hierbei berücksichtigten sie jedoch nicht, dass sich akute Schmerzen von chronischen Schmerzen deutlich unterscheiden.

Akuter SchmerzChronischer Schmerz
tritt plötzlich auf.steigert sich je nach Ursache.
kann durch eine unzureichend behandelte akute
Schmerzsituation entstehen.
ist zeitlich begrenzt. hält länger als 3–6 Monate an (gegebenenfalls
können sich chronische Schmerzen auch schon
nach 6 Wochen entwickeln).
Ursache ist meist eine Gewebe- oder
Organschädigung.
hat meist mehrere Ursachen gleichzeitig, die häufig
nicht deutlich voneinander abgrenzbar sind.

Berücksichtigen Sie die individuelle Wahrnehmung

Bei Frau Storch wird der Unterschied zwischen dem Erleben akuter und chronischer Schmerzen deutlich. Sie kann einen plötzlich auftretenden Schmerz als solchen wahrnehmen und sich zur Schmerzstärke äußern. Wenn die Pflegekraft direkt nach der Blutzuckermessung fragt: „War es sehr schlimm?“, antwortet Frau Storch: „Scheußlich, aber nun ist es ja vorbei.“ Chronische Schmerzen hingegen sind für die Betroffenen eine allgegenwärtige Qual, die sie ständig im Alltagshandeln beeinträchtigt.

Fragen Sie direkt nach. Die Betroffenen können sich von ihrem Schmerz nicht mehr abgrenzen. Diesen Zustand kann auch Frau Storch aufgrund ihrer demenziellen Erkrankung nicht mehr kognitiv bewältigen bzw. adäquat ausdrücken. Wenn die Pflegekräfte sie hingegen gezielt fragen, sagt sie: „Mir tut alles weh.

Zur Erfassung von Schmerzen ist die Eigenauskunft das sicherste Instrument. Einige demenziell veränderte Menschen können noch äußern, ob ihnen etwas wehtut oder nicht. Manchmal ist es sogar noch möglich, dass sie die Stärke ihrer Schmerzen nennen. So ist es möglich, dass Sie mithilfe der Numerischen Rating-Skala (NRS) die Schmerzen Ihrer Pflegekunden mit Demenz bewerten können. Die Abstufung geht hierbei von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (stärkster vorstellbarer Schmerz).

Falls Ihr Pflegekunde dies nicht mehr umsetzen kann, steigen Sie probehalber auf eine 4-stufige verbale Abfrage um. Lassen Sie sich erklären, ob Ihr Pflegekunde keine, schwache, mäßige, starke Schmerzen hat. Möglicherweise kann er hierauf leichter antworten.

Orientieren Sie sich an nonverbalen Signalen

Doch viele Ihrer demenziell veränderten Pflegekunden können Ihnen selbst bei einer vereinfachten Fragestellung wenig oder keine zielführenden Auskünfte mehr über ihre Schmerzen geben. Entsprechend ist es wichtig, dass Sie lernen, die individuellen Signale der Person zu deuten. Bei Frau Storch können die Pflegekräfte die Schmerzstärke anhand der deutlichen Abwehrreaktion ablesen. Doch nicht immer ist es so einfach. Bei einem anderen Pflegekunden erkennen Sie möglicherweise nur anhand einer schnellen und flachen Atmung, dass er Schmerzen hat.

Die folgenden nonverbalen Symptome können auf Schmerzen hindeuten:

  • Ihr Pflegekunde ist unruhiger als sonst oder neigt zu ungewöhnlicher Aggressivität.
  • Er läuft ungewöhnlich lange oder schnell hin und her oder schaukelt monoton vor sich hin.
  • Er wimmert, stöhnt oder schreit.
  • Er hat einen angespannten oder ängstlichen Gesichtsausdruck.
  • Sie erkennen eine Schonhaltung oder eine verkrampfte Körperhaltung.
  • Ihr Pflegekunde reagiert empfindlicher auf Berührungen oder wehrt sie ab.
  • Er wirkt orientierungsloser als gewöhnlich oder kann Alltagshandlungen schlechter umsetzen.
  • Er hat weniger Appetit, isst weniger und/oder verliert an Gewicht.
  • Sein Allgemeinzustand verschlechtert sich.
  • Er wirkt ungewöhnlich teilnahms- und interesselos.
  • Er reagiert kaum oder weniger auf Trost oder Zuwendung.
  • Körperliche Anzeichen sind etwa veränderter Atemrhythmus, übermäßiges Schwitzen, erhöhter Blutdruck und Herzrasen, Muskelanspannung

Tipp: Achten Sie auf außergewöhnliches Verhalten
Immer wenn Ihr Pflegekunde sich ungewöhnlich verhält, kann dies auf Schmerzen hindeuten. Manche sonst sehr umtriebigen demenziell veränderten Menschen werden etwa ungewöhnlich ruhig. Umgekehrt reden sehr ruhige Personen plötzlich viel und aufgeregt, wiegen den Körper hin und her und/oder entwickeln ungewohnte Lauftendenzen.

Arbeiten Sie mit der BESD-Skala

Neben der Beobachtung der entsprechenden Signale bietet eine Einschätzungsskala den Vorteil, dass Sie immer nach den gleichen Kriterien nach einem festgelegten Schema beurteilen. Hierdurch können Sie Verbesserungen und Verschlechterungen besser erkennen. Im Folgenden finden Sie das Einschätzungsinstrument „Beurteilung von Schmerzen bei Demenz (BESD-Skala)“ als übersichtliches Muster zum Ankreuzen. In ihm bewerten Sie die genannten Kriterien möglichst, wenn Ihr Pflegekunde sich bewegt.

Kriterium

Gesichtsausdruck

0 Punkte

Ihr Pflegekunde lächelt oder hat einen neutralen Gesichtsausdruck.

1 Punkt

  • Er schaut traurig
  • oder/und ängstlich
  • oder/und sorgenvoll

2 Punkte

Er grimassiert bzw. hat eine verzerrte Mimik.

Körpersprache

Er wirkt entspannt.

  • Er hat eine angespannte Körperhaltung
  • oder/und geht nervös hin und her
  • oder/und nestelt an seiner Kleidung bzw. knetet seine Hände.

  • Ihr Pflegekunde hat eine starre Körperspannung
  • oder/und ballt seine Fäuste
  • oder/und zieht die Knie an
  • oder/und entzieht sich während pflegerischer Handlungen
  • oder/und stößt Sie
  • oder/und schlägt

Negative Lautäußerungen

Seine Lautäußerungen sind unauffällig.

  • Er ächzt oder stöhnt gelegentlich
  • und/oder äußert sich leise negativ bzw. missbilligend.

  • Ihr Pflegekunde ruft mehrmals beunruhigt
  • und/oder stöhnt bzw. ächzt laut
  • und/oder weint.

Atmung

Er atmet normal.

  • Er atmet gelegentlich angestrengt
  • oder/und hyperventiliert kurzzeitig.

  • Er atmet laut und angestrengt
  • oder/und atmet längere Zeit tief und schnell
  • oder macht tiefer werdende und wieder abflachende Atemzüge mit Atempausen.

Hinweis: Dieser Atemrhythmus kommt auch in der Sterbephase vor. Hier ist dies meistens kein Anzeichen von Schmerzen.

Trost

Ihr Pflegekunde benötigt keinen Trost.

Es ist aufgrund der zuvor genannten Kriterien notwendig, Ihren Pflegekunden zu trösten. Sie können ihn jedoch ablenken bzw. durch Ansprache beruhigen.

Es ist aufgrund der zuvor genannten Kriterien notwendig, Ihren Pflegekunden zu trösten. Dies gelingt Ihnen jedoch weder durch Ablenkung noch durch Berührung oder Ansprache.

Anleitung: Führen Sie die Einschätzung möglichst immer in der gleichen (aktiven) Situation durch (z. B. bei der Körperpflege, dem Transfer). Beobachten Sie Ihren Pflegekunden etwa 2 Minuten lang und kreuzen Sie anschließend auf dem Musterbogen die zutreffenden Verhaltensweisen an.  Achten Sie parallel darauf, ob die beschriebenen Kriterien auch in Ruhe auftreten.

Auswertung:

Addieren Sie die Punkte zu den Kriterien 1–5. Die maximale Punktzahl beträgt 10. Bitten Sie den Arzt bei einem Wert von 6 oder mehr um eine entsprechende Schmerzmedikation.

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