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Das passende Pflegemodell: Ihre tägliche Arbeit mit demenzerkrankten Migranten in Pflege und Betreuung

01.05.2020

Wenn Sie kultursensibel pflegen, gehen Sie achtsam auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen mit ihren kulturellen, religiösen und persönlichen Hintergründen sowie auf ihre Biografie ein. So kann Ihnen z. B. das Pflegemodell von Krohwinkel mit den Aktivitäten und essenziellen Erfahrungen des Lebens und der damit verbundenen Sicht auf den Menschen als einheitliches, integrales Ganzes helfen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Wir haben uns daran orientiert.

1. Kommunizieren

Die Gedächtniseinbußen bei Menschen mit Demenz machen sich vor allem im Kurzzeitgedächtnis bemerkbar. Erinnerungen aus der Kindheit, Jugend und dem früheren Erwachsenenalter bleiben noch länger präsent. Demenzerkrankte, die ihr Leben hauptsächlich in einem anderen Land verbrachten, verlieren oft die Erinnerung an ihr Leben in Deutschland und damit auch die Fähigkeit, Deutsch zu sprechen. Migranten mit einer Demenz kehren infolge der Erkrankung häufig zu ihrer Muttersprache zurück.

Auch wenn die Betroffenen tadelloses Deutsch gesprochen haben, kann diese Fähigkeit mit dem Fortschreiten der Erkrankung verloren gehen. Viele haben aufgrund mangelnder Bildungsvoraussetzungen, der charakteristischen Rückkehrillusion und fehlender Integration oftmals auch kaum Deutsch gelernt.

Zusammen mit der Demenz können Verständigungsprobleme deshalb verstärkt zu Fremdheits- oder gar Angstgefühlen führen. Versuchen Sie deshalb, eine gemeinsame Kommunikationsebene zu finden. Nonverbale Kommunikation gewinnt im Umgang mit Menschen mit Demenz verstärkt an Bedeutung.

Dabei müssen unterschiedliche Bedeutungen von Gestik und Mimik in unterschiedlichen Kulturen beachtet werden. So werden Berührungen oder auch das Reichen der Hand zur Begrüßung bei Frauen nicht überall als selbstverständlich gesehen bzw. akzeptiert. Sollte es nur noch möglich sein, mit einem Betroffenen in der Muttersprache zu kommunizieren, beachten Sie folgende Punkte:

  • Haben Sie Kollegen im Team, die Muttersprachler sind? Diese können Ihnen bei der Übersetzung helfen.
  • Reden Sie mit Händen und Füßen. Setzen Sie als sprachunterstützendes Element verstärkt Mimik und Gestik ein.
  • Verwenden Sie zur Verständigung Piktogramme, Wörterbücher oder Übersetzungsprogramme für die wichtigsten Begriffe.
  • Fragen Sie die Angehörigen, wie bestimmte Begriffe, wie z. B. „Essen“, in ihrer Sprache lauten.

Sie können auch Kontakte zu ausländischen Gemeinden und Gruppen knüpfen. Möglicherweise finden Sie dort Ehrenamtliche, die bereit sind, zu übersetzen. Der Einsatz von Dolmetschern oder Hilfsmitteln ist sinnvoll und manchmal erforderlich. Im stationären Bereich kann es hilfreich sein, mehrsprachige Kennzeichnungen für öffentliche Räume (Speiseraum, WC), den Speiseplan und den Veranstaltungskalender sowie muttersprachliches TV- und Radioprogramm zu nutzen.

2. Sich bewegen

Abweichende Krankheitsbewertungen und Altersbilder älterer Menschen mit Migrationshintergrund widersprechen oft den Anforderungen einer mobilisierenden Pflege. In vielen Herkunftsregionen ist das Alter gleichbedeutend mit Würde und Achtung mit der Konsequenz, dass Jüngere (vor allem Familienmitglieder) den Senioren alles abnehmen (müssen).

Entsprechend führen z. B. Aufforderungen zu mehr Bewegung, Krankengymnastik oder gar sportlicher Betätigung häufig zu Verunsicherung oder Ablehnung. Versuchen Sie deshalb vorsichtig, Ihre Menschen mit Demenz zu motivieren. In vielen Fällen regt schon das „Dabeisitzen“ zum Mitmachen an und Sie benötigen keine größeren Motivationsanstrengungen Ihrerseits.

3. Vitale Funktionen des Lebens aufrechterhalten

Besonderheiten kann es auch immer wieder bei der Fragestellung nach lebensverlängernden Maßnahmen geben. In Zusammenhang mit einer Krankheitsbewertung als „gottgewollt“ oder „schicksalhaft“ kann es – verbunden mit einer hohen Erwartungshaltung – zu einer vollständigen Delegation der Verantwortung an Sie als Pflegekraft oder an das medizinische Personal kommen.

Zusätzlich kann die fehlende Krankheitseinsicht bei fortschreitender Demenz hier in Missverständnissen und mangelndem Entgegenkommen resultieren. Sprechen Sie die Problematik im Vorfeld mit allen Betroffenen an und finden Sie, wenn möglich, schon vorab Lösungen.

4. Körperpflege

Die Pflege durch Familienmitglieder wird in vielen anderen Kulturen – mehr noch als in der westlichen Gesellschaft – bevorzugt und als selbstverständlich angesehen. Gerade im Austausch mit Angehörigen, Ärzten und Therapeuten können Sie Erfahrungen über kulturell bedingte unterschiedliche Scham- und Schmerzempfindungen, Waschgewohnheiten und Einstellungen zu behandlungspflegerischen Maßnahmen zusammengetragen. Pflegerelevante Handlungen, insbesondere in Bezug auf persönliche Hygiene, können nach religiösen Gesichtspunkten variieren.

Praxisbeispiel: Im Islam gelten sämtliche Körperausscheidungen als „unrein“. Für viele Muslime gilt z. B. die linke Hand als unrein, weil man sich früher nach den Ausscheidungen mit dieser Hand säuberte. Aus diesem Grund wird diese Hand weder zum Essen noch zur Begrüßung benutzt.

Gläubige Muslime reinigen vor der Nahrungsaufnahme und nach dem Toilettengang die Hände stets unter fließendem Wasser, denn nur fließendes Wasser hat für sie eine reinigende Wirkung. Hinzu kommt, dass es für viele Muslime häufig als eine Demütigung wahrgenommen wird, sich Fremden gegenüber nackt zu zeigen, vor allem, wenn es nicht das gleiche Geschlecht ist.

Demenzerkrankte können im Laufe der Erkrankung zu strengen Ritualen zurückkehren, die sie in jüngster Vergangenheit vielleicht gar nicht mehr ausübten. Deswegen kann es sein, dass auch den Angehörigen diese Rituale nicht bekannt sind. Stehen Ihnen darüber keine näheren Informationen zur Verfügung, ist es wichtig, dass Sie sich kulturspezifisch informieren, welche „Vorschriften“ es gibt.

Probieren Sie langsam, sensibel und in ruhiger Atmosphäre aus, wie die entsprechende Körperpflege auf den Betroffenen wirkt. Besonders bei Ausscheidungen spielt Scham eine große Rolle. Sie sollten versuchen, die Pflege durch eine gleichgeschlechtliche Person zu gewährleisten. Oft werden Pflegehandlungen in diesem Bereich z. B. durch türkische Migranten vehement abgelehnt. Viele Gläubige waschen sich nur unter fließendem Wasser, bei immobilen Pflegebedürftigen können z. B. eine Schüssel und ein Waschkrug verwendet werden.

5. Essen und Trinken

Obwohl sich Ernährungsgewohnheiten im Laufe der Zeit häufig denen des Einwandererlands angleichen, kehren ältere und insbesondere demenzerkrankte Menschen mit Migrationshintergrund im Laufe der Krankheit oft wieder zu ihren Wurzeln zurück. Versuchen Sie, religiöse individuelle Vorschriften zu beachten. Beispielhaft sei hier auf Fastenzeiten, koscheres Essen oder die Ablehnung bestimmter Fleischsorten je nach Religionszugehörigkeit hingewiesen.

Das Angebot vegetarischer oder vermeintlich schweinefleischfreier Nahrung allein genügt jedoch nicht, da z. B. strenggläubige Muslime auch sichergehen wollen, dass die Zubereitung einem festgelegten Ritus folgt. Angehörige bringen deshalb häufig entsprechend zubereitetes Essen in Pflegeeinrichtungen mit.

Bei den Zwischenmahlzeiten kann z. B. mit Nussmischungen, Datteln, Mangos oder Baklava auf mögliche Vorlieben der Bewohner eingegangen werden. Auch ein Tee aus dem Samowar kann das Getränkeangebot stimmungsvoll abrunden. Seien Sie sich bewusst, dass gerade das Speisenangebot signalisiert, ob eine Einrichtung als kultursensibel wahrgenommen wird.

Fragen Sie die Angehörigen, welche speziellen Ernährungsgewohnheiten es in ihrer Kultur gibt. Es ist möglich, dass der Demenzerkrankte schlecht isst, weil ihm gewisse Gerichte nicht bekannt sind. Versuchen Sie deswegen, im Alltag verschiedene Ernährungsgewohnheiten und kulturelle Speisen zu berücksichtigen.

So überprüfen Sie die Ernährungsgewohnheiten

  1. Ist sichergestellt, dass beim Speisenangebot die Vorlieben von Bewohnern sowie religiöse Vorgaben und Tabus berücksichtigt werden können?
  2. Ist die Küchenleitung für die Speisevorlieben neuer Bewohner sensibilisiert?
  3. Wäre es eine Option, eine Küchenkraft einzustellen, die mediterrane Speisen „halal“ (nach islamischem Glauben erlaubt) zubereiten kann?
  4. Können Utensilien wie z. B. ein Samowar, Teegläser sowie ein spezieller Grill für Halal-Fleisch angeschafft werden?

Auswertung: Umso mehr Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, umso besser sind Sie beim leiblichen Wohl auf die interkulturellen Bedürfnisse Ihrer demenzerkrankten Pflegekunden eingestellt.

6. Kleidung

Körperpflege und Kleidung sind Ausdruck einer inneren Haltung, des momentanen Befindens, des Geschlechtes und der Individualität. Sie spielen zum Teil durch religiöse Vorschriften und kulturelle Gewohnheiten eine wichtige Rolle bei Menschen mit Demenz. So kleiden sich manche Gläubige nach rituellen oder religiösen Regeln. Diese Regeln gehen auch durch eine Demenzerkrankung nicht verloren, da sie tief verankert sind. Kleidung dient zudem nicht nur dem Schutz vor Wettereinflüssen, sondern auch als Zeichen und Kommunikationsmittel.

Häufig wird das Interesse an Kleidung unterschätzt. Früher gab es z. B. noch die „Sonntagskleidung“, welche bei vielen Älteren noch im Unterbewusstsein präsent ist. Auch die Farbe der Kleidung sollte nicht vergessen werden. In vielen Religionen und Kulturen spielen Farben seit jeher eine wichtige Rolle und haben in unterschiedlichen Gesellschaften verschiedene Bedeutungen.

Hinzu kommt, dass sie in den Religionen und Kulturen einen symbolischen Wert haben. Farben und Formen sind durch die Sinneswahrnehmungen mitunter die wichtigsten Gefühlserlebnisse für Demenzerkrankte. Nachfolgend haben wir einige Beispiele für Farben und ihre verschiedenen kulturellen Bedeutungen für Sie aufgeführt.

Beispiel: Kleidung – die Bedeutungen von Farben in anderen Kulturen

  • Schwarz: Wie Sie wissen, ist Schwarz die Farbe der Dunkelheit. Sie ist in Deutschland und in vielen weiteren Ländern die Farbe der Trauerkleidung. Schwarz hat aber auch einen feierlichen Charakter und drückt Würde und Ansehen aus.
  • Weiß: Weiß steht häufig für die Farbe der Reinheit und Unschuld. In Japan oder Korea ist sie jedoch die Farbe der Trauer.
  • Rot: Rot ist die Farbe des Feuers. Sie steht für Energie, Liebe und Leidenschaft. Sie kann jedoch auch aggressiv und aufwühlend wirken, da sie Wut und Brutalität verkörpert. In China oder Albanien steht sie für Glück und Reichtum (Brautkleidung).
  • Orange: Im Buddhismus steht Orange z. B. für die höchste Stufe der menschlichen menschlichen Erleuchtung, in den Niederlanden als Farbe der Freiheit und in Irland ist Orange die Farbe des Protestantismus.

7. Mit existenziellen Erfahrungen des Lebens umgehen

Kulturelle und religiöse Traditionen prägen den Umgang mit Krankheit, Sterben, Verlust und Tod, in den verschiedenen Kulturen unterscheiden sich auch die Formen des Trauerns. Zum Lebensende haben Menschen unterschiedliche traditionelle, spirituelle, religiöse und kulturelle Bedürfnisse. Dies ändert sich auch bei Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen nicht.

Hierzu zählen Aspekte der Trauer, des Besuchsverhaltens, der Kommunikation, des Schmerzes sowie das Verständnis von Krankheiten und Gesundheit. Wenn möglich, sollte zum Lebensende eine muttersprachliche Begleitung anwesend sein. Anhand einer Pflege-Anamnese können Sie im Voraus spezielle Bedürfnisse von Betroffenen und Angehörigen erfragen.

Mögliche Fragen für eine Pflege-Anamnese:

  • Gibt es religiöse Vorschriften oder Riten, auf die wir achten sollen?
  • Wer soll am Sterbebett dabei sein, welcher geistliche Beistand?
  • Was ist für Sie und den Betroffenen unterstützend: Gebet, Meditation oder bestimmte Rituale?
  • Sollen wir Kontakt zu einem Glaubensvertreter Ihrer Religion herstellen?
  • Wie soll mit dem Leichnam verfahren werden? Wie soll die Trauerfeier aussehen?

Für viele ist die eigene Migrationsgeschichte die wichtigste existenzielle Erfahrung. Sie sollten sich darauf vorbereiten, dass traumatische Erlebnisse etwa durch Gewalterfahrungen, Flucht und Vertreibung bei Menschen mit Demenz wieder wachgerufen werden können.

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