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3 einfache Tipps, wie Sie Ihren Pflegekunden in seiner Wahrnehmungsfähigkeit unterstützen können

05.10.2018

Haben Sie schon einmal vom taktilen Sinn gehört? Der taktile Sinn hat mit Berührung zu tun. Andere Namen sind Tastsinn und Berührungssinn und meinen die Sinne, mit denen wir Menschen unsere Umwelt bewusst wahrnehmen. Wie fühlt sich z. B. die Tasse an, ist sie heiß oder kalt? Wie liegt die Gabel in der Hand? Wie halte ich einen Gegenstand? Wie erhalte ich Sicherheit über das Abstützen der Hände auf der Stuhllehne? Wie spüre ich den Händedruck einer anderen Person? Was kann ich alles mit meinen Händen berühren?

Doch wie ergeht es einem Menschen mit Demenz, der in seiner taktilen Wahrnehmung beeinträchtig ist, sich somit nicht mehr auf seine Sinne verlassen kann und für den die Umwelt dadurch zunehmend diffus und unverständlich wird? Die gute Nachricht: Sie als Pflege- und Betreuungskraft können viel tun, um Menschen mit Demenz in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit zu unterstützen. Wie Sie das machen, erfahren Sie im folgenden Beitrag.

Ohne Wahrnehmung kein Erkennen

Die Wahrnehmung eines Menschen erfolgt über alle Sinne. Diese Sinnesreize werden im Gehirn verarbeitet und der Körper kann auf die Sinnesanregungen antworten. Bei Menschen mit Demenz kommen über alle Sinnesorgane immer weniger Informationen an. Alle sogenannten Feinsinne wie das Hören, das Sehen, das Schmecken oder das Riechen können sich im Laufe der Demenzerkrankung verändern.

Kommt dann noch hinzu, dass ein Mensch immer weniger taktile Wahrnehmungsangebote erhält, durch z. B. Immobilität, nimmt die eigene Wahrnehmungsfähigkeit immer mehr ab. Der Mensch erkennt sich selbst und seine Umwelt nicht mehr und fühlt sich zunehmend isoliert.

Menschen mit Demenz sind auf der Suche nach Sinnesanregungen

Je mehr wir über die Wichtigkeit von Wahrnehmungsimpulsen wissen, desto verständlicher werden auch Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz, die auf den 1. Blick eher merkwürdig wirken. So sind das Ihnen bekannte sogenannte Nesteln, z. B. an Kleidung, oder das Wischen mit den Händen auf der Tischplatte zunächst unsinnige Verhaltensweisen.

Auf den 2. Blick aber zeigen uns Menschen mit Demenz dadurch, dass sie Anregungen suchen, um sich selbst und ihre Umwelt zu spüren. Daher sollten Sie Ihren Pfl egekunden mit Demenz taktile Spürangebote machen.

Ihre Haltung zu taktilen Spürangeboten macht das Angebot so wertvoll

Mithilfe taktiler Spürangebote können Sie Menschen mit Demenz unterstützen, weiterhin am Leben teilzuhaben und das eigene Leben zu spüren. Wie Sie es aus Ihrem ambulanten oder stationären Praxisalltag kennen, ist es wichtig, die Angebote immer individuell auf die einzelne Person abzustimmen. Was für den einen passt, gefällt dem anderen vielleicht gar nicht.

Auch die Tageszeiten und die persönlichen Befindlichkeiten spielen eine große Rolle. Ein und dasselbe Angebot wird z. B. am Morgen von einer Person abgelehnt, am Abend aber freudig begrüßt. Diese „Suchhaltung“, ob ein Angebot passend ist oder nicht, einhergehend mit Ihrer Beobachtungsgabe verlangen Ihnen als Pflege- und Betreuungskraft einiges ab. Aber genau diese Haltung ist es, die Ihre Angebote so wertvoll für die Ihnen anvertrauten Menschen machen.

Spürimpulse im Pflegealltag

Gelegenheit für taktile Spürimpulse gibt es überall. Wichtig ist, dass Sie dem einzelnen Menschen regelmäßig die Möglichkeit geben, Spürinformationen zu erhalten, sodass die Person mit sich und ihrer Umwelt in Kontakt bleibt.

Bei allen Spürangeboten gilt:

  1. Taktile Spürangebote sind nicht ergebnis-, sondern prozessorientiert. Das bedeutet, dass auf einen Reiz keine bestimmte Reaktion erwartet wird.
  2. Spürimpulse sind Angebote für den Augenblick und für die betreffende Person und stehen unter dem Motto „Alles kann – nichts muss.“.
  3. Der Prozess in der Interaktion, das momentane Spüren stehen im Vordergrund und nicht das Ergebnis, wie z.B. die sauberen Hände nach einem Handbad.

Hinweis: Beachten Sie bei Ihren Angeboten für die Hände, ob es Besonderheiten gibt, die gegebenenfalls auch eine Absprache mit einem Arzt nötig machen, z. B. Schmerzen in den Händen, Gicht, Hautveränderungen, Nagelentzündungen, Verletzungen, Kontaktallergien.

3 sehr gute taktile Spürangebote für Ihre Betreuungsarbeit

1. „Ein Handbad bringt Leichtigkeit ins Spüren“

Ein Handbad braucht nicht viel Zeit, bietet dafür aber viele wichtige Spürinformationen und fördert das Körperempfinden.

Kontraindikation: offene Wunden, Hautverletzungen

Materialien:

  • Waschschüssel
  • warm temperiertes Wasser, zirka 35–40 °C
  • 2 Handtücher
  • 1 Waschhandschuh
  • gegebenenfalls Waschlotion
  • Feuchtigkeitslotion oder Öl zum Eincremen der Hände

Durchführungszeit: ca. 10-15 Minuten

Füllen Sie warmes Wasser in die Waschschüssel und stellen Sie diese auf eine feste Unterlage (den Tisch, falls der Pfl egekunde sitzt, oder den Nachttisch, falls die Person aufrecht im Bett sitzt). Eine Waschlotion ist für diese Angebot nicht notwendig. Auf Wunsch Ihres Pflegekunden können Sie aber etwas Lotion hinzugeben.

Legen Sie ein Handtuch unter die Schüssel, damit diese nicht rutscht und auch mal ein bisschen Wasser danebengehen kann. Die Arme des Pflegekunden sollten entspannt und nicht durchgedrückt sein, sodass die Position eine Weile ohne Anstrengung gehalten werden kann. Gegebenenfalls unterstützen Sie die Ellbogen mit Kissen. Der Rücken sollte angelehnt sein, sodass sich die Person wirklich entspannen kann.

Für ein entspannendes Handbad nehmen Sie für die Person angenehm warmes Wasser. Lassen Sie die Temperatur durch die Person mit einem Finger vorsichtig testen und passen Sie die Wassertemperatur gegebenenfalls an. Dann führen Sie erst die eine und dann die andere Hand Ihres Pflegekunden in das Wasser.

Lassen Sie sich die Hände Ihres Pflegekunden ruhig erst an das Wasser gewöhnen. Vielleicht entstehen sogar Eigenbewegungen der Finger, denn durch die Wärme und das Wasser fallen Bewegungen der Finger häufig leichter als „auf dem Trockenen“. Diese neue Leichtigkeit in der Bewegung wird in der Regel als sehr angenehm empfunden.

Mit dem Waschhandschuh können Sie nun eine Hand nach der anderen vom Handgelenk zu den Fingern ausstreichen. Umfassen Sie dabei jeden Finger einzeln und denken Sie auch daran, die Fingerspitzen zu umrunden. So geben Sie zusätzliche Spürinformationen für die Hände.

Gönnen Sie Ihrem Pflegekunden noch ein wenig Zeit, um seine Hände im warmen Wasser ruhen zu lassen oder zu bewegen.

Helfen Sie dann dabei, die Hände aus dem Wasser zu nehmen und abzutrocknen. Wenn der Pflegekunde dies wünscht, cremen Sie die Hände mit der Pflegelotion oder dem Öl ein. Dies gibt den Händen Feuchtigkeit zurück und ist ein schöner Abschluss des Handbades.

Entfernen Sie die Waschutensilien und sorgen Sie dafür, dass Ihr Pflegekunde in einer bequemen Sitzhaltung noch ein wenig nachspüren kann, bevor der Alltag weitergeht.

2. „Tanz der Hände“

Mit zunehmender Demenz kann es auch vorkommen, dass die Finger immer unbeweglicher werden. Das Strecken der Finger macht Mühe und manchmal ballen sich Hände zunehmend zu einer Faust und können schwer geöffnet werden. Diese Kontrakturen verhindern zum einen die oben beschriebenen Spürimpulse und zum anderen fördern sie die Unselbstständigkeit.

Denn um z.B. den Löffel und den Becher zu halten, brauchen Menschen den Pinzettengriff von Daumen und Fingern. Ermöglichen Sie dem Menschen mit Demenz, seine Hände bewusst zu spüren, auch damit die Beweglichkeit länger erhalten bleiben kann.

Den „Tanz der Hände“ können Sie mit und ohne Musik durchführen. Erfahrungsgemäß bringt es aber allen Beteiligten Spaß, die Hände zu einer Lieblingsmusik zu bewegen.

Viele Bewegungen ergeben sich auch aus der Schnelle oder Langsamkeit von Musikstücken. Greifen Sie die Bewegungsimpulse der Teilnehmenden auf.

Bewegungsideen für den „Tanz der Hände“

  • Zunächst werden die Handflächen aneinander gerieben, um sie aufzuwärmen. Im Rhythmus der Musik wird geklatscht, alternativ geben Sie einen Klatschrhythmus vor, der nachgeklatscht werden kann.
  • Dann werden ein paar Mal alle 5 Finger weit ausgestreckt, ein wenig gehalten und nochmal gestreckt.
  • Dann werden erst langsam die 4 Finger Richtung Daumen zur lockeren Faust gebracht und wieder geöffnet, dann – wenn die Teilnehmer dies können und möchten – immer schneller die Faust geschlossen und geöffnet.
  • Bringen Sie dann die Kuppen jedes Fingers einzeln und nacheinander zu der Daumenkuppe. Wechseln Sie die Hände.
  • Zum Abschluss können die Teilnehmenden die Hände auf dem Tisch oder dem Schoß ablegen und nachspüren.

Hinweis: Lassen Sie die Hände frei nach der Musik bewegen oder geben Sie Bewegungsimpulse vor: Hände können schweben, greifen, tasten, sich schütteln, liegen, klatschen, schnell oder langsam sein, in die Höhe fliegen und wieder landen.

3. „Die Welt in die Hände bringen“

Lassen Sie die Welt erfahren, indem Sie Gegenstände in die Hand geben oder zum Ertasten reichen. Dies können vertraute Gegenstände sein, wie z.B. die eigene Haarbürste, aber auch Materialien von unterschiedlicher Textur und Schwere, z. B. weicher Samtstoff, harter Jutestoff, Wattebällchen, eine Teekanne, ein Fühlmemory, Hautcreme, der 1. Schnee, eine Kastanie, ein Ball mit und ohne Noppen.

Neben diesem gezielten Angebot können Sie auch im Alltag Ihres Pflegekunden über die Hände Spürinformationen ermöglichen.

So können z.B. Wäsche oder Socken zusammengelegt werden oder die Tischdecke kann unterschiedliche Texturen haben, sodass beim Abwischen unterschiedliche Informationen über die Hände aufgenommen werden.

Eine sogenannte Nesteldecke auf dem Schoß (zusammengenäht aus unterschiedlichen Stoffen, mit Taschen, die mit den Händen erkundet werden können oder in die etwas hineingelegt und herausgeholt werden kann, mit angebrachten Gegenständen etc.) kann den Händen Interessantes bieten.

Für Menschen im Bett können seitlich am Bett Schnüre angebracht werden, an denen Gegenstände befestigt werden, die zum Befühlen einladen. Achten Sie auch darauf, dass der Nachttisch so steht, dass die Person die Schublade öffnen und „kramen“ kann. Geben Sie auch eine Handtasche in die Hände, dort können die darin liegenden Gegenstände betastet werden.

Fragen Sie auch Angehörige, welche Gegenstände von Bedeutung für Ihre Pflegekunden sind. Dies kann ein kleiner Halbedelstein sein oder die selbst gestickte Decke.

Mit dem Blick auf Spürimpulse fallen Ihnen sicherlich noch viel mehr Dinge ein, die Sie Ihren Pflegekunden in die Hände geben können. Dies ist nicht banal, sondern bringt die „Welt in die Hände“ der Ihnen anvertrauten Menschen.

Die Autorin: Anne Brandt ist Dipl.-Sozialpädagogin und tätig im Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein.

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