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Dementia Care Mapping: Informieren Sie Ihre Mitarbeiter über das Konzept

24.01.2020

Die Pflege- und Betreuungsanforderungen bei Menschen mit Demenz in der (teil-)stationären Pflege fordern sicher auch in Ihrer Einrichtung zunehmend Zeit. Dabei ergeben sich nicht selten erhebliche Probleme, denn diese Personengruppe kann kaum in die traditionellen Abläufe der körperbezogenen Verrichtungen eingebunden werden. Bewohner mit Demenz reagieren oft mit Verweigerung, Aggression oder totalem Rückzug, oder sie fordern mehr Zuwendung, als Sie und Ihre Mitarbeiter geben können.

Diese Problematik entsteht, weil Menschen mit Demenz durch ihre kognitiven Einschränkungen oft Gesprächsinhalte nicht mehr verstehen können. Das hat zur Folge, dass sie nicht mehr wissen, wo sie sich befinden und was mit ihnen geschieht.

Auswirkungen auf die pflegerische Praxis

Das Tempo, in dem die Mitarbeiter in der Pflege ihre Arbeit erledigen, ist häufig viel zu hoch, so dass die Bewohner mit Demenz nicht begreifen können, was von ihnen erwartet wird. Die Pflegekräfte und die Mitarbeiter der Betreuung reagieren häufig gestresst auf die „herausfordernden Verhaltensweisen“ der Dementen. Dieser Stress überträgt sich auf die Bewohner mit Demenz – die Unruhe steigert sich.

Die Ursache dafür lässt sich so erklären: Die kognitiven Leistungen einer Person mit Demenz nehmen zwar ab, aber Emotionen werden deutlicher und direkter aufgenommen und empfunden. Es entsteht ein Teufelskreis der Abwehr, der beide Seiten – Bewohner mit Demenz und Mitarbeiter – betrifft. Dieser Kreislauf wird noch dramatischer, wenn Mitarbeiter versuchen, ihre pflegerischen Leistungen zu erbringen, ohne einen echten empathischen Kontakt zu dem Menschen mit Demenz aufzunehmen.

Diesen Umgang habe ich des Öfteren im Pflegealltag beobachtet. Menschen mit Demenz werden gewaschen, zur Toilette begleitet, oder es wird ihnen Essen gereicht, ohne dass Blickkontakt oder eine Ansprache diese Tätigkeiten begleiten.

Mitarbeiter glauben, dass hier der Kontakt nicht nötig sei, denn der Mensch mit Demenz „bekommt ja nichts mehr mit“. Diese Schutzbehauptung kann durch Überforderung im Arbeitsalltag oder durch Unwissenheit über das Krankheitsbild entstehen. Mitarbeiter wissen oft nicht, wie sie den Kontakt aufnehmen sollen, und haben Angst, dass die Person mit Demenz sich wieder verweigert. Das Ergebnis ist Kontaktvermeidung. Dies wirkt sich natürlich negativ auf den Bewohner mit Demenz aus. Er spürt, dass er zum „Objekt“ gemacht wird, und leidet darunter oder ist gekränkt. Er reagiert durch vermehrtes „herausforderndes Verhalten“ oder zieht sich noch mehr zurück.

Beobachtungsinstrument DCM untersucht das Wohlbefinden

Im pflegerischen Alltag entsteht oft ein Unwohlsein sowohl für den Bewohner mit Demenz als auch für die Mitarbeiter. Eine Nachvollziehbarkeit der Pflegequalität ist nicht gegeben. Prof. T. Kitwood hat diese Ausgangssituation in den 90er Jahren in Großbritannien zum Anlass genommen, den personenzentrierten Ansatz bei Demenz zu entwickeln und das Wohlbefinden der Personen mit Demenz in den Mittelpunkt der Beobachtung zu stellen. Um die konkrete Pflegepraxis schrittweise auf die Pflegequalität und das Wohlbefinden hin auszurichten, wurde das Beobachtungsinstrument Dementia Care Mapping (DCM) entwickelt.

Bei der DCM-Methode steht der Mensch im Mittelpunkt

Seit 1998 ist die Methode in Deutschland bekannt und wird zunehmend angewandt. Die theoretische Grundlage von DCM ist der personenzentrierte Ansatz bei Demenz, der die Person und nicht die Erkrankung in den Mittelpunkt stellt.

Damit Wohlbefinden entstehen kann, müssen 4 Kategorien für die Person mit Demenz erfüllt sein:

  • Selbstwert – das Gefühl, persönlich wahrgenommen und geschätzt zu werden
  • Handlungsfähigkeit – das Gefühl, durch eigene Entscheidungen aktiv den Alltag mitgestalten zu können
  • Soziale Kontakte – die Möglichkeit, mit anderen erfolgreich Kontakte zu pflegen
  • Hoffnung – das Gefühl, im Krisenfall Hilfe zu bekommen

Es ist offensichtlich, dass diese Kategorien bei allen Menschen Wohlbefinden erzeugen. Personen mit Demenz benötigen hier wesentlich mehr individuelle Unterstützung als Menschen ohne Demenz. DCM wird eingesetzt, um die Pflegequalität gezielt auf das Wohlbefinden der Personen mit Demenz hin zu entwickeln.

Umsetzung von DCM in die pflegerische Praxis

Ein geschulter DCM-Beobachter verbringt einen ganzen Tag im öffentlichen Bereich der Wohngruppe und hält in 4 Ebenen fest, wie es Bewohnern mit Demenz dort geht. Dabei nimmt der Beobachter eine wertschätzende Haltung zu den Bewohnern ein und versucht, „in ihre Schuhe zu schlüpfen“. Gleichwohl ist die DCM-Beobachtung an immer wiederkehrende Regeln gebunden, so dass die Ergebnisse objektiv Bestand haben.

Ebene 1 - das Verhalten

Das Verhalten der ausgewählten Bewohner mit Demenz wird beobachtet und in 5-minütigen Zeitabschnitten kodiert. Es stehen 24 Verhaltenskodierungen zur Verfügung, die einer qualitativen, personenzentrierten Hierarchie unterliegen.

Beispiele für Verhalten mit
personenzentriertem Potenzial sind:

  • Kommunikation
  • Spiele
  • expressiver Selbstausdruck wie Singen
  • Gymnastik
  • Essen und Trinken, u.a.

Beispiele für Verhalten ohne
personenzentriertem Potenzial sind:

  • kalt und in sich gekehrt sein
  • Stress erleben
  • unbeantwortetes Rufen, u.a.

Ebene 2 - das Wohlbefinden

Parallel zum Verhalten wird in einem 5-minütigen Zeitabschnitt kodiert, welches Wohlbefinden / Unwohlsein vorhanden war. Für die Kodierung des Wohlbefindens / Unwohlseins (WIB-Wert) steht eine Skala von +5, +3, +1, –1, –3, –5 zur Verfügung. Maximales Wohlbefinden wird mit +5 kodiert, maximales Unwohlsein entspricht einem Wert von –5.

Ebene 3 - die Kommunikation

Die Interaktion zwischen Mitarbeiter und Bewohnern mit Demenz wird im Rahmen positiver Ereignisse (PE) festgehalten. Ein positives Ereignis entsteht, wenn ein Kontakt deutlich wertschätzend und anerkennend für die Person mit Demenz war.

Beispiel für eine positive Interaktion:
Eine Frau mit Demenz sitzt weinend auf dem Flur, weil sie ihre Tochter vermisst. Eine Mitarbeiterin bemerkt ihren Kummer, setzt sich zu ihr und spricht mit ihr über die Tochter, zeigt ihr vielleicht ein Foto oder eine Grußkarte der Tochter und tröstet die Frau. Diese Interaktion zeigt, dass die Gefühle der Frau ernst genommen werden und Trost gegeben wird.

Dieses positive Ereignis wird aufgezeichnet, auch wenn es das Wohlbefinden des Bewohners mit Demenz nicht sichtbar steigert. Wesentlich ist hier das Potenzial der Mitarbeiter, einen persönlichen Kontakt herzustellen. Positive Ereignisse werden unkodiert als Bericht wiedergegeben.

Ebene 4 - die Handlung

Es wird festgehalten, wenn eine Handlung durch Mitarbeiter das Personsein des Bewohners mit Demenz schädigt. Diese Handlungen werden als personale Detraktion (PD) bezeichnet.

Beispiel für eine negative Handlung / Kommunikation:
Die Frau mit Demenz sitzt weinend auf dem Flur, weil sie ihre Tochter vermisst. Eine Mitarbeiterin geht zu ihr, um ihr zu sagen, dass sie egoistisch sei und jetzt aufhören solle zu weinen. Ihre Tochter sei nun erwachsen, hätte ein eigenes Leben und keine Zeit, ständig bei ihrer Mutter zu sitzen.

Für die personale Detraktion stehen 17 Kodierungen mit jeweils 4 Schweregraden zur Verfügung. Das Beispiel würde als „Invalidieren“ kodiert (die subjektive Wirklichkeit der Erfahrungen einer Person wird nicht anerkannt und wertgeschätzt, besonders in Bezug auf das, was sie fühlt). Der DCM-Beobachter kodiert über mindestens 6 Stunden, wie Bewohner mit Demenz diesen Tag erleben (Ebene 1 und 2) und welche Qualität die Interaktionen der Mitarbeiter haben (Ebenen 3 und 4).

Auswertung und Ergebnisse der Beobachtung

Aus den erhobenen Daten wird anschließend ein Bericht erstellt. Dieser Bericht enthält einerseits Berechnungen der 1. und 2. Ebene und gibt die Beobachtungen der 3. und 4. Ebene wieder. Er enthält aber auch eine Schilderung des gesamten Tagesablaufs für jede beobachtete Person und für die beobachtete Gruppe.

Beispiel für einen Beobachtungsbericht:
„… Wenn Frau O. nicht in Aktivitäten eingebunden ist, beobachtet sie viel und geht herum. Sie verbringt 19 % ihrer Zeit in der Verhaltenskategorie Beobachten. Gelegentlich spricht sie Sitzpartner an oder reagiert, wenn sie angesprochen wird. Diese Gespräche sind nicht sehr intensiv. Beim Ballspiel am Nachmittag lachte Frau O. zum 1. Mal herzlich, dies geschah direkt nach ihrer Traurigkeitsphase. Sie hat insgesamt nur 25 Minuten mit Ballspielen verbracht, wurde in dieser Zeit jedoch kontinuierlich mit WIB-Wert +3 kodiert …“

Die Ergebnisse der DCM-Beobachtung werden dem Pflegeteam in einem Feedback- Gespräch zurückgemeldet. Dabei nimmt der Beobachter eine wertschätzende Haltung zum Team ein. Denn es geht um die konkrete Entwicklung der Pflegequalität und nicht um Maßregelungen und Zurechtweisungen. PE- und PD-Ereignisse werden dementsprechend anonym zurückgemeldet. Nach dem Feedback-Gespräch entwickelt das Team einen verbindlichen Handlungsplan, der die nächsten machbaren Schritte der Entwicklung personenzentrierter Pflege enthält. Nach ca. 4 bis 6 Monaten wiederholt sich der DCM–Zyklus aus Beobachtung, Feedback und Handlungsplan.

Schulen Sie Ihre Mitarbeiter mit einem DCM-Kurs

Um im pflegerischen Alltag die Beobachtungen durchzuführen, ist es sinnvoll die Mitarbeiter zu schulen. Im einem 3-tägigen Basiskurs werden unter anderem folgende Themen bearbeitet:

  • Grundlagen des personenzentrierten Ansatzes,
  • Grundsätze der positiven Personenarbeit,
  • Hintergrundinformationen zur Kodierungsmethode,
  • Übungen zur Kodierung der Verhaltenskategorien,
  • Vermittlung von Instrumenten der Datenverarbeitung u.a.

Tipp: Um mit DCM zu arbeiten, benötigt man nicht unbedingt eine Pflegeausbildung. Sie können auch Angehörige und Freiwillige für diese Tätigkeit gewinnen und schulen lassen. Die Kosten sind abhängig von der Schulungseinrichtung.

Vorteile des DCM für Ihre Einrichtung

Mit Hilfe des DCM-Konzeptes können Sie die Qualität der Betreuung von Dementen erhöhen. Die Vorteile für ihre Einrichtung sind:

  • konkrete Schritte der Entwicklung personenzentrierter Pflege und Betreuung planen und umsetzen,
  • die Pflegeplanung auf diese Entwicklung ausrichten,
  • Fortbildungsbedarf und -ergebnisse ermitteln,
  • organisatorische Schwachstellen wie Schnittstellenprobleme identifizieren und
  • Dienstplanungen auf die konkreten Erfordernisse ausrichten.

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